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Uraufführung für "Das steinerne Brautbett" im Schauspielhaus in Dresden

Uraufführung für "Das steinerne Brautbett" im Schauspielhaus in Dresden

"Am andern Morgen war das Schloss verschwunden, kein Weg und Steg führte zum Felsen, und auf dem Gipfel saß die Braut in dem steinernen Bette, welches man noch jetzt deutlich sehen und betrachten kann.

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Videos kommen in der Inszenierung reichlich zum Einsatz, bei der Vorlage hat Harry Mulisch über die reale Ebene eine mythologische Schicht geschoben.

Quelle: David Baltzer

Kein Mensch konnte sie erretten, und jeder, der versuchen wollte, die Steile zu erklettern, stürzte herab. So musste sie verhungern und verschmachten; ihren toten Leichnam fraßen die Raben." So erging es einer ungehorsamen Tochter in der Sage "Das steinerne Brautbett" aus der Sammlung von Jakob und Wilhelm Grimm. Ihr Vergehen: Sie wollte gegen den Willen ihrer Mutter einen Jungen aus der Nachbarschaft heiraten und widersetzte sich dem Verbot mit dem Versprechen an den Geliebten, ihn nach dem Tod der Mutter zu ehelichen. Doch dann, in ihrer Hochzeitsnacht, ereilte sie der Fluch.

Es ist unklar, ob sich der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch von Titel und Geschichte der Sage für seinen 1959 erschienenen Roman "Das steinerne Brautbett" inspirieren ließ. Ausgeschlossen ist es nicht, denn Mulisch, der vor einem Jahr 83-jährig starb, war ein Meister der Mixtur aus Fantasie, Mythos und Realität mit Bezug auf das Böse auf Erden. Dresden, die im Februar 1945 noch fast unversehrte schöne Braut inmitten schon zerstörter Städte, büßt in einer sternenklaren Nacht (das sprichwörtliche Bombenwetter) für die Vermählung mit Nazi-Deutschland mit einem exemplarischen Brautbett aus Feuer, Schutt und Asche. Ja, das könnte so ein Bild in Harry Mulischs Kopf gewesen sein.

Er, der sich als schreibender Alchemist sah, verwob gern Bilder und Symbolik mit knallharten Fakten. So nutzte er die Eindrücke in Dresden, wo er 1956 aus Anlass eines Heinrich-Heine-Kongresses in Weimar Station machte, als Hintergrund für den Roman, der scheinbar hier als Idee entstand: die Geschichte des Amerikaners Norman Corinth, der 1956 zu einem Zahnarzt-Kongress nach Dresden kommt. Hier trifft er auf eine Ruinenlandschaft, an deren Entstehen er als Pilot am 13. Februar 1945 direkt beteiligt war - sein Flugzeug wird dann abgeschossen, seine Crew geht drauf, er überlebt mit Narben im Gesicht. Narben irgendeiner Art haben alle Personen, die er hier trifft: Günther, der Chauffeur, schwärmt noch von Hitler, die zurückhaltende Dolmetscherin Hella hat die Konzentrationslager-Hölle hinter sich, der Westdeutsche Schneiderhahn spricht in Rätseln und erweckt den Verdacht, zu den ganz bösen Nazis gehört zu haben, was sich als Irrtum erweist - und gerade das macht Corinth am Ende wütend. Die Frage: Wer sind die Guten, wer sind die Bösen?, bleibt ungeklärt.

Über die reale Ebene zieht Mulisch eine mythologische Schicht: die Bombardierung Dresdens wird mit der Zerstörung Trojas verglichen - Troja habe wenigstens Helena als Kriegsgrund gehabt, philosophiert Corinth, Dresden dagegen sei nur zerstört worden, weil es Dresden sei. So gibt Mulisch Dresden wenigstens andeutungsweise eine Helena, indem er die Reiseleiterin Hella nennt. Die wird ja auch von dem Amerikaner erobert und links liegen gelassen, eine friedliche Zerstörung auf dem Weg zu einer Läuterung, die nicht stattfinden wird. Und noch einen Bezug zur Antike gibt es hier: Corinths Bomber-Erlebnisse werden in einem neohomerischen Stil als Gesänge verarbeitet - da nennt man Corinth einen "blauäugigen Helden", der Bomber ist ein "herrliches Luftschiff".

Nach dem bekanntesten Roman mit Bezug auf die Bombardierung Dresdens, Kurt Vonneguts "Schlachthof 5" (uraufgeführt 2005 im Kleinen Haus), kam nun auch Mulischs Werk "Das steinerne Brautbett" zur Uraufführung auf die Bühne. Stefan Bachmann erarbeitete zusammen mit der Dramaturgin Felicitas Zürcher eine Bühnenfassung der Romanvorlage und führt Regie bei der Inszenierung im Schauspielhaus. Lobenswert ist, dass die Regie nicht in die Falle der Aktualisierung tappt. Wenn etwa die Bomber-Piloten mitten in ihren pseudomythologischen Gesängen real-zynische Bemerkungen über die Ziele da unten von sich geben, denkt man unwillkürlich an das Video bei WikiLeaks mit amerikanischen "Heldentaten" im Irak - doch dieses Video wird nicht gezeigt, wir bleiben allein mit der Assoziation im Kopf, und das ist gut so. Videos gibt es zwar (kreiert von Christoph Menzi), doch sie dienen als gespenstiger Hintergrund aus bewegten Ruinen-Animationen für skurrile Autofahrt-Pantomimen oder dekorieren mit einer sowjetuniontreuen Rundum-Losung den Zahnarzt-Kongress. Unaktualisiert bleiben auch die Geschichten von gezielt mordenden Tieffliegern, die von Historikern inzwischen bezweifelt werden.

In dem luftigen Baugerüst-Bühnenbild von Simeon Meier, vorn nah am Publikum platziert, ist auch Norman Corinth untergebracht. Doch er treibt sich unruhig herum, fragt, philosophiert, säuft, versucht sich reinzuwaschen von der Schuld und wird schmutzig, weil er mit dem Hund gespielt hat, erobert und begehrt Frauen, zündet am Ende sein Auto an und schon "brennt" im Video-Feuer der ganze Theater-Rundhorizont. Dresden in Flammen. Es ist wohl nie vorbei.

In der Rolle von Norman Corinth ist Wolfgang Michalek zu sehen - ein Schauspieler, der allein schon mit seinem Gesicht sehr viel erzählen kann. Mal ist er ein zynischer Yankee, mal ein kritischer Geist, mal Verführer, mal nur ein menschliches Wrack. Sein vielschichtiges Spiel hält die Spannung im Großen und Ganzen aufrecht. Auch Karina Plachetka trägt dazu bei, sie spielt die verführte, nach außen kühle und innen geschundene Hella sehr überzeugend in einer Skala zwischen eiskalt und glühend heiß. In der Rolle von Schneiderhahn erweist sich Torsten Ranft als würdiger Gesprächsgegner von Corinth. Stefko Hanushevsky kann als Chauffeur Günther sein komödiantisches Talent wieder unter Beweis stellen - für eine Globus-Pantomime wie in Chaplins "Der große Diktator" etwa bekam er Szenenapplaus.

Dennoch zieht sich die Inszenierung manchmal hin und manche Nebenfiguren, die als Erzähler, Kongressbesucher oder Dresdner agieren, wirken irgendwie um die Hauptfiguren herum organisiert. Es ist oft schwierig bei Literaturtheater, ein lebendiges Figurenumfeld zu gestalten. Gelungen ist der Inszenierung auf jeden Fall, zum Nachdenken anzuregen und die Dünnhäutigkeit dieses Themas sichtbar zu machen. Dafür gab es herzlichen Beifall vom Premierenpublikum.

Aufführungen: 8. und 20.10., 14.11., Schauspielhaus Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.10.2011

Bistra Klunker

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