Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Uraufführung von Wolfgang Herrndorfs Erfolgsbuch "Tschick" am Dresdner Staatsschauspiel

Uraufführung von Wolfgang Herrndorfs Erfolgsbuch "Tschick" am Dresdner Staatsschauspiel

"Wenn Sie sich Antworten von mir auf Fragen erhoffen, schreiben Sie mir nicht. Ich habe keine Zeit. Wenn Sie sich für den einzig richtigen Regisseur für die Verfilmung von 'Tschick' halten, wenn Sie sich beschweren wollen, daß ich auf Ihren letzten Brief bereits nicht reagiert habe, wenn Sie mir (es geht um Leben und Tod) das abermalige gründliche Studium Ihrer Website anraten, welche empfiehlt, mehr Vitamin C einzunehmen, mein Handy gegen ein Festnetztelefon auszutauschen, Energiesparlampen in Kopfnähe auszuweichen: Schreiben Sie mir nicht.

Voriger Artikel
Heinrich von Kleist tummelte sich auch in Dresden - Die Suche nach realen Orten fällt schwer
Nächster Artikel
Dresdner Palucca-Schüler tanzen „Nussknacker“ und die Welt schaut zu

Sebastian Wendelin (Tschick), Lea Ruckpaul (Isa) und Benjamin Pauquet (Maik Klingenberg).

Quelle: Matthias Horn

"

Diese Zeilen sind auf der Internetseite des Autors Wolfgang Herrndorf in seinem öffentlichen Tagebuch zu lesen. Schnell wird klar: Der Mann hat Humor, und ein Tumor im eigenen Kopf ist nicht lustig. Also sollte man ihm den Gefallen tun und ihn in Ruhe lassen - seine Bücher zu lesen reicht völlig aus. Mit dem 2010 erschienenen Jugendroman "Tschick" wurde der Autor einem breiten Publikum bekannt. Neben hormonverwirrten 14-Jährigen, unterwegs auf einer "Pubertät" genannten Achterbahn, entdecken auch jene das Buch für sich, die vor einer Ewigkeit im Geiste im Boot von Huck Finn und Tom Sawyer gesessen haben und auf der Mississippi von Abenteuer zu Abenteuer geschippert sind. Heute warnt diese Rand-Zielgruppe irgendwo vom Bürotisch aus ausdrücklich vor den Gefahren im Fluss-Schiffsverkehr, lebt bequem und karriereorientiert und lässt sich die Ausbildung ihrer Kinder was kosten. All diesen stinknormalen Erwachsenen sollte man eine gehörige Portion "Tschick" verschreiben.

Das Buch bekam wichtige Preise wie den Clemens-Brentano-Preis und den Deutschen Jugendliteraturpreis, die Literaturkritik überschlug sich mit Lob. Es gibt ein Hörbuch, die Verfilmung wird nicht lange auf sich warten lassen, und seit diesem Wochenende ist "Tschick" in der Bühnenfassung von Robert Koall und in der Regie von Jan Gehler als Uraufführung im Kleinen Haus zu sehen. Und es ist eine dichte, witzige, temporeiche und phantasievolle Wiederentdeckung der Jugend. Den schlichten Spieluntergrund dazu bietet die Bühne von Sabrina Rox - eine einseitige, breite, gummierte Skatebahn mit begehbarem Rand, dahinter kann man den Rest der Welt nur vermuten: See, Pool, Müllhalde, fremde Häuser und Berge mit Zacken drauf. Diese Welt werden die 14-Jährigen Schüler Maik und Tschick bereisen. Maik, der die Geschichte erzählt, ist Sohn wohlhabender Eltern - Vater phantasieloser untreuer Immobilienhändler, Mutter verständnisvoll und alkoholkrank.

Maik hält sich für einen Langweiler, weil die anderen ihn so sehen. Bis der Deutschrusse Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, auftaucht - er hat sich von der Förderschule irgendwie zum Gymnasium hochgekämpft, und ergänzt nun die kleine Außenseiter-Runde (Maik, der Psycho, Tschick, der Russe, und noch einer, den man "Nazi" nennt). Maik wird von Tschick überredet, in einem gestohlenen Lada - hier ein Riesenkassettenrekorder -, eine Spritztour zu machen. Daraus wird eine einwöchige Reise in die Walachei (dort lebe sein Großvater, behauptet Tschick). Die zwei Jungs werden Freunde, sehen tolle Landschaften, "beige Rentner" und begegnen laut Maik dem einen Prozent guter Menschen in einer zu 99 Prozent schlechten Welt. Auf einer Müllhalde treffen sie etwa die durchgeknallte Isa, in die sich Maik verliebt. Eine Sprachtherapeutin nimmt Maik und Tschick nach einem Unfall mit und erklärt ihnen die Welt aus sprachtherapeutischer Sicht: "Der Mensch ist wie eine Zahnpastatube - wenn man unten drückt, kommt oben was raus." Der schießwütige Herr Fricke kriegt den Krieg nicht aus dem Kopf, ein Unbekannter legt nicht auf und hört zu, als ihn Maik nachts anruft, weil er vor dem strengen Blick einer Krankenschwester eine fiktive Tante vorweisen muss. Anna-Katharina Muck und Holger Hübner verkörpern mit wenigen Strichen und viel Herzblut dieses kleine Universum an Personen (die Kostüme schuf Cornelia Kahlert).

Die Schauspielstudentin Lea Ruckpaul ist eine lebhafte Isa, die je nach Bedarf vulgär und zärtlich sein kann. Benjamin Pauquet als Maik und Sebastian Wendelin als Tschick überzeugen während der zweistündigen Inszenierung mit jugendlicher Frische und Witz ohne überflüssiges Teenie-Getue. Sie setzen treffsicher die humorvolle, klare und poetische Prosasprache von Wolfgang Herrndorf in mitreißende Bühnenpräsenz um. Die Inszenierung ist eine wundervolle Reise voller Geheimnisse, bitterer Wahrheiten und Spaß - eine Mischung, die vom Premierenpublikum mit viel Befall belohnt wurde.

Vorstellungen: 26. (nur Restkarten) und 29. November, jeweils 20 Uhr, Kleines Haus 3

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.11.2011

Bistra Klunker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr