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Utz Pannike inszeniert mit "Stachel der Arbeit" ein packendes Wutbürger-Requiem

Utz Pannike inszeniert mit "Stachel der Arbeit" ein packendes Wutbürger-Requiem

Es ist eine "Empört-Euch-Revue", die als "Stachel der Arbeit" verpackt am Donnerstagabend im Dresdner Projekttheater Uraufführung feierte. Utz Pannike, allen OFF-Freunden noch als lustig-hintersinniger Hausmeister aus dem großen Kraftwerksspektakel Anfang September bekannt, ist nun ein smarter Showmaster mit modischem Ingenieur-Kinnbart.

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Beste Unterhaltung: Utz Pannike liefert das Requiem auf den Abschied von der echten Arbeit.

Quelle: Amac Garbe

Als dieser eröffnet er auf dem Hinterhof per Prolog pünktlich zum Frühjahrsbeginn die sächsische Freilufttheatersaison - mit einem Gebet auf die authentische Wahrhaftigkeit. Dabei steht er auf einer Leiter und wird von Claudia Reh und ihren drei lichtverstärkten Overhead-Projektoren umleuchtet, die Business-Weib- wie Männlein auf die Hauswand beamt, die vor allem mit Isolation und Vereinsamung kämpfen.

Dann geht es hinten herum hinein in den Saal - dort wartet neben Reh und ihren Geräten auch Musiker Jörg Schittkowski. Und es passiert völlig unerwartetes: Pannike wird zum Sänger und bietet in den sieben üblichen Teilen ein Requiem auf den Tod der körperlichen wie verkörperlichten Arbeit. In einer Mischung aus Falco und Paul Potts, auch mal in Blues verfallend, aber nie als reine Persiflage und mit geharnischten, wohlüberlegten Texten, prangert er in Windeseile mindestens ein Drittel der hundert schlimmsten Verwerfungen des aktuellen Turbokapitalimus an. Vor allem den Verlust von sozialen Errungenschaften, einst von Arbeitern hart erkämpft und nun mit diesen wieder artgerecht verschwunden.

Kaum hat er das edle, das echte Wackeln beerdigt, das man in Zeiten vor unserer Dienstleistungsgesellschaft auch Wertschöpfung nannte, die man heute zu deren Entwicklung besser einstigen Entwicklungsländern überlässt, verfällt Pannike in den ersten von vier Träumen: Als Morpheus stülpt er sich eine Gangstermaske über und träumt - wie alle Chancenlosen - von viel Geld ohne Arbeit. Hierzu wird ein zweiter durchsichtiger Vorhang vor ihn gezogen und Claudia Reh arbeitet mit klaren geometrischen Formen.

Dann wird er zum Moderator und lässt den Saal mitspielen: Er vermittelt die wichtigsten psychologischen Tricks und Kniffe für erfolgreiche Bewerbungen. Assessmentcenter heißt das Glücksspiel. Die folgende Ode an die Neue Soziale Marktwirtschaft (NSM) widmet er Angela Merkels ehrlichem Ansatz von der marktkonformen Demokratie. Selten war so viel Wutbürgerlichkeit so elegant und gleichzeitig kompakt wie prägnant verpackt.

Eigentlich wollte Utz Pannike, der Gründer und Chef des Panischen Not-Theaters, mit drei Schauspielern arbeiten und selbst nur Regie führen. Für die Stückentwicklung bekam er ein dreimonatiges Stipendium der sächsischen Kulturstiftung und verbrachte das vorjährige Frühjahr mit Recherche und Textgenese. Doch die Finanzierung der Produktion klappte trotz Stiftungsgeldern nicht ganz so wie gewünscht, so dass er selbst in die Bütt, also auf die Bühne springt.

Zur Reflektion und für einen dramaturgischen Zuschnitt holte er sich dafür die bekannte Dresdner Dramaturgin Esther Rölz (u.a. "Rattenklatschen") dazu. Mit Live-Painterin Claudia Reh, die gleichzeitig je drei Polyluxe bedient und damit eine neue, aber faszinierende und jedes mal exklusive Form des Bühnenbildens erfindet, und Jörg Schittkowski an allen möglichen elektronischen Instrumenten, entsteht eine dichte, sehr unterhaltsame Performance, die auch mal Richtung Kabarett oder Comedy schwappt, sich aber nie in Klamauk oder Gaudi verliert. Selbst wenn Pannike nicht punkten könnte, wäre mit der Beobachtungsoption auf seine beiden Mitstreiter genug geboten. Aber das passiert nicht. Eher wird, so die Hoffnung des unpanisch-gelassenen Trios, die ganze Show auch vor theaterfernen Jugendlichen im "Sektor Evolution" auf der Straße E funktionieren, wo nächsten Freitag die zweite Premiere sein wird. Auch weitere Exkurse, so gen "Geh 8" oder in die Lausitz sind geplant.

Das Projekttheater ließe sich sicher überreden, für die weiteren Aufführungen die erste Reihe für politische Entscheider ab Referatsleiter aufwärts freizuhalten, um eine erfrischende Sicht auf den Abgesang des westlichen Wirtschaftssystem in absolut kurzweilig-professioneller Darbietung zu erleben. Doch sie werden nicht kommen und dann - wie gewohnt - von nichts gewusst haben wollen. Wer hingegen Stéphane Hessel mag, wird diesen "Stachel" lieben.

Nächste Vorstellungen im Projekttheater Dresden am 22. März sowie 8. bis 10. Mai, jeweils 20 Uhr); im Sektor Evolution (Straße E) am 28. März (Premiere) sowie am 29. & 30. März, jeweils 21 Uhr

www.projekttheater.de; www.no-panik.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.03.2014

Andreas Herrmann

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