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Unterm Alpdruck des Unheils: "Heimgang" ist der Titel des neuen Buches des Dresdner Schriftstellers Klaus Funke

Unterm Alpdruck des Unheils: "Heimgang" ist der Titel des neuen Buches des Dresdner Schriftstellers Klaus Funke

Schon liegt der Kalte Krieg weit zurück. Erinnerungen verblassen. Der Dresdner Klaus Funke, Jahrgang 1947, bekannt geworden vor allem mit seinen Büchern über Musiker, holt uns jetzt mitten hinein in jene Zeit Anfang der 1970er Jahre.

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Quelle: Cover

Der Abstand wächst. Und zwar dorthin, wo sie am extremsten war: Bei der Nationalen Volksarmee (NVA) an der Grenze zur Bundesrepublik. Mit "Heimgang", seinem neuen Roman, den er am 23. Oktober im Dresdner Stadtmuseum erstmals vorstellt.

Ein düsteres Buch, das man mit Beklemmung liest. Der Titel zitiert eine Parole, mit der die Soldaten einander grüßen. Sie bezeichnet ihr wichtigstes Ziel: die Entlassung.

Es ist die Geschichte des 26-jährigen Franz Malef aus Dresden, verheiratet, Vater einer drei Monate alten Tochter, der seinen Wehrdienst bei den Grenztruppen ableisten muss. Er ist zugleich Erzähler. Ein künstlerisch begabter junger Mann, der malt, zeichnet, schreibt. Während eines Ausgangs verliebt er sich in die 18-jährige Agrotechnikerin Julia Pinter. Bald stellt sich heraus, dass sie in den Westen flüchten will. Malef soll das absichern, auf Wache am "Strich", wie sie die Grenze nennen. Was ihm schließlich zum Verhängnis wird.

Als Leser kann man sich diesem bedrückenden Alltag der Soldaten kaum entziehen. Zu genau und lebendig schildert ihn der Autor. Diesen Wechsel zwischen Rumlungern, Dumpfheit, Langeweile und ungeheurer nervlicher Anspannung. Nicht die körperlichen Strapazen seien das Schlimmste, äußert Malef einmal, "es ist vielmehr ein permanenter Alpdruck, man hat das Gefühl, über einem schwebe ständig das Schicksal, das Unheil, und jeden Augenblick kann es losbrechen". Als Leser spürt man das. Sich einem Anderen zu offenbaren kann gefährlich werden. "Das Misstrauen gehört hier zum System." Jeder könnte Feind sein. Militärische Kameradschaft gibt es nicht. Funke zeigt, wie das bei der Organisation des Dienstes bewusst verhindert wird. "Am Ende ist jeder mit sich allein." Dazu ist der Staatssicherheitsdienst allgegenwärtig. Briefe werden geöffnet. Kaum etwas bleibt verborgen. Argwöhnisch beobachten die Soldaten einander: Wer ist der Spitzel?

Bei der Schilderung bedient sich der Autor jener rauen, brutalen Sprache des Soldatenalltags: "Kotze, Arsch, Scheiße" lauten die Worte des Tages. Verrohung, Primitivität, die Geilheit unterdrückten Sexualtriebs allenthalben. Doch wir finden auch widersprüchlich gezeichnete Figuren. Etwa einen auf den ersten Blick brutalen, dümmlichen, hinterhältigen Oberfeldwebel, der jedoch Kunstsinn besitzt, Kleist zitiert, später einmal zum Theater will.

Die Spannung in diesem Buch ist keine konstruierte, sondern eine sehr realistische. Wir erleben hochdramatische Szenen am Todesstreifen. Grausige Beschreibungen, wie Flüchtende auf Minen treten - Schreie, Blut, abgerissene Gliedmaßen. Man spürt diese bedrängende Last von Erfahrungen, die sich der Autor von der Seele schreiben musste. Nach dem Vorbild von Dostojewskis "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus". Mit erfundenen Figuren authentisch erzählen will Funke, wie er im Vorwort erklärt. Das ist ihm gelungen.

Klaus Funke: Heimgang. Husum. 280 S., 14,95 Euro.

Buchpremiere am 23. Oktober, 20 Uhr, Stadtmuseum Dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.10.2013

Tomas Gärtner

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