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Verdis "Maskenball" hat an der Sächsischen Staatsoper in Dresden Premiere

Verdis "Maskenball" hat an der Sächsischen Staatsoper in Dresden Premiere

Kaum jemand wird behaupten, Giuseppe Verdis 1859 in Rom uraufgeführte Oper "Un ballo in maschera" (Ein Maskenball) wäre leicht zu inszenieren.

Schon Verdi hatte mit Problemen zu kämpfen, wollte die Handlung zunächst in Stockholm ansiedeln, musste sich aber dem Druck der Zensur beugen und das Geschehen nach Boston verlegen. Damit verbunden war nicht allein eine Umbenennung der handelnden Personen; auch der historische Hintergrund war jetzt ein anderer. Ein weiteres Problem: Der im Titel genannte Maskenball spielt erst am Schluss eine Rolle, hat bestenfalls den Charakter eines Gelegenheitsschauplatzes und ist keineswegs zwingend, könnte also durch ein anderes Ereignis ersetzt werden, ohne dass Schaden entstünde. Am schwersten wiegt aber, dass die Entwicklung der Charaktere im ersten Akt nur mühsam vonstatten geht und ihre Beziehungen schwer und mit längerer Verzögerung sichtbar werden. So bleibt einigermaßen rätselhaft, welchen Grund die geplante Verschwörung gegen Riccardo eigentlich hat. Auch dessen Funktion ist nicht genauer umrissen; er wird in der Handlungsbeschreibung nur als Machthaber bezeichnet.

Das alles muss sich nicht negativ auf eine Bühnenproduktion auswirken, denn historisch präzise Ansiedlung einer Handlung ist für das Musiktheater nur eine von vielen Präsentationsmöglichkeiten. Es gibt viele Opern, die weder historisch noch geografisch genau definiert sind und von den Regieteams erst noch konkretisiert werden müssen. Für diese Variante haben sich auch die Protagonisten der jüngsten Dresdner Produktion entschieden - das Geschehen wird radikal enthistorisiert und ebenso radikal auf beliebige gesellschaftliche Strukturen bezogen. Regisseurin Elisabeth Stöppler spricht von einem Kraftwerk der Gefühle, und das müsste von Raum und Zeit unabhängig sein, Psychologie stünde gegen Politik. Die Bühne von Rebecca Ringst und Annett Hunger ist die erste sichtbare Konsequenz dieses geistigen Prozesses. Ein eigentliches Bühnenbild existiert nicht. Hubpodien werden fast schon im Übermaß eingesetzt, andere riesenhafte quadratische Elemente dienen als Leuchtenträger (Lichtdesign Fabio Antoci), können aber ebenfalls als Spielflächen verwendet werden. Das beständige Verfahren der oberen und unteren Elemente wirkt einerseits verspielt, nutzt sich aber in seiner Wirkung auch relativ schnell ab, so dass man den Wunsch nach anderen Lösungen nicht auf Dauer unterdrücken kann.

Dem ließe sich Positives abgewinnen, wenn die handelnden Personen als Gegengewichte angelegt worden wären. Stöppler macht aber selbst da keine Zugeständnisse, denn abgesehen von Amelia und Riccardo kommt es zu keinen tragfähigen zwischenmenschlichen Beziehungen, die der Zuschauer mit Sympathie wahrnehmen kann. Es ist nicht nur kühle Distanz, mit der die Regie die Handlung begleitet. Von vielen Szenen geht Kälte aus, die Menschen sind nicht fähig, über einen eng begrenzten Zweck hinaus miteinander zu kommunizieren. Es wäre gar zu leicht, das als Regietheater des Feminismus abzutun. Davon ist Stöppler weit entfernt, ihr "Maskenball" ist keine weibliche Rache an einer von Männern dominierten Welt, auch wenn Oscar eine Art Geschlechtsumwandlung durchläuft. Es ist vielmehr ein gnadenloser Blick auf menschliche Gesellschaft schlechthin, zu dem die Regisseurin auffordert, eine Gesellschaft, die äußerlich funktioniert, innerlich aber nichts mehr zu bieten hat als den verkappten Kampf aller gegen alle. Das ist nicht gerade spaßig, kann es auch nicht sein, weil zu fürchten ist, dass hier nur Wahrheit zugespitzt formuliert wird. Wenn wir Pech haben und nichts dagegen setzen können, hat die Regie wirklich Recht. Aber gerade deshalb bleibt auch die letzte Erschütterung aus. Was auf der Bühne geschieht, wird intellektuell zur Kenntnis genommen. Brechts Aufforderung "Glotzt nicht so romantisch!" wäre fehl am Platz, weil man dieser Gefahr überhaupt nicht ausgesetzt ist. Wenn je eine Inszenierung antiromantisch war, hier ist sie. Bevor ein Ton von Verdis Musik erklingt, quert eine Person - wir begegnen ihr als Wahrsagerin Ulrica wieder - die Spielfläche und reißt etwas in Fetzen. Das mögen Hoffnungen, gute Vorsätze, Pläne sein; wir werden in der Deutung nicht festgelegt.

Ulrica ist die einzige Figur, die den mühsam in Gang kommenden Handlungsfaden etwas schneller abspult. Ihre berühmte Anrufung des Herrn der Unterwelt (Re dell' abisso) ist aber mehr theatrales Ritual als ernst gemeinte Beschwörung. Dabei beherrscht die amerikanische Mezzosopranistin stimmlich wie gestalterisch die Szene souverän. Mit dieser Rolle hat sie sich international einen Namen gemacht. Die anderen Figuren bleiben im ersten Akt noch weitgehend unbestimmt und können sich nicht recht entwickeln. Das hat ihnen Verdi zunächst versagt. Erst im zweiten Akt kommt es zu großen und überzeugenden Szenen. Riccardo (Wookyung Kim), der schon bei seinen ersten Tönen volle stimmliche Präsenz bewiesen hat, zeigt im Duett mit Amelia große tenorale Leistung, bei der man sich auf jeden hohen Ton freut. Marjorie Owens (Amelia) forciert anfänglich noch etwas, zeigt aber dann schönen linearen Stimmfluss und im Pianissimo viel Wärme. Für eine Überraschung sorgt Marco Vratogna als Renato, der erst jetzt in Aktion treten kann und die Chance dazu bestens nutzt. Carolina Ullrich zeigt als Oscar auch stimmlich die Veränderung ihrer Persönlichkeit. Die kleineren Rollen sind schon bei Verdi nicht sehr deutlich konturiert und lassen sich auch durch die Regie kaum aufwerten.

Der dritte Akt stellt natürlich den dramatischen Höhepunkt dar. Dass dabei der Opernchor halbnackt in weißer Unterwäsche agieren muss, lässt eine Art Swingerparty vermuten, also eher einen Demaskierungsball. Das ist kein moralischer, sondern ein ästhetischer Störfaktor, aber wohl die unausweichliche Konsequenz des Regiekonzepts. Schließt man bei dieser Szene die Augen, wird die Wahrnehmungsfähigkeit für die Explosivität der Musik frei. Dann kann man auch spüren, dass die Sächsische Staatskapelle unter Carlo Montanaro mit hoher Intensität spielen kann, nachdem die voraufgegangenen Teile gelegentlich an Unterspannung litten und zwar korrekt, jedoch nicht ausreichend inspiriert wirkten.

Das bei Premieren sonst recht beifallsfreudige Publikum musste im ersten Akt wohl erst einmal eine gewisse Verunsicherung überwinden, konnte am Ende dann aber seine Meinung lautstark äußern. Dass dabei die Sänger bejubelt wurden und das Regieteam heftige Buhrufe einstecken musste, wird niemanden wundern, denn das ist hier fast schon zum Standard geworden.

Nächste Vorstellungen: 6., 9., 12. Oktober, Semperoper

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.10.2011

Peter Zacher

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