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Video-Abend zum Thema Transplantation in der Dresdner Motorenhalle

Video-Abend zum Thema Transplantation in der Dresdner Motorenhalle

Es geht um das Leben, es geht um das Herz, es geht um den Tod. Es geht um die Fragen, wann das Leben beginnt, was es ist, wann es zu Ende ist und um welchen Preis es zu verlängern ist.

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Auf der Videoleinwand berichten verschiedene Menschen über ihre Erfahrungen mit dem Thema Transplantation.

Quelle: René Liebert

Der Ort könnte nicht trefflicher gewählt sein, die Motorenhalle in der Dresdner Friedrichstadt, davor eine Baustelle, daneben das Krankenhaus, an der Ecke der Getränkeshop und gegenüber das soziokulturelle Zentrum. In der Halle werden längst keine Motoren mehr gefertigt, es sei denn, man hält die der Kultur, die jetzt hier ihre Kraft entfalten, für solche der anderen Art, die mit ihren Antriebskräften Leben ermöglichen. Jüngstes Beispiel ist die Videoinstallation "Salute, Organon!" von Carsten Ludwig und René Liebert als Teil zwei der Reihe "Deine Gesundheit".

Zunächst für alle, die beim Begriff "Videoinstallation" an verwackelte und bis zur Unkenntlichkeit verwischte Spiele mit der Handkamera denken und Unlust verspüren: Entwarnung! Hier beobachtet die Kamera genau, wir sehen Menschen, wir verstehen was sie sagen, sie sehen uns an. Das ist alles andere als langweilig. Aber zunächst geht es in Bild und Ton weit zurück, in die Antike, in die Mythologie. In einer heiteren Sprachcollage erfahren wir von der Geburt des Dionysos, dem Sohn des Zeus, der zweimal geboren wurde.

Dann harter Schnitt, wir sind in der Gegenwart. Eine Frau berichtet vom Unfall ihres Sohnes, von dessen klinischem Tod und von ihrer Einwilligung, sein Herz explantieren und einem anderen Menschen implantieren zu lassen. Am Ende wird sie davon sprechen, was es für sie bedeutet zu wissen, dass etwas von ihrem Sohn weiterlebt. Ein Mann berichtet, dass er seit 15 Jahren neben seinem "richtigen" Geburtstag auch seinen "Nierengeburtstag" feiert, mit der Nierentransplantation wurde er zum zweiten Mal geboren.

Andere könnten es sich nicht vorstellen, dass fremde Menschen etwa mit den Augen ihrer Töchter oder Söhne sehen, dass deren Herz in ihnen schlägt. Andere machen sich Sorgen aus Verantwortung, ob es überhaupt vertretbar ist, einem anderen Menschen mit dem eigenen Organ das weitere Leben zu ermöglichen. Ist denn dann überhaupt noch "sein" Leben, oder übernimmt er mit den neuen Organen eben nicht nur deren Funktionen? Kann man die Funktion eines menschlichen Organs von der Seele dessen, dem es gehörte, trennen?

Und die Fragen werden härter an diesem Abend. Wann ist der Mensch tot? Der Mediziner erläutert sachlich die Art und Weise, wie der klinische Tod festgestellt werden muss, da gibt es Gesetze, da möchte man zustimmen, wenn klar unterschieden wird zwischen "Existieren" und "Leben". Aber schon ist die nächste Frage da, die nächste Unsicherheit, ob denn die Entnahme des lebendigen Organs nicht ein Totschlag sei, der Prozess des Sterbens, der zum Leben gehört, vorzeitig abgebrochen werde.

Manche Gesprächspartner argumentieren betont sachlich, ganz ohne Emotionen geht es bei keinem. Andere lassen Zweifel und Verunsicherungen zu, religiöse Bindungen spielen eine Rolle, vor allem aber eigene Erfahrungen, Betroffenheit. Manche können es sich vorstellen, 300 Jahre alt zu werden, anderen ist es wichtig, mit dem Wissen um die Endlichkeit täglich umgehen zu müssen, für manche geht es weiter nach dem Tod, anders, aber eben weiter.

Hinter den beiden schmalen, aufeinander zu laufenden Leinwänden, von denen uns die Gesprächspartner, Angehörigen, Transplantierten, Ärzte, Pfleger und Geisteswissenschaftler ansehen und ansprechen, sehen wir einige von ihnen manchmal im Film bei alltäglichen Verrichtungen. Eindrücklich sind die Projektionen der großformatigen Fotografien von Christine und Günter Starke, die uns an andere Orte der industriellen und menschlichen Vergänglichkeit führen. Wie ein Motor setzt Musik aus Carl Orffs "Carmina Burana" mit dem aufpeitschenden Gesang über die Unerbittlichkeit des Schicksals sinnliche Zäsuren.

Und dann steigt so langsam ein appetitanregender Duft in die Nase. Woher kommt der? Erst ganz am Ende, wenn es wieder hell wird in der Motorenhalle, kann man sehen, da stehen zwei altmodische Kochplatten, auf denen köchelt Suppe. Hat dieser Abend, an dem es so intensiv um Tod und Leben geht, nicht am Ende doch ganz großen Appetit auf das Leben gemacht?

inächste Aufführungen: 19., 20., 21.4.

riesa-efau.de/kunst-erleben/motorenhalle/

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.04.2013

Boris Michael Gruhl

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