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Uraufführung des Romas "Rabenliebe" in Dresden: Im Gänsestall namens DDR

Uraufführung des Romas "Rabenliebe" in Dresden: Im Gänsestall namens DDR

Seine Mutter floh 1956 aus der DDR in den Westen und ließ ihn im Alter von zwei Jahren zusammen mit seiner noch jüngeren Schwester in der Wohnung in Rostock zurück. Erst nach fünf Tagen wurden die beiden Kinder halb verdurstet gefunden. Der Junge kam in ein Waisenhaus, bis er mit elf Jahren von einer Lehrerfamilie adoptiert wurde.

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Interview in der Küche des Künstlers: Peter Wawerzinek im Gespräch mit Charlotte Kaiser.

Quelle: Ch. Kaiser

Dresden. Ende der 1970er-Jahre begann er ein Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, was er nach zwei Jahren abbrach. Anschließend jobbte er und machte sich als Performer und Stegreif-Poet in der Ostberliner Literaturszene einen Namen. Eine beginnende Alkoholsucht kapselte ihn immer mehr vom Leben und seinem Traum, ein großer Schriftsteller zu werden, ab. 2003 erreichte er seinen persönlichen Tiefpunkt. Doch er rappelte sich auf: Sieben Jahre später kam der Durchbruch. Peter Wawerzinek erhielt für sein autobiografisches Buch "Rabenliebe" den Ingeborg-Bachmann-Preis. Charlotte Kaiser sprach mit ihm.

Frage: Wissen Sie, ob Ihre Mutter Ihr Buch "Rabenliebe" gelesen hat?

Peter Wawerzinek: Nee, hat sie nicht. Das war aber auch schon vorher klar. Meine acht Geschwister, die ich dann plötzlich hatte, haben es gelesen. Natürlich vor allem die Stellen, in denen sie selber vorkommen.

Ich denke, in dem Titel "Rabenliebe" ist das Wort Rabenmutter enthalten. Wie kamen Sie dann noch auf "Liebe"?

Mein erster Titelvorschlag war "Mutterfindung", das war dem Verlag aber zu technisch. Dann wollte ich den ersten Satz als Titel nehmen, den meine Mutter bei unserer Begegnung nach all den Jahren an mich richtete: "Da bist du ja!" Das fand der Verlag aber irgendwie auch doof. Dann kam ich auf Rabenmutterliebe, schließlich auf Rabenliebe - einen Mix aus den zwei Doppelwörtern "Rabenmutter" und "Mutterliebe".

Was bedeutet für Sie "Verlassen sein"?

Allgemein denke ich, dass dieses Gefühl am gefährlichsten ist, wenn man es im eigenen Leben erfährt. Wenn man der Meinung ist, einen großen Freundeskreis und eine sichere Familie zu haben und dann in schwierigen Situationen keine Unterstützung bekommt. Dann bricht das ganze Kartenhaus zusammen.

Wurde die Tat Ihrer Mutter, das Zurücklassen der Kinder, je von der Staatsanwaltschaft untersucht?

Das wurde nicht als Straftat angesehen. Die Beamten im Westen waren froh, wieder zwei Ossis aufzunehmen, die gegen das Gesellschaftssystem dort waren. Und der anderen Seite, der DDR, war es lieb, zwei Kinder zu haben, die sie im großen Gänsestall namens DDR zum guten sozialistischen Bürger erziehen konnten.

War Ihnen als Kind bewusst, dass Ihre Mutter Sie verlassen hat? Wann und wie wurde es Ihnen erzählt?

Ich habe es schon sehr früh im Kinderheim von den Erzieherinnen erfahren. Allerdings nur, dass meine Mutter in den Westen abgehauen ist, nichts weiter.

Wie haben Sie es geschafft, die ganzen Kindheitserinnerungen sich wieder ins Gedächtnis zu rufen?

Ich bin sehr oft zurück ins Kinderheim gefahren. Bin die Wege entlanggegangen, die wir als Kinder auch entlangspaziert sind. Und dann habe ich Sachen gemacht, die, wenn mich jemand beobachtet hätte, albern ausgesehen haben müssen, die man aber als Kind so macht. Ich habe mich in den Sand geworfen, bin rumgesprungen, habe Bäume umarmt. Ich habe versucht, die ganzen Sinne wie als Kind wahrzunehmen. Es hat auch Spaß gemacht, sich wieder so albern zu benehmen.

Was wollten Sie mit dem Aufschreiben Ihrer Geschichte und dem Buch erreichen?

Damals sagten alle: "Der Wawerzinek, das könnte ein genialer Typ sein, aber der säuft ja nur noch." Selbst meine Freunde haben mich so gesehen. Irgendwann kam ich dann an den Punkt, an dem ich diese Alkoholsucht loswerden und gleichzeitig das Thema "Mutter" aufarbeiten wollte. Außerdem hatte ich mir als Ziel gesetzt, allen zu beweisen, dass sie mich zu früh aufgegeben hatten. Ich wollte zurückkommen und mit meinem Buch eine Stimme werden. Der Erfolg war mir gar nicht so wichtig, nur das Ernstgenommenwerden.

Können Sie mir das Treffen mit Ihrer Mutter beschreiben? Hat Sie Ihnen Erklärungen geben können?

Ich bin mit meiner damaligen Freundin hingefahren. Der erste Satz, den sie an mich richtete, "Da bist du ja!", hat mich natürlich geschockt. Sie hat bei dem Treffen fast gar nichts gesagt und ist wortwörtlich immer mehr vom Tisch abgerückt. Am Ende saß sie mit ihrem Stuhl fast an der Wand, das habe ich später auf Fotos, die meine Freundin gemacht hatte, gesehen. Erklärungen hat sie mir nicht gegeben. In ihrem Kopf gibt es nur noch das, was sie sich auch schon im Moment des Tuns eingeredet hat. Man lässt Kinder allein und sagt, sie wurden einem abgenommen. Solche Geschichten hat sie erzählt, und irgendwann gibt man es dann auf. Sie kann menschlich überhaupt nicht wirklich fühlen, weil sie alle geschehenen Dinge in ihrem Leben mit Lügen erklärt.

Wenn Ihre Mutter jetzt sterben würde, würden Sie zur Beerdigung gehen?

Ich hatte die Idee, dass die Mutter nicht die Siegerin sein soll, und dass wir als Geschwister zusammen zur Beerdigung gehen und uns vor ihrem Grab umarmen. Dann würden wir als Gemeinschaft dastehen, und sie hätte keine Macht mehr über uns. Aber die meisten waren dagegen und würden untern keinen Umständen zur Beerdigung kommen.

Wawerzinek ist der Name Ihrer Adoptiveltern. Wollen Sie irgendwann wieder Ihren richtigen Familiennamen "Runkel" annehmen?

Ja, das habe ich schon überlegt. Der Verlag war allerdings davon nicht so begeistert, weil mich nun alle schon unter Wawerzinek kennen. Aber vielleicht mache ich es in diesem Jahr, ich muss ja niemand dafür fragen. Nicht "back to the roots", sondern "back to the Runkel".

Premiere "Rabenliebe": Sonnabend, 19.30 Uhr, Kleines Haus

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