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Unwiederbringliche Gelegenheiten: Claus Weidendorfer Ausstellung in der Städtischen Galerie Dresden

Unwiederbringliche Gelegenheiten: Claus Weidendorfer Ausstellung in der Städtischen Galerie Dresden

Die Ausstellung, die gestern in der Städtischen Galerie Dresden eröffnet wurde und dem Grafiker und Zeichner Claus Weidensdorfer gewidmet ist, bietet ganz besondere Gelegenheiten zum Schauen, Entdecken, Interpretieren.

Das hat mit den Eigenheiten des Künstlers zu tun, aber auch mit der Auswahl der Arbeiten. Auf der einen Seite ist es durchaus eine Besonderheit, dass ein Künstler sein Leben lang nur auf Papier arbeitet, auf der andern ist das Œuvre in diesem Fall (und etwa im Vergleich zu dem von Gerhard Kettner oder Elke Hopfe) dabei überaus farbig, technisch wie formal überaus vielfältig, von Fantasien, Visionen und Abstraktionen mitbestimmt. Bei Weidensdorfer entgeht der Ausstellungsgestalter sogar der Einschränkung, fast durchweg mit kleinen und kleinsten Formaten einen durchschaubaren Überblick vermitteln zu müssen.

Insbesondere in den Jahren von Claus Weidensdorfers Professur an der Dresdner Kunsthochschule entstanden (vorzugsweise hochformatige) Guachen von annähernd verdoppeltem A0-Format, darunter ein Blatt mit dem Titel "Hierhin, dahin dorthin" von 1995, das gut als Sinnbild für die von Weidensdorfer durchlebte Zeit stehen kann. Den drei maskierten Gestalten, die hier gleichzeitig unentschieden in alle Richtungen streben, geht es offenbar nicht um Sinnsuche. Dabei ist das Menschenbild des Dresdner Kunstpreisträgers von 2005 keineswegs einseitig kritisch, sondern von Verständnis, insbesondere dem Gespür für Widersprüchliches geprägt.

Diese zum Teil auch zeichnerisch delikaten, dann wieder mehr expressiv und flächig malerischen Arbeiten drängen sich jedoch nie in den Vordergrund. Ihre Ausstrahlung wird vielmehr kontrapunktisch aufgewogen von dicht gefügten Blöcken kleiner Arbeiten, die jeweils einem bestimmten Thema, chronologisch aber jeweils mehreren Dezennien zuzuordnen sind. Das ist alles andere als eine elitäre kunstwissenschaftliche Darbietung weit entfernt von minimalistischer Ausstellungsästhetik, in der es für jede Arbeit einen white cube geben muss. Statt dessen Leben in und mit Menge, in und mit den Zeiten, in denen Weidensdorfer sich stets unauffällig im Zentrum des Dresdner Kunstlebens befand. Hier klingt einfach alles zusammen, nicht, weil bei diesem Künstler trotz aller Unterschiedlichkeit des Ausdrucks und der Techniken letztlich alles irgendwie zusammen passen würde, sondern wohl auch deshalb, weil der Künstler seinen besonderen Blick für die Harmonie in Widersprüchen bei der Hängung einbringen konnte.

Dies gesteht Johannes Schmidt, der auch die Auswahl von insgesamt 176 im Katalog verzeichneten Arbeiten gemeinsam mit Claus Weidensdorfer und dessen Frau bewerkstelligt hat, wobei vor allem gesichtet wurde, was sich in den Schubladen des Ateliers in Radebeul befand. Hinzu kamen Leihgaben aus Privatbesitz und vergleichsweise nur wenige aus öffentlichen Sammlungen (die meisten davon wiederum aus der Städtischen Galerie). Die Zeichnungen, Guachen, Übermalungen, empfindliche Unikate also, überwiegen wiederum deutlich gegenüber der Druckgrafik, die aber immerhin u.a. mit einem so fulminanten Beispiel wie der Kaltnadelradierung "Abend am Fluss" (1999) vertreten ist, einer Arbeit von geradezu klassischem Detailreichtum und zugleich gelöster, zeitgemäßer Diktion, die schon fast allein das Kommen rechtfertigen würde. Ganz ausgespart wurden dafür Gemeinschaftsarbeiten, die in gewisser Regelmäßigkeit in Korrespondenz mit Künstlern wie Christine Schlegel, Helge Leiberg oder Veit Hofmann entstanden.

Im Ergebnis ist ein ganz und gar einmaliges Konvolut entstanden, wie man ihm nicht annähernd wieder begegnen wird, abgesehen von der Ausstellung, die im Herbst in Neubrandenburg unter dem Titel "Tanz auf der Balustrade" gezeigt werden soll. Der bezieht sich auf eine Arbeit aus dem Jahr 1988, und gemeint sind Permosersche Figuren des Zwingers, die angesichts einer durchgängig gerasterten, allerdings frohfarbigen Architekturkulisse wilde Verrenkungen vollführen. Schmidt zitiert in seinem Katalogtext einen Ausspruch von Georg Christoph Lichtenberg, nach dem die Metapher weit klüger sei als ihr Verfasser.

Der trat und tritt in diesem Fall (nämlich Weidensdorfers) freilich immer äußerst bescheiden auf, nicht als großspuriger Welterklärer, sondern vielmehr als genauer Beobachter und Vermittler, der nicht nur zwischen äußerem Schein und inneren Zusammenängsten zu unterscheiden wusste, sondern auch um die Doppeldeutigkeit vieler Erscheinungen. Dazu zählt insbesondere die Anonymität und Uniformität des Großstadtlebens, das dem Individuum die Nische der intimen Unauffälligkeit bereit hält.

Auch in diesem Sinne sollte der Betrachter dem Künstler als einem Chronisten begegnen, dessen Zeitbilder nicht nur als Bestätigung heute vermeintlich gesicherter Erkenntnis sehen, sondern vielmehr als glaubwürdige Zeugnisse, die durchaus für sich selbst sprechen. Das entspricht ja im übrigen recht genau dem Ausstellungstitel "Tanzen zur Musik der Zeit", das nur in einem Kapitel nahezu wörtlich genommen wird und den Künstler u.a. als Kenner der regionalen Szene zeigt, der auch hier mit seiner Wahrnehmung ohne Mühe die Grenzen provinzieller Beschränktheit überfliegt.

Im Unterschied zu manchem Kollegen ist Claus Weidensdorfer wohl nie ein besonderer oder leidenschaftlicher Aktzeichner gewesen und hat die unverhüllte Weiblichkeit meist in andere Zusammenhänge eingebunden. Wenn freilich der demnächst 84-jährige Künstler der "Konfrontation" mit allzu viel Natur entflieht, wie auf einer Zeichnung aus dem Jahr 2009, dann ist wohl auch das weniger dem Alter geschuldet, sondern vielmehr dem leicht skurrilen und oft selbstironischen Humor, dem Understatement, mit dem es Weidensdorfer vermeidet, offen im Mittelpunkt zu stehen.

Dieses Blatt lässt im Verein mit einer "Überfahrt am Schreckenstein nach Ludwig Richter", auf dessen Tableau sich mehrere Zeitalter begegnen, oder einem "Fliehenden Pferd" (beides 2005), das seine Rettung in den Fluten eines Flusses sucht, die Arbeiten aus dem ersten Jahrzehnt im jungen Jahrtausend besonders gewichtig erscheinen. Gerade dass dies statistisch nicht stimmt, verweist auf eine Zeit der Reife in begnadeter Gelöstheit und Souveränität im Umgang mit den Ambivalenzen des Daseins, die nicht zu verwechseln sind mit dem wahren Horror etwa militärischer Konfrontationen, der ihn bis heute offenbar stärker beschäftigt als so manchen unter uns.

Bis 13. September- Städtsche Galerie Dresden, Di-Do, Sa & So 10-18, Fr 10-20 Uhr 11. Juni, 16.30 Uhr Kuratorenführung 25.Juni, 18 Uhr Kunstgespräch mit Johannes Schmidt und Claus Weidensdorfer

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2015

Tomas Petzold

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