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Uraufführung von Miroslav Srnkas "Jakub Flügelbunt" in der Semperoper

Uraufführung von Miroslav Srnkas "Jakub Flügelbunt" in der Semperoper

Dass Musik von Prokofjew auf Kinder altmodisch wirken könnte, wäre ein Gedanke, mit dem man sich schwer anfreunden mag. Ein beim Hinausgehen aufgeschnappter Satz einer vielleicht Zwölfjährigen kommentierte das Verhältnis der beiden Stücke im Programm, das in der Semperoper Premiere hatte, mit den knappen Worten: "Das erste fand ich langweilig".

Dieses erste Stück, Prokofjews "Peter und der Wolf", ist bei den Eltern bekannt und beliebt und geradezu eine Sammlung von Ohrwürmern. Den Kindern, denen diese Aufführung im Rahmen von "Semperoper Junge Szene" galt, war das "musikalische Märchen" nicht vertraut oder sogar unbekannt, und sie erleben es in einem neuen Kontext, denn ihm gegenüber stand im zweiten Teil das an diesem Abend uraufgeführte Märchenstück mit dem wundersam langen Titel "Jakub Flügelbunt ... und Magdalena Rotenband oder: Wie tief ein Vogel singen kann" des Prager Komponisten Miroslav Srnka (geb. 1975). Die Komposition war ein Auftrag der Sächsischen Staatsoper und kam, wie Miroslav Srnka vorab erzählte, eher zufällig zu ihm. Dresden war auf der Suche nach einem neuen Stück, das sich mit "Peter und der Wolf" verbinden ließe, und fragte über den Verlag des Komponisten an. "Jakub Flügelbunt" ist Srnkas dritte Arbeit für die Opernbühne und seine erste für Kinder.

Im Verhältnis wirkt die Erzählweise von "Peter und der Wolf" tatsächlich etwas altbacken. Die Essenz der Geschichte (dass man sein Ziel erreicht, wenn man sich mit seinen Freunden, auch gegen Widerstände, zusammenwirft), kommt hier - ganz anders als dann bei Srnka - mit dem deutlich erhobenen Zeigefinger daher. Was beim politischen Umfeld der Sowjetunion im Entstehungsjahr 1936 kaum verwundern kann, zumal im Text eine deutlich patriotische und propagandistische Komponente mitschwingt, hinter der die Kriegsgefahr der Zeit spürbar wird. Solchen Aspekten kann die Aufführung natürlich nicht nachgehen und Olaf Bär nimmt die Partie des Sprechers mit einer gewinnenden Mischung aus väterlichem Märchenton und griffiger, ganz plastischer Erzählweise, in der er die Dramatik der Musik steigern hilft, ohne den Text zu sehr in den Vordergrund zu ziehen. Die Staatskapelle unter Leitung von Tomás Hanus lässt die sommerliche Wiese mit ihrer brüchigen Dorfidylle in ebenso optimistischem Ton erstrahlen, wie der Kampf mit dem Wolf anspringend wild herausgestellt ist. Da kuscheln sich die Kleineren schon mal an die Schultern der Eltern.

Das Thema Freundschaft trägt auch Miroslav Srnkas "Jakub Flügelbunt", das vom Komponisten verfasste Libretto weitet allerdings den Horizont immens und geht weg vom eindimensionalen Berichten. Der Geschichte liegt ein Motiv der Prager Trickfilmerin Maria Procházková zugrunde, das der Komponist musikalisch in eine fantasievoll überbordende, Kindheit und Jugend im Zeitraffer darstellende Geschichte übersetzt hat. Ohne allen Spaß, den das Stück überall enthält, verraten zu wollen, sei die Handlung grob umrissen: Der kleine Vogel Jakub (Hagen Matzeit, Countertenor und Bariton) will fliegen und bedrängt den Vater (Markus Butter, Bass), der ihm endlich Unterricht gibt. Die Warnung "Nur wenn der Wind schweigt, kann ein kleiner Vogel fliegen" wird in selbigen geschlagen. Jakub stürzt ab und bricht einen Flügel. Die Eule (M. Butter) konstatiert, Jakub würde nie wieder fliegen können, die Mutter (Valda Wilson, Sopran) ist entsetzt. Niedergeschlagen sucht Jakub nach etwas, das er auch ohne Flügel kann, und sein Freund Eichhörnchen (V. Wilson) bringt ihn darauf, beim Waldrennen mitzulaufen. Aber auch der errungene Sieg heitert Jakub kaum auf. Nur die bezaubernd singende Magdalena (V. Wilson) hat es ihm plötzlich angetan...

Faszinierend ist nicht nur, wie Srnka die eigentlich ernste Geschichte mit sprudelndem Humor bricht. Der Komponist selbst nennt sein Stück eine "Comic-Oper", was die sparsam bevölkerten, inhaltlich scharf geschnittenen musikalischen Bilder, die er zum Handlungsstrang zusammenfügt, gut beschreibt. Die vielen Figuren, die das dreiköpfige Sängerensemble verkörpert, treten so nur abwechselnd auf, und Srnka nutzt quasi parallele Momente, ohne die Chronologie zu verlassen. Jakub wächst heran und kommt in den Stimmbruch. Wie Hagen Matzeit das mit den Mitteln von Alt- und Baritonstimme spielt, ist ein Vergnügen. Musikalisch ist diese Kinderoper nie "kindgemäß" reduziert. Miroslav Srnka bleibt beim Ausschöpfen der Mittel, derer sich die zeitgenössische Musik bedient, und füllt das übliche Instrumentarium mit allerhand Geräuschen und Effekten auf. Auch der Anspruch an die drei Sänger ist dabei hoch, die - bravourös gelöst - beständig zwischen Sprechen, Sprechgesang, Singen und allerhand abenteuerlichen Stimmübungen wechseln müssen. Mitunter unausgewogene Balancen in den Stärken (manches über Lautsprecher verstärkt) schmälerten noch die Verständlichkeit. Aber hier wie auch bei ein paar Wacklern im Zusammenspiel muss man den beachtlichen Schwierigkeitsgrad des neuen Stückes durchaus in Rechnung stellen.

Gespielt wird ausgesprochen lebhaft (Szene: Heike Maria Jenor; Dramaturgie: Nora Schmid) mit einem erfrischenden Eindruck des Improvisierten, wozu die witzigen wie schnell zu wechselnden Kostüme und Requisiten (Kostüme: Frauke Schernau; Ausstattung: Arne Walther) beitragen. Tomás Hanus gab mit der Staatskapelle weit mehr als eine musikalische Illustration der Szenen. Wie unkompliziert vor allem die Kinder die neue, nicht unkomplizierte, oft filigrane Musik aufnahmen, sie vielleicht gerade in dieser Vielschichtigkeit als spannender im Vergleich zu Prokofjew empfanden, war bemerkenswert. Dieser Abend ist eine großartige Empfehlung für Eltern und Kinder.

Weitere Vorstellungen 18., 22., 26.12., Semperoper

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.12.2011

Hartmut Schütz

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