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Ungewollt authentisch: Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" als Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden

Ungewollt authentisch: Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher" als Produktion der Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden

Junge Dresdner spielen unterm Dach des Kleinen Hauses Rainer Werner Fassbinders "Katzelmacher". Wer da eines der üblichen, mit den Darstellerbiografien durchwirkten Selbstfindungsprojekte der Bürgerbühne erwartet, wird letzten Endes auf doch frappierende Weise enttäuscht.

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Maria Helen Körner, Marvin Neidhardt, Milena Müller, Mario Pannach, Sandra Ramm, Guido Droth, Hannah Breitenstein sowie Teresa Lippold.

Quelle: Matthias Horn

Was bleibt, ist die Hommage an den großen Autor, Regisseur und Filmproduzenten, dem eben mit "Katzelmacher" der Durchbruch gelang. Die authentische Wirkung beruht nicht zuletzt darauf, dass alle noch so gut gemeinten oder aufdringlichen Aktualisierungsversuche an dem Stoff haften wie Wassertropfen auf einem Lotusblatt.

Robert Lehninger verbindet in seiner Inszenierung beide Vorlagen simultan miteinander, das Drama (1968) und der Film (1969) stehen gelegentlich sogar im Dialog. Fast ausschließlich per Video entstehen die Kulissen - abgewohnte Plattenbauten mit Einblicken, Kneipe, Bank im Park -, im Realraum lediglich ergänzt durch ein Straßengeländer, das auch als Schiene für live-Kamerafahrten dient, und eine ebenfalls verschiebbare Glasfläche als zugehörige Projektionsfläche. So verkoppelt Lehninger die medialen Ebenen, die oftmals sehr getreu adaptierten Szenen und Einstellungen aus dem Film mit den sparsam choreographierten, von der körperlichen Intensität wie sprachlichen Diktion her recht spröden Spielszenen. Den Darstellern - die meisten bekennen eine starke Affinität zum Theater(spielen) und sind etwa in dem Alter wie Hanna Schygulla und Irm Hermann, als sie vor Fassbinders Kamera standen - gibt er auf diese Weise einprägsam "Gesicht", so dass sich an entsprechender Stelle Milena Müller (Marie) und Sandra Ramm (Elisabeth) oder die beiden erst 17-Jährigen Hannah Breitenstein (Helga) und Alexey Poznyakovskiy (Paul) dagegen ebenso wenig verstecken müssen wie alle anderen, zumal auch Teresa Lippold (als unglücklich intrigierende Gunda, von der sonst keiner etwas will).

Leibhaftig auf den Brettern haben sie es erst freilich einmal schwer, sich gegen die erstaunliche Intensität und Sinnlichkeit ihrer Abbilder in den - wohl auch durch die betonte Wortkargheit - so präzise wirkenden Sequenzen zu behaupten. Doch im Laufe der Zeit verblassen oder verlieren sich die gewisse Unbeholfenheit und mangelnde Präsenz der Bühnendarbietung, betont wird vielmehr das Eigentliche, nämlich die Tristesse, die Leere, die ätzende Langeweile und Perspektivlosigkeit im Leben einer losen Clique, die da in einer Münchener Vorstadt oder gewollt in Dresden-Prohlis dahin dümpelt, bis das unerwartete Auftauchen eines Fremden die scheinbar eingefahrenen Verhältnisse und Relationen durcheinander bzw. die Brüchigkeit und Verlogenheit kleinlicher Lebensmodelle zum Vorschein bringt.Die geschäftstüchtige, verklemmt-kalte Elisabeth hat diesen gutmütig erst einmal nur nix verstehenden Griechen Jurgos bei sich aufgenommen für eine Wuchermiete und in vermuteter Doppel-Konkurrenz zu Peter (Guido Droth), der ihr seit längerem nicht nur als Arbeiter gefällig sein darf oder muss. Während der knasterfahrene Erich mit Marie rummacht, um vor allem seinen Status als Cliquenführer zu behaupten, und daneben Paul zu undurchsichtigen Geschäften verführen will, führt dieser ein ziemlich durchtriebenes bisexuelles Doppelleben als Freund von Helga (die er unbedacht schwängert) und Gigolo eines gewissen zahlungskräftigen Klaus (Philipp Lux), der nur als Videofigur in Erscheinung tritt. Der kleine Franz treibt es gelegentlich mit Rosy, gegen Geld (das diese für ihre erträumte Filmkarriere spart). Mehr als es durch freiwillige Hingabe möglich wäre, wird Franzens Selbstbewusstsein gestärkt durch den Glauben, dass er sich dieses Vergnügen leisten kann. Bis in mehr oder weniger offen brutale Handgreiflichkeiten lebt hier jedermann seinen Machismo aus, die Frauen regieren je nach Temperament mit Kälte, Verzweiflung oder einfach ganz romantisch wie Marie, die sich dem Jurgos an den Hals wirft. Trotz der überlauten Gerüchte, er sei Elisabeths Liebhaber und habe zudem versucht, Gunda zu vergewaltigen. Da kann nun gar niemand mehr eine rechte Ordnung und einen vernünftigen Ausweg erkennen. Außer ihr und Elisabeth, die ganz unverfroren ihr Geschäftsmodell vervollkommnen wird.

Fassbinder hat die knappen, scheinbar oberflächlichen Monolog- und Dialogtexte in einer vom bayerischen Dialekt geprägten, aber sehr kunstvollen, von der sozialen oder soziologischen Realität abstrahierenden Sprache geschrieben und analysierte damit die geistig-moralische Situation der Generation, die Ende der 60er in der BRD in die Verantwortung hineinwuchs, fernab von den Zielen und Idealen der 68er. Vergleiche sind naheliegend, Parallelen offensichtlich, aber sie werden nicht deutlicher, wenn in einer Szene sämtliche Mitspieler überaus auffällig an ihren Handys oder Smartphones herumfummeln. Hier ist kein Anschluss unter keiner Nummer und ein soziales Netzwerk erst recht nicht. Und wenn gegen Ende der Jurgos gar als "Salafist" beschimpft wird, dann klingt das zumindest kurios, denn seinerzeit, einige Jahre vor dem Ende der massenhaften Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte, hieß der schwarze Mann als Kristallisationskern diffuser Ängste noch "Kommunist" (natürlich nicht in Prohlis). Aber dieser Unterschied tut letztlich wenig zur Sache, wenn es nämlich darum geht, die im Menschen wirkenden Urängste und instinktiven Reflexe zu zu zivilisieren, das heißt zu erkennen, vernünftig zu verarbeiten und beherrschen zu lernen. Und dazu kann diese insgesamt gar nicht amateur- oder laienhafte und am Schluss mit Recht bejubelte Aufführung ein wertvoller Beitrag sein.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.12.2014

Tomas Petzold

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