Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Unheilig begeisterte Publikum im Alten Schlachthof

Unheilig begeisterte Publikum im Alten Schlachthof

Man schleppt ja so einige Lieder durchs Leben, die für einen eine ganz persönliche Bedeutung, haben, bei denen Bilder im Kopf abrufbar sind, eine tolle Liebesnacht etwa.

Voriger Artikel
Arne Retzlaff inszeniert "Die Ratten" an den Landesbühnen als öffentlichen Gemütsreigen
Nächster Artikel
Russisches Flair auf der Tanzwoche Dresden

Der Graf und seine Musiker begeisterten das Publikum mit Liedern aus ihrem neuen Album "Lichter der Stadt".

Höre ich "Geboren, um zu leben" von der Gruppe Unheilig, dann "sehe" ich ein kleines Mädchen, das seiner Mutter ausbüchst, in einer Friedhofshalle nach vorne rennt und vor einem mit Kränzen bedeckten Sarg tanzt, wie es immer gern tanzt, wenn Musik erklingt.

Im Sarg liegt ihre gerade mal 43 Jahre alt gewordene Tante, gestorben an Krebs. Das kleine Mädchen tanzt, der Witwer lächelt, die beiden Halbwaisen lächeln, der Rest der Trauergemeinde sieht auch keinen Anlass einzugreifen. Die Frau, die wusste, dass sie sterben wird, hat sich "Geboren, um zu leben" ganz bewusst für die Totenfeier gewünscht, das Lied muss der Toten etwas bedeutet haben. Ein Sänger macht eben alles richtig, wenn er wehmütige Worte für Situationen findet, wenn jemand geht. Den Beatles ist das mit "Yesterday" gelungen, den Stones mit Angie, dem Grafen mit "Geboren, um zu leben." Und wenn ein kleines Mädchen dazu tanzt, dann ist das auch gut.

"Geboren, um zu leben" fehlt beim Konzert von Unheilig, dem Projekt eines Mannes, der sich Graf nennt, im seit langem ausverkauften Schlachthof nicht. Natürlich nicht. Gespielt werden alte und neue Songs, zehn davon sind Wunschtitel, denn die Fans konnten über Teile des Programms dieser ganz speziellen Clubshow mit Dresden als einziger Ost-Station im Internet abstimmen. Sieger beim Voting: "Sage ja". Die Hütte ist voll, die Stimmung von der ersten bis zur letzten Sekunde gut. Schon früh fliegt ein T-Shirt, geworfen hat es eine Jennifer.

"Du wolltest wohl den frühen Schweiß", flachst der Graf und wischt und wischt sich den Schweiß ab. Mache sich bitte in diesen Reihen nie jemand jemals über die Verehrung lustig, die das Schweißtuch der heiligen Veronika durch gläubige Christen erfährt, offensichtlich besteht auch in vermeintlich aufgeklärten Zeiten bei manchen Bedarf an Reliquien, profaneren natürlich.

Viele Songs, die zu hören sind, stammen vom neuen Album "Lichter der Stadt". Auch hier kokettiert der Graf bei aller restdüsteren Aura längst nicht mehr mit Todessehnsucht. Die Songs sind lebensbejahend durch und durch, geradezu Antidepressiva. "Das sind unsere besten Jahre und unsere beste Zeit", beteuert der Sänger mit dem beiseitigen Dreiecksbart.

"Herzwerk" lehnt sich mit seinem brachialen Beat und krachenden Metal-Gitarren an Rammstein an, ist allerdings frei von jeglicher Provokation. Und wenn man eine Zeile hört, dann weiß man schon jetzt, dass die Gothic-Gemeinde über des Grafen Hinwendung zum Mainstream höhnisch lachen wird. In sich geschlossene Subkulturen, die sich zwangsläufig auf ihre Abgrenzung von der Mehrheitskultur definieren, mögen es bekanntlich gar nicht, wenn "ihr" Idol mit seiner Musik auch Menschen außerhalb des Ghettos namens Szene erreichen will.

Viel ist in den Liedern des Grafen von Feuer die Rede. Feuerland. Feuerengel. Tanz mit dem Feuer. Und in der großen Stadt scheinen natürlich die Lichter. Vom Reim erinnert so manches an gehobenen Schlager, vor allem wenn einerseits die Sehnsucht beschworen, andererseits Unerfülltes beklagt wird. Der Kitschfaktor ist ungemein hoch, nicht nur wenn es "Sei mein Licht und mein Blick. / Der mir zeigt wo ich bin / Sei mein Wort und mein Herz. Das mir sagt, wer ich bin" heißt. Eigentlich ist das Geschnulze zum Davonlaufen, aber wenn man sieht, wie sich vor einem ein nicht mehr ganz junges Paar bei "Geboren, um zu leben" umklammert, gegenseitig stützt, vermutlich Trost für welchen Kummer auch immer findet, dann kann man nicht anders als sich einzugestehen, dass der Graf vielleicht nicht alles, aber doch vieles richtig macht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.04.2012

Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr