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Vernebelt: Die Sisters of Mercy berockten Dresdens Alten Schlachthof

Vernebelt: Die Sisters of Mercy berockten Dresdens Alten Schlachthof

Irgendein Konzert-Superlativ findet sich für beinahe jede Band. Die will die lauteste sein, bei jener muss man am längsten warten, bis es endlich losgeht, und eine andere benötigt Backstage mehr Crushed Ice als jede andere.

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Auch an Oberschwester Andrew Eldritch sind die Jahre nicht spurlos vorübergegangen. Was nach wie vor sitzt, ist die Sonnenbrille.

Quelle: Dietrich Flechtner

Das kann man trivial finden - bei den Sisters of Mercy ist es offenbar eine künstlerische Kernkompetenz, das absolute Maximum an Nebel in den Raum zu blasen. Passt ja auch hervorragend zu der damals keineswegs uninspirierten und in gewisser Weise maßgeblichen Achtziger-Gothic-Rock-Darkwave-Suppe.

Die Fans im gut gefüllten Alten Schlachthof zeigten sich am Dienstagabend wenig überrascht, als nach der ersten halben Minute von "More", dem Opener, von der Chef-Schwester Andrew Eldritch und seinen beiden Gitarristen Chris Catalyst und Ben Christo nicht mehr sonderlich viel zu sehen war. Spätestens zwei Nummern später hatte sich der Dunst so gut verteilt, dass man etwa ganz hinten das Bühnengeschehen noch als eine Art kaugummifarbenes Wetterleuchten wahrnahm. Neu ist das nicht bei den Sisters. Aber was ist schon neu bei den Sisters? Und wem soll man die Frage stellen? Andrew Eldritch etwa, der mit seiner Band, die selten eine war und ist, seit über zwanzig Jahren kein neues Album veröffentlicht hat und sicher auch aufgrund von jahrelangem Hickhack mit Plattenfirmen auf Veröffentlichungsfragen regelrecht allergisch reagiert? Oder vielleicht Doktor Avalanche, neben Eldritch das einzige ständige Sisters-Mitglied, allerdings ein Drumcomputer, der offenbar sehr an seinen alten Beatpatterns hängt und seit langer Zeit auch den Bass-Part ohne zu murren übernommen hat? Oder aber die positiv grundgestimmte Fanschar, die bar jeglicher Verjüngung keinerlei Unzufriedenheit mit sich zu führen scheint? Die Ansprüche aller Seiten halten sich offenbar in Grenzen. Und warum auch nicht? Eldritch hat Spaß am Auftritt und verarmt nicht und die Fans wissen, was sie bekommen und müssen relativ wenig neues Material ertragen. Ohnehin: Wer ein Dutzend echte Hits im Köcher hat, spielt live selten viel neue Songs. Warum sich also die Mühe machen, welche aufzunehmen? Abschließend: Das alles als standhafte Verweigerungshaltung zu verkaufen, funktioniert offenbar - prima.

Nach "More" kleckern sich die Sisters u.a. mit "Crash and burn" und "Blood Money" sowie anderen Nummern aus der vornehmlich zweiten Reihe durchs Programm, bevor sie sich mit dem luftig angeoperten "Dominion" und dem allseits beliebten Stampfer "This corrosion" etwas mehr aus der Deckung wagen und Eldritch zwischen seinen knarzenden Murmeltiraden aus der Gruft einige größere vokale Bögen aus der vollen Brust schlägt. Das lässt aufatmen, wenn man das in diesem Nebelsumpf so sagen kann. Wer den Saal verlässt, macht sich sicher Gedanken, nicht auf Kröten zu treten oder auf glitschigen Steinen auszurutschen. Reichlich matschig ist auch das, was aus den Boxen kommt. Catalyst und Christo rudern sich dann und wann mit schmissigen Soli an die Oberfläche. Und die Menschen mit den Sisters-T-Shirts scheinen die eigentlichen gutmütigen Schwestern zu sein und zeigen sich barmherzig gegenüber allem und insbesondere ihrem Andrew, der das alte "Alice" im dankbaren Gegenzug immer noch als herrlich ungezügelte, dunkel-treibende Punk-Nummer abliefert.

Zur ersten Zugabe nach einer exakten Stunde Show kann man einen weiteren lichten Moment genießen, weil sich erstens der Nebel ein klein wenig verdünnt und zweitens "Vision Thing" in seiner astreinen Hardrock-Attitüde so fett brummt, dass es endlich richtig Spaß macht und den Klangbrei per Kraft auseinanderdividiert; eine Stadion-Nummer vor dem Herrn. Auch für die zweite Zugabe muss das Publikum nicht lange betteln. Der Abend endet mit einem in diesem Zusammenhang wunderlich erscheinenden "Miserlou", im Original das berühmte instrumentale Surfbrett von Dick Dale, und selbstverständlich mit dem schließlich auch die Erwartungen aller Gelegenheitsfans erfüllenden "Temple of love", der so zeitlosen wie zwanghaften Nummer aus den angeschickerten Morgenstunden aller handgemachten Indie-Dissen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.05.2014

Niklas Sommer

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