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Verschollener Schatz: Correggios "Heilige Magdalena" zog einst große Aufmerksamkeit auf sich

Verschollener Schatz: Correggios "Heilige Magdalena" zog einst große Aufmerksamkeit auf sich

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt.

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt. Heute: Antonio Allegri, genannt Correggio: Die Heilige Magdalena, ehemals Gemäldegalerie Dresden, Öl auf Kupfer, ein Kriegsverlust, Reproduktionsstich von Jean Daullé, 1753, Kupferstich-Kabinett Dresden, und Rahmen aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Grünes Gewölbe.

Lau war die Reaktion nie, sie war strikt ablehnend oder beherzt zustimmend: Meisterwerke - und das ist ja Thema dieser Reihe von Beiträgen - können polarisieren, ein schwaches Werk hingegen wird das nicht schaffen, denn Gleichgültigkeit indiziert Nachrangigkeit. Das relativ kleine Gemälde von Correggio, das einst zu den berühmtesten Dresdener Bildern gehörte, wurde auf Kupfer gemalt und maß nur 29 x 39 cm: ein Kabinettstück, das sich heute unseren Blicken entzieht. Es wurde im Zuge des Ankaufs von 100 kostbaren Werken aus der herzoglichen Galerie in Modena im Jahre 1746 nach Dresden überführt, erlebte hier im 18. und bis in das 19. Jahrhundert hinein eine glänzende literarische, kunsttheoretische und künstlerische Rezeption und zählt heute zu den schmerzlichsten Kriegsverlusten der Dresdener Sammlungen. So erscheint Antonio Allegri, genannt Correggio (um 1489-1534), heute in der Galerie mit seinen vier großformatigen Altartafeln in einem etwas einseitigen Licht, nämlich ausschließlich als Altarmaler, als Künstler kirchlicher Verkündigung.

Correggio war zeitgleich mit Raffael und Michelangelo tätig, und er gehörte gleich Leonardo und Giorgione zur "maniera moderna". Sein Leben ist nur durch außerordentlich wenige Dokumente bezeugt; obgleich die Renaissance sich schon umfänglich des Schreibens von Briefen bediente, ist von ihm kein einziger bekannt geworden: Er war offenbar ein Mann des Pinsels, allenfalls des Stiftes, aber nicht der Schreibfeder.

Correggios künstlerische Gestaltungskraft und seine Sensibilität werden heute in einem der berühmtesten Dresdener Gemälde am deutlichsten, in der "Heiligen Nacht" von 1522 mit dem legendären Leuchten, das vom Jesuskind in der Krippe ausgeht. Giorgio Vasari rühmte dieses Bild und besang die am oberen Bildrand platzierten Engel hymnisch: "Über der Hütte ist dort ein Chor singender Engel gezeigt, die so vorzüglich ausgeführt sind, daß sie weniger von der Hand eines Malers, als vielmehr vom Himmel herabgeregnet zu sein scheinen." Correggio wurde schon zu seiner Zeit als Maler der verführerischen Anmut und der weichen Eleganz gerühmt - und als reizvoller Widerpart zu Raffaels kühlerer Vornehmheit. Raffaels aristokratische Zurückhaltung - bzw. die seiner Gestalten - unterscheidet sich von Correggios sanft-empfindsamen Gestalten.

Das verschollene Kabinettstück mit der Heiligen Magdalena traf den Geschmack im sogenannten Zeitalter der Empfindsamkeit, im mittleren und späteren 18. Jahrhundert offenbar in höchstem Grade. Das Sujet war allbekannt: Die Heilige Magdalena, eigentlich Maria Magdalena, wurde seit dem Mittelalter häufig dargestellt. Es handelt sich dabei um eine biblische Gestalt aus dem unmittelbaren Umfeld Christi, deren Vita späterhin mit anderen Legenden verschmolzen wurde. Magdalena war es, die in der buchstäblichen "Fußwaschung" ihrem Herrn Christus diente, sie war bei der Kreuzigung anwesend, ja sie hielt Christus die Treue bis zum Grabe. Da sie ihn bei der Grablegung salbte, wurde sie häufig mit einem Salbgefäß dargestellt. Ein anderer Erzählstrang ihrer Vita hingegen spricht von den durch die schöne junge Frau begangenen Sünden und von ihrer darauf folgenden Reue. Da sie sich bußfertig in die Wüste zurückzog, lebte sie dort in äußerster Armut, ja unbekleidet: Viele Darstellungen seit dem Mittelalter zeigen sie deshalb nur von ihrem lang gewachsenen Haar "bemäntelt". Auch wurde es Brauch, ihr einen Totenkopf beizugeben als Sinnzeichen der Vergänglichkeit allen Lebens sowie der Schönheit, die sie ja verkörpert. So wurde Magdalena nicht nur zum Inbegriff der treuesten Gefolgschaft Christi, sondern auch zum Synonym für Reue und Buße, für eine substanzielle Umkehr im Lebenswandel, für Einsicht in begangene Sünden und für die Absicht zur angehenden Besserung, zum geläuterten Leben. In zahlreichen Bußpredigten und -dichtungen behandelte man das Thema, und in der bildenden Kunst erfreut es sich großer Popularität.

Diese Beliebtheit allerdings hat nicht nur mit der Relevanz des Themas zu tun: Es gibt im Leben immer etwas zu bereuen, das Thema ist mithin ein immerwährendes! In der Malerei bot es den Künstlern darüber hinaus auch die willkommene Chance, weibliche Schönheit darzustellen, insonderheit eine solche Schönheit, die durch den Schmerz noch weicher und damit noch anziehender wirkt und die vielleicht gar Mitgefühl evoziert. Correggios Figur liegt auf dem Bauch, erhebt den kräftigen, wohlgebauten Rumpf durch den stämmigen rechten Arm und streckt die Füße aus. Die volle Hüfte ist drapiert, das Gewand reicht von den Knöcheln über die Schultern bis zum rechten Ellenbogen. Während Künstler wie Rubens etwa zeitgleich Magdalena gelegentlich sogar recht frontal in aktiver Selbstentblößung zeigen, kostet Correggio das Verhüllen aus, das die entblößten Partien umso sinnlicher erscheinen lässt.

Links von Magdalena steht das schon erwähnte Salbgefäß, vor ihr liegt ein Buch, in dem sie liest oder - vielleicht treffender - über dem sie gesenkten Blickes sinniert. Die Reue wird somit sublimiert: Durch die Lektüre, womit sicherlich die Heilige Schrift gemeint ist, entsteht innere und äußere Ruhe, und darin spiegelt sich die reflektierende Akzeptanz der Schuld.

Das Gemälde gehört zu jenen Werken, die der frühere Galeriedirektor und Maler Julius Hübner in einer Folge von Sonetten besang. Diese Gedichtform entspricht der Neorenaissance des mittleren 19. Jahrhunderts, der sich etwa auch in dem früheren Galerierahmen der Sixtina oder in den Bauformen der Sempergalerie manifestiert. Seit Petrarcas Sonetten an Laura ist diese strenge Form poetischer Dichtung mit der Ideenwelt der Renaissance, mit den Idealen des Lebens und mit den Bildern des Sehnens aufs engste verbunden.

Mag diese dichterische Verklärung auch dem spätromantischen Geist verpflichtet sein und etwa auf Eichendorffs Thema der "Waldeinsamkeit" verweisen, so ist es doch ein schönes Beispiel der einst sehr beliebten dichterischen Verherrlichung von Kunstwerken aus der Dresdener Galerie. Nie aber ist es ein Ersatz für das sehr vermisste Original.

Magdalena

Von Corregio

Von Bäumen dicht und Felsen eingeschlossen

Ruht Magdalena auf dem moos'gen Grunde,

Waldeinsamkeit heilt ihres Herzens Wunde

Und trocknet Thränen, die einst bitter flossen!

Wie weich der holde Leib dahin gegossen!

Es stützt die Hand das Haupt in süssem Bunde,

Ein Lächeln spielt auf ihrem schönen Munde

Mit heil'gem Ernst - wie liebliche Genossen.

Sie liest und liest - die Worte ew'gen Lebens,

Tief ruht das Aug' in seines Lides Hülle

In goldner Wimper Schatten - und vergebens

Ersehnst du dir nur e i n e s Blickes Fülle! -

Säh sie empor, so ungeahnter Weise -

Ein Blick - ein Blitz vielleicht - "halt ein! sprich leise!"

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.06.2012

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