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Van Morrison holt Konzert in Dresden nach

Junge Garde Van Morrison holt Konzert in Dresden nach

Im Juni sollte er ursprünglich schon in Dresden Konzert-Station machen, doch dann starb seine Mutter. Nun, am 8. September, wird er schließlich doch kommen und in der Jungen Garde hoffentlich wieder reichlich Eindruck hinterlassen: die aus Nordirland stammende Musikerlegende Van Morrison.

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Van Morrison

Quelle: Victoria Redfern

Dresden. Achtung, Zitate! „Die meisten Songs klingen doch ziemlich ähnlich. Ein Bluessänger, bei dem es in keinster Form ein Gitarrensolo gibt, da hab‘ ich doch meine Zweifel. Er hat als Solokünstler etliche tolle Lieder gemacht, aber zu den ganz Großen zählt er für mich nicht.“ Oder: „Was ist das gegenüber J. S. Bach, Telemann, Beethoven oder Mahler? Wo ist der Geist?“ Kommentarfunktionen in Tageszeitungen und Magazinen sind eine feine Sache! Nicht wenigen Schreibern verleihen sie wohl Flügel. Die genannten Beispiele stammen aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom Sommer letzten Jahres. Van Morrison war zuvor wieder in der Drehe dort. Es wurde natürlich auch geschwärmt.

Nun wieder Dresden! Verschoben vom Juni (Morrisons Mutter war verstorben), gehen wir nunmehr am 8. September ein weiteres letztes Mal zu diesem Künstler, der in seiner langen Karriere mit den Prädikaten „groß“ und „am größten“ niemals Probleme hatte. Hinterhergefahren sind wir Van Morrison zur Genüge. In den 1990ern sowieso, als die Liste der Nachzuholenden noch so unfassbar lang war.

Morrison spielte seine späten Debüts in ostdeutschen Städten wie Weimar und Leipzig. Wir reisten – zugegeben, nicht nur wegen ihm – auch ins ferne New Orleans, wo er bei einem dieser fulminanten „Jazz & Heritage Festivals“ gemeinsam mit Dr. John auf einer Bühne stand. Und das Publikum unten warf auf der Wiese die Grills an ... Wirklich unfassbar, diese Amerikaner!

2003 kam Van Morrison in den seligen Altraum des Kulturpalastes Dresden. Unvergessen, nicht zuletzt aufgrund der stümperhaft versteckten riesigen Digitaluhr auf der Bühne, was ein wenig an Relegationsspiel erinnerte, an Sport also, nicht Kunst. Van „The Man“ ist nicht ganz so festgelegt wie Kollege Dylan, der, 75-jährig, auf „neverending tour“ ist. Auch der 71-jährige Morrison verschwendet noch keinen Gedanken ans Aufhören. In der Wahrnehmung geht es bei beiden immer wieder ums tatsächliche oder mutmaßliche Dasein als Grantler, launischer Exzentriker oder Choleriker. Welchem Zuhörer das als Qualitätskriterium dient, bitteschön! Wichtiger ist, dass Van Morrison zeitig ein Mittel gefunden hatte, um livemusikalisch zu überleben. Es hieß: Gemäßigte Tempi! Der Ire ist ein Meister der Gelassenheit geworden, in eigenen wie fremden Stücken, solo und in Paarung. Wenn Blues, dann Slow Blues! Wenn Soul, dann schön auf der Bremse! Wenn Jazz, dann Swing!

Trotzdem gehört Van Morrison heute zur Gefahrengruppe 1: Es schwingt immer ein wenig die Angst mit, eine liebgewordene Legende mutwillig zu zerstören, besucht man weiter ihre Konzerte, findet keinen Abschluss, weil sie selbst keinen finden. Es könnte in naher Zukunft durchaus so sein, dass auch Morrison auf der Bühne nicht nur nicht redet, sondern auch nicht mehr so kann wie gewohnt. Das muss man eigentlich nicht haben, das muss man sich nicht antun! Und schon in diesem Moment, da man zweifelt, steht der nächste Konzerttermin im Kalender.

Der aktuelle Dresdner ist zuvorderst der Tatsache geschuldet, dass Van Morrison ins offenluftige Wohnzimmer „Garde“ kommt, wo man – war das Bein am Morgen das richtige wie das Wetter und war auch ansonsten alles gut an diesem September-Tag – besonders genügsam, friedfertig, positiv und zum Verzeihen gewappnet ist wie an keinem anderen Spielort der Stadt.

Was man zu wissen glaubt, ist, dass auch dieser Auftritt zur überraschungsfreien Zone gerät. Van Morrison wird mit gesetzt vorzüglicher Band in seinem üppigen Katalog wühlen, aus bald 36 Solowerken auswählen und den mit seiner frühen Band Them. Er wird ins Leben der anderen greifen, mit Gospel, Rhythm ’n‘ Blues und Ray Charles vielleicht. Reinsträume sind seine Konzerte nie gewesen. Als er sich im Studio purem Skiffle hingab und Rockabilly und Irish Folk, ging er damit nie richtig auf Welttour. Es blieben Marmorierungen während regulärer Auftritte.

Wann haben wir eigentlich damit aufgehört, neue Platten von Van Morrison zu kaufen? Zugegeben, selbst der Autor dieses Textes, der sich dereinst auf die Fahnen geschrieben hatte, Morrison solle der einzige Musiker sein, von dem er wirklich alles „besitzen“ will, hatte Lust und Laune verloren. Irgendwann, das war vor sieben Jahren. Als Van Morrison sein lange von ihm selbst vernachlässigtes Opus Magnum „Astral Weeks“ an zwei Abenden in der Hollywood Bowl Los Angeles aufführte und mitschneiden ließ, sollte es genug sein. Weil: Besser kann man eigentlich gar nicht enden, als diese faszinierende Liedersammlung von 1968 in Beziehung zum eigenen Lebensalter zu setzen und Van Morrison auf dem schwarz-weißen Coverfoto wunderbar lachen zu sehen. Beste Möglichkeit zu checken, wie man selbst mit den Liedern dieser gigantischen Scheibe, die man als Sechsjähriger auf irgendeiner Kurz- oder Langwelle aufgeschnappt hatte, gereift ist.

Was danach kam? „Born To Sing: No Plan B“ von 2012 war mit ihrem exemplarischem Albumtitel solide, „Duets: Re-working The Catalogue“ von 2015 – nun ja! Auch in Sachen Duette hätte Van mit den herzgrapschenden Stücken an der Seite von John Lee Hooker, diesem rezeptfreien „healing game“, aufhören können. Bonus: Die Konzertverschiebung in Dresden führt dazu, dass die DNN schon exklusiv in Van Morrisons brandneue CD „Keep Me Singing“ hineinhören konnte, die erst am 30. September 2016 erscheinen wird.

Einen sehr interessanten Effekt haben die Begegnungen mit Van Morrison vor allem auch für Literaturliebhaber. Die eigenen Qualitäten Morrisons als Poet sind unbenommen, dennoch ist es bei ihm wie bei so schnell keinem zweiten im Populärmusiksektor: Man glaubt, James Joyce, John Keats oder William Butler Yeats seien immer mit dabei, wenn sich der passionierte Hutmann Van Morrison beseelt dem Altsax widmen, ein wenig in die Mundharmonika blasen, akustische Gitarre spielen wird, so, wie es ihm gegeben ist. Und singen! Singen, wie nur er es kann. Nie glatt. Noch reifer jetzt. Abgehangener. Spröder. Der größte Sänger ist er nicht, denn es gibt keinen größten Sänger und wird ihn auch nicht geben! Aber: Er ist der Größte für die meisten, die in die „Garde“ kommen werden. Denn sie wissen, was sie tun!

Schöne Parallele: 2003 waren neben Van Morrison auch Massive Attack und auch ZZ Top in Dresden. 13 Jahre später waren sind sie es wieder.

Van Morrison, Donnerstag, 8. September, 20 Uhr, Freilichtbühne Junge Garde

Von Andreas Körner

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