Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Google+
Unheilig in Dresden: Der Graf gab sich die Ehre (an der Elbe)

Unheilig in Dresden: Der Graf gab sich die Ehre (an der Elbe)

Ein Teufelsritt der Emotionen, ein Wechselspiel der verklärten Nostalgie und jede Menge Herzlichkeit hat der Graf im Gepäck, wenn er auf Konzertreise ist. Besonderes Highlight solcher Touren sind Gastspiele, die schon lange im Vorfeld ausverkauft sind und die vor einer Kulisse spielen, die deutschlandweit einmalig ist.

Voriger Artikel
Melancholie im Garten Eden: Thalia Gardens Festival ist ein Dresdner Musikfest für Entspannungswillige
Nächster Artikel
Diagnose mit Galgenhumor: Molières "Der Arzt wider Willen" in Dresdens Theaterruine St. Pauli

Der Graf entschied sich für schweißtreibende Arbeit, rannte mit dem ersten Takt wie ein Derwisch auf die Bühne, kaum dass der Countdown runtergezählt war, und hat die Bühne hundertfach vermessen.

Quelle: Patrick Johannsen

Vom Elbufer im Hintergrund und von tausenden Fans vor seiner Bühne waren Band und Frontmann überaus angetan. Mit etwas Fantasie hat sich wahrscheinlich jeder in diese einzigartige Situation hineinversetzt, was es bedeutet, die vollen Ränge vor sich zu haben und auf dem schmalen Steg permanent hineinzurennen in die jubelnden Massen. Wer es in solchen Momenten vollbringt und den Druck in Spielfreude umwandeln kann, hat ein relativ leichtes Spiel im Verlauf des Konzertes.

Der Graf setzte auf seine Präsenz, neben ihm war für die Band nahezu nur Platz zur Randbegrünung. Das kann verschiedene Ursachen haben, die zu bewerten keine Rolle spielen - aber im Alleingang ist es ein gewaltiger Kraftakt, den man absolvieren muss, um die Menschen auf dem Weg durch das Konzert nicht zu verlieren. Manchmal machte sich der Sänger da das Leben selbst schwer. Er ließ im Nachhinein betrachtet keinen zurück und zeigte von der ersten bis zur letzten Minute keine Schwäche, allerdings wären etwas mehr Zuspiel mit den Akteuren, ein kleiner Backgroundchor oder Gastmusiker das Sahnetüpfelchen auf einem ansonsten durchweg gelungenen Konzert gewesen, die Klangfarbe, die der Art von Unheilig noch eine überraschende Wende gegeben hätte.

Der Graf entschied sich stattdessen für die schweißtreibende Arbeit, rannte mit dem ersten Takt wie ein Derwisch auf die Bühne, kaum dass der Countdown runtergezählt war, und hat die Bühne hundertfach vermessen, immer bestrebt, den Kontakt zu den Fans nicht zu verlieren. Ob es davor zweier fragwürdiger Stimmungskracher bedurft hätte, kann angezweifelt werden. Auch wenn das Publikum aus voller Kehle mitsang und sich so wie einst "Lili Marleen" vor der Kaserne verabredete bzw. noch einen verbalen Bummel über die "Reeperbahn nachts um halb eins" unternahm, dem Publikum gefiel es. Für den Rest des Konzerts spielten die beiden Songs keine Rolle, somit sollten sie in Frage gestellt werden. Unheilig zündeten viel lieber die "Lichter der Stadt" an. In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sie sich wochenlang auf der Poleposition in den Charts festgesessen, von daher liegt es auf der Hand, wenn sie mit eben jenem Album gut die Fans aus der Reserve locken können.

Rein stilistisch unternimmt Unheilig auch mit dem neuen Album einen interessanten Spagat zwischen härter anmutender Ausdrucksweise und eher weichgespülten, sehr balladesken Ausflügen. Überraschenderweise kommen sie mit beiden Ansätzen ans Ziel, und genau an dieser Stelle ist die Unheilig-Strategie ganz gut ablesbar. Der Graf lässt sich nicht festnageln, er geht zwar vordergründig musikalisch auf sein Publikum zu, doch zum Mitsingen bringt er die Leute mit seiner offenen und sympathischen Art. Wahrscheinlich können sich nicht mal zwei Drittel der Konzertbesucher mit den Texten identifizieren, wohl aber mit der Emotionalität, mit der der Graf alle ernst nimmt. Jeder, der vorn an der Bühne steht, bekommt sein Lächeln, einen Augenaufschlag, einen Takt geschenkt, und so kann der Sänger auch mal ins Moll abgleiten mit "Geboren, um zu leben" und damit in die Nähe der Single aus dem Jahr 2004, oder ausführen, wie es sich "Unter deiner Flagge" (2010) segelt. Der notwendige Stimmungswechsel hin zum "Eisenmann" mit deutlich härterem Nimbus stellt kaum eine Herausforderung für Unheilig dar. Die Band lieferte diesmal eine pannenfreie Show ab, kein Knackeln im Knie wie vor zwei Jahren, als der Graf ins Straucheln und nach dem Konzert in Krankenhaus kam. Am Samstag gab es nur den Dresden-Knie-Fan-Gedächtnissong: "Auf ewig" - genauso lange werden seine Fans auch seine Platten hören und die Tickets für die Show bereitwillig kaufen. Stephan Wiegand iweitere Bilder auf dnn-online.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.07.2013

Stephan Wiegand

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr