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Unterwegs, endlich!: Die Dresdner Philharmonie vor einer schwierigen Saison - und doch voller Optimismus

Unterwegs, endlich!: Die Dresdner Philharmonie vor einer schwierigen Saison - und doch voller Optimismus

"Dresdens Klang. Unterwegs" ist das Motto für die nächste Spielzeit der Dresdner Philharmonie. Das bedeutet aber in diesem Fall nicht, dass der Klangkörper das ganze Jahr außerhalb seiner Heimatstadt zugange ist.

"Dresdens Klang. Unterwegs" heißt viel mehr, das Orchester verlässt seine 1969 bezogene Spielstätte Kulturpalast, um - Prinzip Hoffnung - in drei Jahren zurückzukehren, geografisch gesehen, aber dann in einen supermodernen, beste akustische Bedingungen garantierenden Konzertsaal. Nun, da - auch wieder Prinzip Hoffnung - politische Entscheidungen getroffen worden sind, das Gericht ein Urteil im Urheberrechtsstreit des Kulturpalast-Architekten Wolfgang Hänsch mit der Stadt gesprochen hat, soll es losgehen, das ca. 80 Millionen Euro teure Zukunftsprojekt Umbau. Für die Dresdner Philharmonie bedeutet das, am 30. Juni 2011 findet das letzte Abonnementskonzert in dem gealterten Mehrzwecksaal im "Kulti" statt, und nach unruhigen "heimatlosen" Spielzeiten und optimistischen Schätzungen zufolge kann sich im Herbst 2015 dann das Spiel des städtischen Orchesters attraktiv und klangschön im künftigen Konzertsaal am Altmarkt neu entfalten.

Wer einen Blick in das jetzt vorliegende Programmheft für 2012/13, also die erste Saison unter Umzugsbedingungen, wirft und das Puzzle an Spielstätten, Konzerten, Anrechtsformen zu entschlüsseln sucht, kann sich einerseits vorstellen, wie schwierig es ist, unter diesen Bedingungen überhaupt einen Spielplan zu gestalten. Andererseits aber ist zu ahnen, was auf das Orchester zukommt: Denn es geht hier nicht nur darum, temporäre Kompromisslösungen zu suchen, sondern auch den Kartenvorverkauf und den Service zu koordinieren, Proben- und Verwaltungsräume zu erschließen, Spielstätten für Konzerte zu "adaptieren". Das sind aufwendige Aufgaben für die Verwaltung und die technischen Mitarbeiter des Orchesters, da ist aber auch flexibles Arbeiten der Musiker und des Chefdirigenten vonnöten. Mit Michael Sanderling, sind die Philharmoniker mehr als optimistisch, kann das ehrgeizige Unternehmen, "unterwegs zu sein", ohne künstlerische Einbußen gelingen. Der gebürtige Berliner, seit 2011/12 im Amt, und die Dresdner sind auf einer "Wellenlänge", sprechen, oder besser musizieren eine gemeinsame Sprache.

In der neuen Saison wird die Philharmonie also an ungewöhnlichen und vertrauten Orten gleichermaßen zu erleben sein. Dazu gehören das Dresdner Schauspielhaus und das Albertinum - "Interimslösungen" zeitigen manchmal auch neue Möglichkeiten: In den Staatlichen Kunstsammlungen beispielsweise wurde ein Kooperationspartner gefunden, und von der Zusammenarbeit haben beide Nutzen, nicht zuletzt dadurch, dass Kunst dorthin kommt, wo bereits Kunst stattfindet, wie es Solobratscherin Christina Biwank formuliert. An beiden Stätten, wobei der riesige Lichthof des Albertinums laut Philharmonie-Intendant Anselm Rose noch "akustisch wachgeküsst" werden muss, finden die meisten Sinfoniekonzerte statt. Weitere Spielorte sind Kreuzkirche und Frauenkirche, Schloss Albrechtsberg, Festspielhaus Hellerau, Internationales Congress Center Dresden (ICC), Alter Schlachthof, Konzertsaal der Musikhochschule und Deutsches Hygiene-Museum. In letzterem gibt es auch neue Veranstaltungsformate, z.B. eine sogenannte "Blaue Stunde" am Sonntagnachmittag, die ein ca. einstündiges Konzert mit Kulinarischem koppelt, oder Museums-Matineen, zu denen Kaffee & Croissant kredenzt werden.

Damit das treue Publikum auf der langen Philharmoniereise durch Dresden nicht verloren geht, bietet das Orchester natürlich künstlerisch Hochrangiges, attraktive und zum Teil ungewöhnliche Programme, musiziert es mit renommierten Dirigenten und Solisten. Zu ihnen zählen - neben Chefdirigent Michael Sanderling, der allein (wenn ich mich in dem umfangreichen Kompendium nicht verzählt habe) 13 unterschiedliche Programme musiziert, und dem Ersten Gastdirigenten Markus Poschner, der sich vor allem wieder Beethoven widmet - die vormaligen Chefdirigenten Kurt Masur und Rafael Frühbeck de Burgos. Den Taktstock heben werden z.B. Sir Neville Marriner, Wayne Marshall, Sebastian Weigle und Reinhard Goebel, und es gibt ein Wiedersehen mit dem Russen Yuri Temirkanow. Freuen kann sich das Publikum z.B. auf die Geigerinnen Viktoria Mullova und Anne-Sophie Mutter und ihren Instrumentalkollegen Kolja Blacher, auf den Cellisten Jan Vogler, die Pianisten Tzimon Barto, Andreas Boyde und Fazil Say sowie zum Beispiel die Sänger René Pape und Georg Zeppenfeld, um nur einige zu nennen. Das Spektrum der Werke reicht von Bach bis Wagner, von Benda bis Dvorak, von Berlioz bis Cage, bringt viel Beethoven und z.B. Begegnungen mit armenischen Komponisten. Das Gedenkkonzert zum 13. Februar findet unter Sanderling in der Kreuzkirche statt, bei Mitwirkung der dann von Gunter Berger geleiteten Philharmonischen Chöre; in den Weihnachtskonzerten (Albertinum) steht Michael Sanderling am Pult, Jahreswechsel und Neujahr werden auch im Albertinum gefeiert, mit Strauß-Klängen unter Leitung von Konzertmeister Wolfgang Hentrich und mit der garantiert humorvollen Moderation Tom Pauls'.

Natürlich geht die Philharmonie auch auf Konzertreisen außerhalb Dresdens: mit Chef Sanderling u.a. nach Großbritannien und Japan; Ehrendirigent Masur, der nach seinem Sturz in der vergangenen Woche hoffentlich bald wieder ans Pult zurückkehren kann, soll mit "seiner" Philharmonie mehrfach in Berlin und in München gastieren; Frühbeck de Burgos bereist mit dem Orchester mehrere deutsche Städte.

Das künftige Anrechtsystem der Dresdner Philharmonie bietet verschiedene Kombinationen, lehnt sich zwar an Bisheriges an, ist aber nicht mehr nach den den gewohnten Reihen gegliedert, sondern orientiert sich vorzugsweise an den Spielstätten. In das anders flexible Baukastenprinzip muss sich der Konzertbesucher allerdings auch erst einmal hineinfinden, es lohnt sich allemal. Eingeführt wird zudem eine sog. Philharmoniecard mit Rabatten.

Natürlich muss Intendant Rose Einbußen im Verkauf einkalkulieren, es stehen nur Konzertorte mit bis maximal 1000 Plätzen zur Verfügung, und außerdem rechnet man mit Kündigungen von Abonnements. Rose orientiert sich dabei an der Kulturpalastschließung 2007, als das Orchester u.a. aufgrund von Brandschutzmängeln ad hoc ausziehen musste, und veranschlagt Mindereinnahmen von 45 Prozent. Diese laut Kulturamtschef Manfred Wiemer voraussichtlich 845000 Euro für 2012/2013 sowie die Zusatzkosten wegen des Umzugs werden gemäß dem Umbaubeschluss des Stadtrats durch die Stadt ausgeglichen. Dresden stellt, so Wiemer auf DNN-Anfrage, 2012 einmalig 1,128 Million Euro für die Einrichtung des neuen Ticketservice (künftig Weiße Gasse 8), für Umzugsleistungen, die Anmietung und Ertüchtigung von Spielstätten, Werbung etc. zur Verfügung, 2013 sollen es dann 989000 Euro Mehraufwand für Mieten etc. sein. Ihr Interimsquartier, einschließlich Proberäume, wird die Philharmonie im ehemaligen Kino Bofimax/Metropolis im Waldschlösschenareal beziehen. In der ungewöhnlichen Raumsituation sieht Wiemer im Übrigen auch eine Chance, neue Zuhörer durch andere Spielstätten neugierig zu machen und damit vielleicht potentielle Anrechtsinhaber zu gewinnen.

Eines aber vermittelt das Orchester trotz aller aufwendigen, noch nicht in allen Belangen wirklich kalkulierbaren Situation: Es ist froh, dass endlich eine Entscheidung für den Konzertsaal gefallen und damit die lähmende Situation beendet ist. Nun muss das Publikum ihm bei diesem Unterwegssein folgen. Das Ziel lohnt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.05.2012

Kerstin Leiße

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