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Vermittler gegen Vorurteile: Der Dresdner Pfarrer Siegfreid Reimann ist tot

Vermittler gegen Vorurteile: Der Dresdner Pfarrer Siegfreid Reimann ist tot

Sein Grunderlebnis hat Siegfried Reimann mit 15 Jahren. Im April 1945 hört er heimlich Radio London. In einem Beitrag berichten britische Soldaten, was sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen vorfanden.

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Siegfried Reimann war evangelischer Pfarrer und u.a. Vorsitzender des Synagogen-Fördervereins.

Quelle: Dietrich Flechtner, Archiv

Etwas in ihm sperrt sich, dies zu glauben, zugleich ist er erschüttert. Erschütterung allein aber genügt nicht, begreift er Jahre später. Er muss etwas tun. Eines der Lebensprinzipien von Siegfried Reimann. Am 10. Mai ist der evangelische Pfarrer, Initiator und Motor des Dialogs zwischen Christen und Juden in Dresden, mit 84 Jahren gestorben.

Halt im Glauben hat er früh gefunden. Als Zwölfjähriger verliert er seine Mutter, ist auf die Hilfe seiner sieben älteren Geschwister angewiesen. 1949 bis 1954 studiert er evangelische Theologie in Leipzig. Als Vikar in einem Dorf bei Wurzen, später Pfarrer im damali- gen Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, macht er Erfahrungen in einer kirchenfeindlichen Umgebung. 1964 kommt er nach Dresden, an die Versöhnungskirche zunächst. Zwölf Jahre darauf übernimmt er die Gemeinde der Annenkirche. An deren Tür hat jemand mit Kreide geschrieben: "Wer an Gott glaubt, ist doof".

Vorurteile und Unkenntnis begegnen ihm aber auch unter seinen evangelischen Schwestern und Brüdern, wenn es um Geschichte und Schicksal der Juden, um Mitschuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten geht. Sich damit zu beschäftigen, ergibt sich für ihn mit zwingender Notwendigkeit aus der deutschen Geschichte. Antisemitismus, begreift er, beruht zu einem guten Teil auf fehlender Information. Also will er Information vermitteln.

1981 gründet er zusammen mit sechs Gleichgesinnten in einem Verwaltungsgebäude der katholischen Kirche an der Friedrichstraße den Arbeitskreis "Begegnung mit dem Judentum". Glauben, Kultur und Geschichte der Juden wollen sie allen nahe bringen, nicht nur Christen. Etwa 600 Menschen kommen zur ersten öffentlichen Veranstaltung am 14. Februar 1982 in die Annenkirche.

Siegfried Reimann gelingt es, Menschen mit teils gegensätzlichen politischen und religiösen Ansichten zusammenzubringen. Mitte der 1980er Jahre etwa stößt Herbert Lappe von der Jüdischen Gemeinde zu ihnen, Kind emigrierter Kommunisten. Für den evangelischen Pfarrer habe ihn eingenommen, dass dieser Juden ganz selbstverständlich als Menschen nahm, erinnert Lappe sich heute. Und dass er kein Philosemit war. Gerade dadurch habe er sich bei Juden großes Vertrauen erworben. Im Meinungsstreit sei es stets um Inhalte gegangen, nicht um Gott oder den Sozialismus. "Was uns trennte und nicht zum Thema gehörte, wurde ausgespart."

Hildegart Stellmacher von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, wie der Arbeitskreis seit 1991 heißt, erinnert sich, wie Siegfried Reimann, was ihm wichtig war, mit Ungeduld und Nachdruck betrieb. So beispielsweise setzte er sich für jene Bronzetafel ein, die am 9. November 1988 an der Kreuzkirche angebracht wurde. Darauf gedenken Christen "in Scham und Trauer" der jüdischen Bürger der Stadt und bekennen, zu den an ihnen begangenen Verbrechen geschwiegen zu haben.

1995 erinnert Siegfried Reimann in einem Brief an den damaligen Oberbürgermeister Herbert Wagner (CDU), dass noch vor der Frauenkirche die Synagoge brannte. Es mithin an der Zeit sei, neben dem Barockbau auch wieder eine Synagoge zu errichten. Mit dem 1996 gegründeten Förderkreis sammelt er mehr als vier Millionen Mark, umgerechnet über zwei Millionen Euro an Spenden in aller Welt.

Ein Unterfangen mit vielen Schwierigkeiten, wie sich sein Mitstreiter, der Schauspieler Friedrich-Wilhelm Junge erinnert. "Aber wir schworen uns damals, alle Querelen hintan zu stellen und zusammenzubleiben bis zur Weihe der Synagoge. Was uns auch gelang." Sei Reimann von etwas überzeugt gewesen, habe er das mit intellektueller Schärfe vertreten. Von Statur eher klein und schmal - "aber ein unglaublich kräftiger Typ".

Mit Siegfried Reimann verliere die Jüdische Gemeinde einen "klugen, engagierten, dabei sehr bescheidenen" Verbündeten, sagt Heinz-Joachim Aris, Vorsitzender des Landesverbandes. Am 23. Mai wollen Verwandte, Freunde und Weggefährten mit einer Trauerfeier in der Annenkirche von Siegfried Reimann Abschied nehmen. Neben einem evangelischen Pfarrer soll an seinem Grab auch ein Rabbiner stehen und das Kaddisch beten. Das war einer seiner letzten Wünsche.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.05.2014

Tomas Gärtner

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