Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Google+
Uraufführung von "Herrmann’s Battle" im Kleinen Haus in Dresden

Uraufführung von "Herrmann’s Battle" im Kleinen Haus in Dresden

Ein "V", ein "H" und ein "M" flimmern leuchtend auf dunklem Hintergrund - schön anschaulich wie bei einer Power Point Präsentation. Und doch scheinen sie sich zu belauern und unruhig zu zittern.

Voriger Artikel
Posaunen stimmten in der Kreuzkirche auf die Weihnachtszeit ein
Nächster Artikel
Interview mit Vonda Shepard, die am Nikolaustag in der Dresdner Lukaskirche gastiert

Diesmal auf der Theaterbühne: Käpt'n Rummelsnuff (r.), der für "Herrmann's Battle" auch die Musik beisteuerte.

Quelle: Barbara Braun

Dank Allgemeinbildung und dank des angekündigten Titels "Herrmann's Battle - Kleist von Rimini Protokoll" kann das Publikum zur Dresdner Premiere des neuen Projekts im Kleinen Haus das umstrittene Kleist-Drama erkennen und die historischen Daten dahinter abrufen. Wenn man mit dem Stoff doch nicht so vertraut ist, macht das an diesem Abend aber auch nichts.

"V" steht jedenfalls für (Publius Quinctilius) Varus, römischer Befehlshaber und auf Feldzug in Germanien, "H" für Herrmann (auch Arminius oder Armin), Fürst der Cherusker und "M" für Marbod, Fürst der Sueben. Im Jahre 9 nach Christus begegneten sie sich (über das "wo" wird weiter gestritten, bei Kleist ist es noch der Teutoburger Wald) in feindlicher Gesinnung. Im Prinzip kämpften germanische Stämme gegen römische Legionen, die Roms Anspruch auf Germanien als ordentliche römische Provinz durchsetzen wollten. Varus sollte sicherstellen, dass Steuern fließen und die römische Rechtsprechung gilt. Die Germanenfürsten waren sich alles andere als einig, was die Römer durch Taktieren und Paktieren zu nutzen versuchten. Diese Methode wiederum setzte Herrmann, der römische Ausbildung genossen hatte, vor der berühmten Herrmannsschlacht ein, indem er den Römern gegenüber Uneinigkeit vorgaukelte und heimlich germanische Bündnisse schloss. In der Inszenierung "Herrmann's Battle" werden folgerichtig "H" und "M" das "V" überlagern und es zum Verschwinden bringen.

Die Schlacht mit den offensichtlich zerriebenen römischen Legionen ging in die Geschichte ein - inklusive des nationalistischen Echos viele Jahrhunderte später. Für Kleist war der Stoff auch eine politische Reflexion - das Drama, vor den Befreiungskriegen gegen Napoleon entstanden, sollte den taktischen Widerstand von Preußen und Österreich gegen Frankreich symbolisieren.

Heute gilt: Du glaubst deinen Feind zu kennen, aber du irrst dich oder du siehst ihn nicht. Wie in Afghanistan, wie in Srebrenica, wie im Internet, wie im arabischen Frühling. Und wer kann besser darüber erzählen als Augenzeugen, oder wie sie bei Rimini Protokoll heißen: Experten des Alltags. Eine facebook-(counter)-Revolutionärin mit ägyptischen Wurzeln, eine Muslima aus Srebrenica, ein hardware reverse engineer, ein Chaos-Computer-Club-Veteran, ein Oberst a.D. der Bundeswehr und ein Eisenkumpel, der mal mit Germanen-, mal mit Römerhelm in Brummbär-Manier zur Strommusik singt. Der ccc-Veteran Peter Glaser spricht aus dem Off, er ist angeblich aus seiner Wohnung in Berlin-Spandau online zugeschaltet. Nach einem heiteren Einstieg, wo er sich als Wal im Cybernet beschreibt, sagt er ein paar Mal die Orte und wenige Sätze aus dem Drama durch, plaudert aus dem Hacker-Nähkästchen, mischt sich gelegentlich kommentierend ein.

Die Anderen sind anwesend und berichten von "ihren" Kriegen. Remzija Suljic erzählt auf Serbisch vom schrecklichen Alltag in Srebrenica, von Nachbarn, die plötzlich als Feinde vor der Tür stehen, vom Verstecken, von Leichen im Schnee. Barbara Bishay schildert ihre über Facebook vorbereitete Reise nach Kairo, ihre Erlebnisse auf dem Tahir-Platz. Der Oberst a.D. Karl-Christoph von Stünzner-Karbe hat im Auftrag der Bundeswehr die NVA übernommen. Peter Glaser erläutert aus dem Off, wie Hacker an sensible Daten rankommen. Nathan Fain stellt auf Englisch das anonyme Netzwerk torproject vor und erklärt sachlich, wie man im Internet mühelos einen Killer beispielsweise für Julian Assange bestellen und Wetten auf den Todeszeitpunkt abschließen kann. Dazu brummt Käpt'n Rummelsnuff Kleist-Verse, mimt mit angewinkelten Muskelpaket-Armen vom Podest den Helden. Als Spielort dient eine Drehscheibe mit moderner Burg-Ruine, die auch als Projektionsfläche für Karten-Animationen dient - zur Veranschaulichung der "neuen" Kriege. An den Seiten hängen zwei elektronische Tafeln, auf denen die Übersetzungen aus dem Serbischen und Englischen zu sehen sind. An einer mit Lämpchen bestückten Anlage macht sich ein Musiker zu schaffen, Sandsäcken sind zu sehen, wohl für die "alten" Kriege.

Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll, die für Idee und Regie verantwortlich sind, haben den 200. Todestag von Kleist in diesem Jahr für ihre auf mehreren Schultern getragene Koproduktion genutzt. Das bisschen Kleist da drin - ein Etikettenschwindel? Einerseits ja, andererseits schafft es Rimini Protokoll seit dem Jahr 2000 immer wieder, in bekannte Themen aus ungewöhnlicher Dokumentartheater-Perspektive reinzuleuchten. Im Kleinen Haus lauschte das überwiegend junge Publikum den Experten des Alltags in den knapp zwei Stunden gespannt. Und das, obwohl zwei Schwachpunkte der Inszenierung deutlich wurden. Zum einen kommt das Authentische, das dramaturgisch aufgearbeitet ist, teilweise holprig und vordergründig pointiert daher. Und zum anderen wirkt das Geschehen auf der Bühne trotz eifrigen Drehens mit Treppen-Auf-und-Abs und Tür-Auftritten streckenweise statisch und anstrengend.

Dennoch überzeugt diese Mischung aus dokumentarischem Erzählen und bewussten Verquickungen - wenn der Oberst trocken die Verhaltensregeln für die Soldaten im Einsatz aufzählt, antwortet Remzija Suljic mit Bildern aus der aufwühlenden Srebrenica-Realität. Das Dresdner Publikum spendete anerkennend Beifall für die Experten des Alltags und ihre "Berater" von Rimini Protokoll. Bistra Klunker

nächste Vorstellung im Kleinen Haus: am 21.01.2012, 19.30 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.12.2011

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr