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Uwe Tellkamp: Benefizlesung in Dresden mit viel "Turm" und kaum "Lava"

Uwe Tellkamp: Benefizlesung in Dresden mit viel "Turm" und kaum "Lava"

Man geht ja mit Neugier hin, wenn Uwe Tellkamp aus dem Manuskript seines geplanten "Turm"-Nachfolgers liest. "Lava" soll er heißen. Man wüsste schon gern, was so Heißes uns da erwartet.

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Uwe Tellkamp

Quelle: Dietrich Flechtner

Dass er die Geschichten seiner Protagonisten in die Zeit nach 1990 weiterschreibt, so viel hat der Autor zumindest verlauten lassen. Ausgeprägtes ästhetisches Gespür fürs Gesamtarrangement hat er mit seiner Benefizlesung in der evangelischen Kirche auf dem Weißen Hirsch auf jeden Fall bewiesen. Wo die Philharmonie-Mitglieder Kammermusik von Franz Schubert, Richard Strauss, dazu eine Eigenkomposition des Cellisten Rainer Promnitz erklingen ließen, da musste auch Musik in der Prosa vorkommen.

Wohin die Reise im neuen Werk geht, davon hätte man schon gern ein Zipfelchen erhascht, und sei's ein winziges. Doch diesen Gefallen hat uns der Autor nicht getan. Erwartungen in diese Richtung dämpfte er gleich zu Beginn. Das ausgewählte Stück sei "nicht ganz typisch" für das Werk, passe jedoch zum Charakter des Abends. Zudem soll es ja in dem neuen Buch dem Vernehmen nach auch gelegentliche Zeitsprünge zurück in die DDR geben. Aber diese Passage klang nach sehr viel "Turm" und sehr wenig Neuem.

Gut, die Perspektive ist etwas anders. Fabian Hoffmann, Cousin der "Turm"-Hauptfigur Christian Hoffmann, ist hier Beobachter und Erzähler. Und natürlich hat das seinen Reiz, wie das eingekapselte Dresdner Bildungsbürgertum Gesellschaft gibt, während draußen vor der Villa an der Schlehenleite der Winterfrost des Realsozialismus knackt. Wie sich der "Freundeskreis Musik" um Lothar Dähne mit seiner gigantischen Schallplattensammlung schart, Musikkritiker beim "Sächsischen Tageblatt", für den zumindest teilweise der legendäre Gottfried Schmiedel Pate gestanden haben dürfte.

Dieser Autor versteht Szenen mit buntem Figurenensemble in Bewegung zu setzen. Hält die Widersprüche in sicherer Balance: Das Pathetische, mit dem der Kritiker von der Idee der Musik als utopischem "Anderort" und "höherer Gemeinschaft" der Menschenwesen schwärmt, auf der einen Seite. Auf der andern das Profane des Alltags in der Mangelwirtschaft - mit Äpfeln vom Volkseigenen Gut Borthen und Schuhcreme vom VEB Eg-Gü. Das Hohe des musikalischen Anspruchs und das Kleinliche der Fehden zwischen Holzbläsern und Streichern. Diese große Sehnsucht nach Weltläufigkeit und diese provinzielle Enge. Vor allem: Herrlich gezeichnete Figuren - diese angriffslustige wie gekränkte Harfenistin Wilma Künzel beispielsweise, die gern auch Strümpfe stopft oder strickt.

Alles ist auf dezente Ironie gestimmt. Da darf der Komponist auch mal gedankenverloren an einer Möhre knabbern. Reichlich Anekdoten werden aufgetischt, Witze, Witzchen, bisweilen recht laue. Ein Erzählen, das alle Sinne in der Vorstellungskraft anspricht: Man hört, wie Kohlen in einen Ofen poltern, wie Flammen klingen können, sieht die Farbschattierungen der Asche, riecht den Rauch. Details über Details. Namen von Komponisten, Dirigenten, Interpreten prasseln gewitterregengleich auf einen herab.

Doch all dies hat man eben so ähnlich schon im "Turm" gelesen. Hoffen wir also auf das Andere im neuen Buch. Das, was über die Nachauflagen solcher Rückblicke hinausgeht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.04.2014

Tomas Gärtner

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