Volltextsuche über das Angebot:

27 ° / 19 ° wolkig

Navigation:
Google+
Uraufführung der Kammeroper "Mise en abyme / Widerspiegelung" an der Staatsoper auf Semper 2

Uraufführung der Kammeroper "Mise en abyme / Widerspiegelung" an der Staatsoper auf Semper 2

"Im Ernst, wir meinen es heiter", das war mal eine Schallplatte der volkseigenen Plattenfirma der DDR, VEB Amiga. Gisela May und Alfred Müller sind die Interpreten dieser mitunter ziemlich heiter verpackten Sammlung nicht gänzlich unernster Themen aus dem unterhaltenden Repertoire des Chansons.

Voriger Artikel
Party per Hausrundgang: der 25. Geburtstag des Projekttheaters
Nächster Artikel
Dresdner Forscherin findet Hinweis auf ältestes Damaskuszimmer

Agierte in etlichen Registern: Countertenor Yosemeh Adjei (Nibbio). Im Hintergrund Sabine Brohm (Dorina).

Quelle: Daniel Koch

Das was ernst gemeint, aber mit Augenzwinkern.

In der Oper ist das so eine Sache mit der Heiterkeit, nicht selten stellt sie sich unbeabsichtigt ein, zumeist dann, wenn eigentlich todernste Dinge verhandelt bzw. besungen werden.

Im 18. Jahrhundert rissen sich die Komponisten um die Operntexte des Dichters Pietro Metastasio, der sich als Tragödiendichter verstand und wahrscheinlich am Ende selbst nicht mehr übersehen konnte, wer alles versucht hatte - mehr oder weniger erfolgreich -, seine Werke in Opern zu verwandeln.

Aber um dem Publikum nicht mit den tragischen und oftmals tödlichen Schicksalen der Opernhelden und Opernverlierer den Abend zu verderben, hatte es sich schon bald bewährt, zwischen den Akten der Tragödien ein heiteres Intermezzo zu platzieren. Im gelungensten Fall gaben die lustigen Personen aus dem Repertoire der Commedia dell'arte ihre Sicht auf die tragischen Verhältnisse zum Besten.

Und so wurden aus den singenden Übermenschen in der Persiflage mitunter ganz schön armselige Typen, nicht zuletzt konnte man schon mal mitbekommen, wohin es kraft der Musik und der virtuosen Gesangskunst der Primadonnen und Kastraten gekommen war mit den erlesenen Worten der Dramen, die der Dichter mit dem letzten Tropfen seines Herzblutes verfasst hatte. Sie wurden zum Anlass für andere, sich auf Kosten der Dichter zu präsentieren.

Diese Geschichte ist längst nicht zu Ende, für Metastasio allerdings, weder Verlage noch Erben können Einhalt gebieten, wenn man sich heute über die Tränen seiner Heldinnen und Helden lustig macht.

Vielleicht hätte er gleich lustige Texte schreiben sollen.

Und hier beginnt die so heitere wie hintersinnige Kammeroper "Mise en abyme / Widerspiegelung" der italienischen Komponistin Lucia Ronchetti, die gestern in der Spielstätte Semper 2 der Staatsoper Dresden uraufgeführt wurde.

Wie wird das Ernste heiter und das Heitere ernst, wie verändern Musik und Gesang den Text oder gar die ganze Handlung? Wie menschlich darf es zugehen in der Oper, wie brüchig sind die opulenten Bilder, wie viel Staub hat sich angesammelt hinter den Schmuckvorhängen, welche Rollen spielen clevere Agenturen, wie kommt eine Primadonna damit zurecht, wenn sie nicht mehr zurecht kommt mit den Anforderungen der eigens für sie einst komponierten Arie?

Lucia Ronchetti stellt den berühmten Metastasio selbst auf die Bretter der von Arne Walter gebauten Bühnenkonstruktion, die schon ein wenig brüchig geworden ist. Zu Not gibt es Überblendungen, etwas verwischt zwar, aber erkennbar, das Ambiente der nunmehr 30 Jahre alten Semperoper bringt den Werbeglanz selbst in das nüchterne Nebengebäude.

In einer so phantastischen wie poetischen Eingangsszene ganz ohne Orchesterbegleitung muss der Meister der Tragödie damit umgehen, dass ein fremder Impresario von ihm mal was Lustiges haben will. "Die Kunst geht nach dem Brot", so Lessing. Rezitativisch, manchmal mit leichten, ariosen Anflügen, vor allem aber verfolgt, getrieben, verunsichert und immer wieder doch zu neuen musikalischen Aufbrüchen geführt, bereitet der Sänger Roland Schubert als Metastasio von gewisser Opulenz, mit Dorothea Wagner, Julia Mintzer, Christopher Tiesi und Felix Schwandtke in einem mehr oder weniger schattenhaft agierenden Quartett junger, frisch singender und spielender Akteure dem Publikum ein besonderes Vergnügen von tragikomischer Grundierung.

Lucia Ronchetti hat mit der Dramaturgin Anne Gerber das Libretto verfasst, Zitate von Metastasio eingearbeitet, die vor allem eins beweisen: Der Ärger eines Autors über Sänger, Regisseure, Dirigenten und das Publikum ist nicht so neu, wie die Kritiker des Regietheaters uns glauben machen wollen.

Diese Kammeroper mit dem fast essayhaften Text, den man auch gern zur Kenntnis nimmt, zumal die Zuspielung der Übertitel exakt und angemessen geschieht, zeigt immer neue Varianten jener wunderbaren Widerspiegelungen zwischen der Tragik und der Komik des musikalischen Theaters auf.

Ob es Sängerdarsteller sind, die nicht mehr so ganz genau wissen, in welcher Inszenierung sie jetzt eigentlich agieren, wie Pavol Kobán und Julian Arsenault als Enea und Iarba, oder Jennifer Riedel als hoch motiviertes Jungtalent in der Partie der Didone in den musikalisch collagierten und zitierten Passagen aus "Didone abbandonata", eben auf einen Text von Metastasio. Große Auftritte in komisch-barockem Aufzug gibt es für Sabine Brohm als ewige Primadonna oder für den in etlichen Registern agierenden Countertenor Yosemeh Adjei zunächst im Papageienoutfit als falscher und dann, nicht weniger affektiert, als echter Impresario namens Nibbio. Eine optische Widerspiegelung der Musik mit ihren Zitaten und deren Verfremdungen bis zur Übertreibung, die in Bereiche absurder Klangkombinationen vordringen, erkennt man gerne in den Kostümen von Frauke Schernau.

Das alles, Schein oder Sein, die tragische Komik oder die komische Tragik des Opernlebens, vor dem Vorhang und dahinter, jene Töne, die nicht immer so genau treffen, und jene Stimmen der Einflüsterer, die immer wissen, wie es eigentlich gehen müsste, das alles kennt ein Künstler wie Axel Köhler, als Sänger in den tieferen Lagen eines Baritons und in den Höhen eines Countertenors, als Leiter eines Opernhauses und als Regisseur. Als wär's ein Stück von ihm, hat er all das als Widerspieglung einer der komischsten Künste überhaupt ganz ernst genommen und gerade deshalb mit so leichter Wirkung auf die Bühne gebracht.

Felice Venanzoni leitet das kleine Orchester, auch hier die Widerspieglung des großen Anspruchs in der filigran agierenden Besetzung. Manchmal hat es den Anschein, die Musiker senden Signale. Dann, etwa im Spiel des Kontrabassisten Stefan Meißner und des Fagottisten Fabian Borggrefe, vernimmt man so etwas wie die beseelte Kunst rezitativischer Begleitung, um im nächsten Moment zu staunen über ungewöhnliche Facetten der Klänge jener Instrumente, deren Spektrum man zu kennen meint.

nächste Aufführungen: 25., 26.2.; 1.3.; 3., 5., 7.6.

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.02.2015

Boris Gruhl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr