Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Uraufführung für Trojanows „Weltensammler“

Im Dresdner Schlosstheater Uraufführung für Trojanows „Weltensammler“

Der heute in Wien lebende Bulgare Ilija Trojanow hat mit seinem Roman „Der Weltensammler“, 2006 in München erschienen, die Vorlage für die jüngste Uraufführung des Staatsschauspiels Dresden geliefert. Regie im reanimierten Schlosstheater führte Johannes Ender.

Voriger Artikel
Staatsschauspiel Dresden startet mit Gartenfest und „Ralf – Die Abenteuer von 60 Minuten“ in die Saison
Nächster Artikel
Spenden gesucht: Theater Junge Generation will flexible Zuschauertribüne

Jannik Hinsch, Katharina Lütten, Christian Clauß, Jasper Diedrichsen und Valentin Kleinschmidt in einer Szene

Dresden. Schicht auf Schicht, Folie auf Folie. Wer weiß etwas über Richard Francis Burton (1821-1890), britischer Offizier, Weltreisender in recht unterschiedlichen Missionen, Abenteurer. Der Brockhaus gönnte ihm einen kleinen Artikel mit Aufzählung seiner Werke, zu denen neben zahlreichen Reiseberichten auch Übersetzungen wie des Kama Sutra und der Märchen aus tausendundeiner Nacht zählen. Der heute in Wien lebende Bulgare Ilija Trojanow war ihm im doppelten Sinn auf der Spur, hat ihm gleich zwei seiner Romane gewidmet. „Der Weltensammler“, 2006 in München erschienen, lieferte nun die Vorlage für die jüngste Uraufführung des Staatsschauspiels Dresden, die am Sonntag im reanimierten Schlosstheater stattfand. Auch Regisseur Johannes Ender war bereits auf mehreren Kontinenten unterwegs. „Nicht nur als Reisender oder Tourist, sondern tiefer, umfassender“, wie das Programmheft zitiert. Die Spielfassung zum „Weltensammler“ hat er gemeinsam mit der Dramaturgin Lucie Ortmann erarbeitet und mit dem Schauspieler Jasper Diedrichsen, der als Darsteller der Hauptfigur am Staatsschauspiel debütiert, ansonsten auch als Kabarettist, Comedian und Autor unterwegs ist.

Ein eingespieltes Trio bilden Ender und Diedrichsen mit der ebenfalls neu in Dresden engagierten Katharina Lütten, die mehrere Rollen, mal mehr erotisch, mal eher gendermäßig zu interpretieren hat, was ihr mit versierter Wandlungsfähigkeit gelingt. Außerdem wuselt als ein meistens aufgeregter Diener, Begleiter, Widerpart Christian Clauß durch die Szenen. Fast ausschließlich mit „handgemachten“ Mitteln und einfachen Requisiten, im Wechsel von darstellendem Spiel, Erzählung und Kommentar lassen sie eine ganze Welt erstehen, in der Fantasie, vor dem geistigen Auge oder als Modell. Marie Gimpel hat ein greifbares auf die Bühne gestellt, drei Kugelsegmente, die um eine gemeinsame Achse rotieren, an ein Observatorium erinnern, an einen Globus oder die Schalen einer Frucht, die sich gelegentlich mit goldenem Strahlen öffnet wie lockende Verheißung, Glanz des Morgenlandes, vor der sich jedoch auch auf brutalste Weise geschilderte Szenerien ausbreiten.

Claudia Pohle hat die Hauptakteure in locker das 19. Jahrhundert zitierende Kostüme gesteckt. Außerdem gibt es einen cabaretmäßig gekleideten, singenden und sprechenden Chor sowie mit Jannik Hinsch und Valentin Kleinschmidt zwei mal fein ziselierende, mal expressiv donnernde Multinstrumentalisten, die auch als Großwesire taugen und Affen, die sich im Vorspiel laut bellend balgen, dabei, wie sich herausstellt, mutwillig mit dem Ölsack spielen, der die unersetzlichen Aufzeichnungen des Richard Francis Burton enthält.

Auch insofern gleicht der Rahmen der Inszenierung dem des Buches, aber die Lücken dazwischen wie im Bezug auf die gesamte Biografie und die Philosophie des Erzählers sind ungleich größer. Vielleicht auch irrelevant, wenn dem toten Burton bescheinigt wird, er sei letztlich nur ein Lügner gewesen. Eine rätselhafte Figur bleibt er jedenfalls, aber im Unterschied zu dem in dieser hochliterarischen Spielzeit ebenfalls im Programm stehenden Karl May hat er so viele verbürgte einmalige Taten und Entdeckungen aufzuweisen, dass sie an einem einzigen Theaterabend nicht zu illustrieren sind. Geschweige zu hinterfragen im Hinblick auf Selbstfindungsprozess und Charakterbildung. Diedrichsen muss sich folglich mehr der Behauptung eines eher unscharfen Bildes widmen, und er tut das mit Stringenz, großer Einfühlung in die Poesie des Textes sowie größtmöglicher Gelassenheit oder Sturheit, wie sie Burton nachgesagt wird, als eines Menschen, der, von Langeweile, Biederkeit und Berechenbarkeit angewidert, das Fremde sucht, die An-Verwandlung, die Grenzen der Identität. Aber natürlich muss er und erst recht der Darsteller letztlich daran scheitern, und insofern lässt sich manch implizierte gute Absicht schlecht verwirklichen. Das Fremde bleibt fremd, selbst – woran Literaten besonders leiden – das Fremde im eigenen Ich. Der gemeinsame Nenner besteht hier drin, nicht nur seine Berechtigung anzuerkennen, sondern bewusst seine Reize zu erkunden. Ob die Annäherung letztlich kolonisierend oder freundlich, gar empathisch verläuft, bleibt bis zu einem gewissen Grade offen.

Die breit ausgemalte indische bzw. Bombay-Episode hat wie nebenbei den Vorzug einer dramaturgischen Struktur, indem hier Burton und sein Hausdiener Naukaram um die Liebe der Kurtisane Kundalini rivalisieren. Hier scheint es am Ende so, als würde der Engländer an den Herausforderungen der Liebe ebenso scheitern wie an kulturellen Schranken, als wäre die folgende, beinahe tödliche Verstrickung in die falsche Identität eines einheimischen Rebellen die obsessive Ersatzbefriedung wie später die (eben doch nicht ganz) unerkannte Teilnahme an der Hadsch oder gefährlichen Forschungsreisen durch Ostafrika. Diese Episoden leiden zunehmend durch hektische Betriebsamkeit und referierende Diktion, sind gekennzeichnet durch rieselnden Sand bzw. allmählich alles überkrustenden Schlamm.

Ein schönes skurriles Bild gelingt noch einmal, wenn für die vermuteten Quellen des Nils (u.a. den Tanganjikasee) ein Dutzend Eimer herhält. Die Frage nach dem richtigen ist nicht mit einer Parabel zu lösen, und Burton wird sich, nachdem er sich mit seinem fast ebenso berühmten Begleiter Speke im Streit um die wahre Quelle verfeindet, neuen ehrgeizigen Zielen zuwenden. In zumindest scheinbarem Widerspruch dazu steht sein finales Bekenntnis, das wahre Glück in der Beschäftigung mit den überlieferten orientalischen Geschichten gefunden zu haben. Auch wenn Diedrichsen den in seinem (zumal zu Premiere heftig von Stadtfestlärm gestörten) Schlussmonolog nicht ganz auflösen kann, liegt hier offensichtlich der Anstoß zur Wandlung vom Weltensammeln zum Weltverständnis, zu dem nicht ganz zuletzt die Erkenntnis beiträgt, dass sie, die Welt, auch vor 150 Jahren in der Kompliziertheit und Ausrichtung politischer Konstellationen gar nicht so unähnlich aussah. Viel Beifall für ein insgesamt doch recht kurzweiliges und anregendes Spektakel.

Aufführungen: 24. bis 27. August; 1. bis 5., 9., 10., 19., 22., 23., 28. und 29. September; 1., 2. und 3. Oktober, Schlosstheater

Von Tomas Petzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr