Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Uraufführung von Dagrun Hintzes "Die Zärtlichkeit der Russen" mit der Dresdner Bürgerbühne im Kleinen Haus

Uraufführung von Dagrun Hintzes "Die Zärtlichkeit der Russen" mit der Dresdner Bürgerbühne im Kleinen Haus

Frau B schildert führt unbeholfen, vor wie sie das Messer beim Torfstechen gebrauchte, wie die klobigen Stücken getrocknet wurden, um dann hell glühend im Ofen zu brennen.

Voriger Artikel
Dresdner Kreuzkantor Roderich Kreile verlängert Vertrag
Nächster Artikel
Claus Weidensdorfer, in diesem Jahr 80 geworden, präsentiert Zeichnungen in der Galerie Hieronymus

Ein Reigen sich erinnernder Frauen: Margareta Opitz-Heckmann, Heide-Marie Naubereit, Christa Hasenkrüger, Eva-Maria Ganze und Ute Brückner.

Quelle: David Baltzer

Aber Frau B ist tot, und Ute Brückner aus Dresden-Plauen ist es, die nun diesen Erinnerungen Gestalt verleiht. Vielleicht hat sie ja als Kind auch diese ziegelsteingroßen, bröckelnden Presslinge gesehen... Freilich merkt man nicht so recht, dass Frau B eigentlich aus Ostpommern stammt, doch das ist weniger wichtig als diese Begegnung, die auf der Dresdner Bürgerbühne stattfindet. Deutsche Biografien, gelebt und betrachtet aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, verschmelzen unversehens miteinander.

Die 1971 geborene Dagrun Hintze hat mehr als ein Jahr lang Insassen eines Hamburger Altenheims interviewt und als theatererfahrene Autorin daraus einen Bühnentext gefiltert, der auch nachdenkt über Prozesse des Erinnerns, über das Altern und die damit verbundene Trauerarbeit, über individuelles Erleben und Geschichte. Wohl weniger die Reverenz an einen mecklenburgischen Großvater als der Titel "Die Zärtlichkeit der Russen" legte die Uraufführung an einem ostdeutschen Theater nahe.

Eva-Maria Ganze, 1942 in Oschatz geboren, macht jedoch keinen Hehl daraus, dass sie auch als ehemalige Physiotherapeutin Frau K den Titel völlig unpassend fand. In der Inszenierung von Sandra Strunz ist sie wie sechs weitere Darsteller ständig präsent, die sich an einer Fülle in Regalen aufgestapelter Erinnerungstücke (Bühne: Judith Kästner) bedienen, sie an kleinen Tischen ausbreiten - Fragmentarisches, das gelebtes Leben schlaglichtartig erhellt, wenn auch kaum in nachvollziehbare Zusammenhängen. Die Betonung liegt mehr auf Bühne als auf Bürger. Der geht auf in teils schon ambitioniertem Rollenspiel, das ihn auch schützt, wenn er Ureigenstes offenbart. Nur Fritz Rösler trägt seinen Herrn R, der mit 17 zur Waffen-SS eingezogen wurde, aber nie Rechenschaft darüber ablegen musste, etwas vor sich her und betont damit sein eigenes Selbst- und Kulturbewusstsein. In dem Stück fast ohne Dialog ist er Taktgeber, auch musikalisch. Zwischen den individuellen Szenen stimmt das Ensemble fast vergessene Schlager und populäre Lieder an (Klavierbegleitung Julius Eberhard) - einmal wird sogar ein Tänzchen gewagt.

Dass alles ist sehr berührend, weniger erhellend, auch wenn schließlich noch Kinder (Tim Ellis und Kaja Pfüller bzw. Clara Haas und Alisa Zoe Elsner) mit ganz eigenem Lebensgefühl die Schein-Authentizität ihrer "Vorfahren" verstärken.

Hintze spricht hinsichtlich ihrer Interviews von "letztem Lektorat" - tatsächlich war sie oft spät dran. Zu denken gibt die soziale "Auswahl", die zur Heimaufnahme führte, aber oft schon viel früher begann, wie bei dem invaliden, schlichten Werftarbeiter Herrn Z, dessen Schicksal Bodo Kade, ehemaliger Mathelehrer aus Sebnitz (66), in groben Zügen zeichnet. Vom Leben vielfach gebeutelt, behauptete sich Mutter W (Christa Hasenkrüger, gebürtige Dresdnerin mit Ost-West-Ost-Lebenslauf, in den hohen Siebzigern) mit Stil und Contenance, die wackelt, wenn ihr die Tochter (Heide-Marie Naubereit, eine Altmärkerin Jahrgang 1949) regelmäßig auf die Sprünge hilft, damit sie sich nicht in beschönigenden Hirngespinsten verliert. Frau P (Margareta Opitz-Heckmann, eine 74-jährige Stuttgarterin), genießt und zelebriert es, sich an nichts zu erinnern, aber trotzdem (gerade dadurch) mancher Herausforderung zu genügen. So entsteht ein Reigen schrecklicher Banalitäten, gescheiterter Beziehungen und kleiner Freuden. Freilich nicht nur "Aus dem Leben einer Kriegsgeneration". Infolge der "Revitalisierung" treffen mehrere zusammen, die sich auch in grundsätzlichen Einstellungen etwa gegenüber Autorität oder Sex unterscheiden. Gleichwohl gehören fast alle Protagonisten zu der dramatisch schrumpfenden Zahl von Menschen, die noch unmittelbar vom Zweiten Weltkrieg betroffen wurden.

So verwaschen und undeutlich die meisten Erinnerungen sind, so scharf sind die Bilder bestürzender Begegnungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht, vergewaltigte Frauen, erschossene Männer und Knaben. Ute Brückner greift so beherzt wie einfühlsam nach den gefährlichen Splittern. Dass die Kriegsfurie nicht gleich zu stoppen war, Soldaten aus dem Osten sich bald als ganz normale, ja besonders zärtliche Männer zeigten, ist eine vielleicht unschickliche Erfahrung, aber wohl ebenso simpel wie wahr, denn sonst wäre ja überhaupt keine Versöhnung möglich. Insofern beschwichtigt diese unerwartete Wendung vielleicht auch etwas den Hass, der als Folge des in den Jahrzehnten danach erfahrenen Unrechts schwelt. Tomas Petzold

nächste Aufführungen: 11. & 15.12.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.12.2011

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr