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Ungewisse Zukunft für den friedrichstadtZentral e.V. in Dresden

Ungewisse Zukunft für den friedrichstadtZentral e.V. in Dresden

Dresden vor sieben Jahren: Im Hof der Friedrichstraße Nr. 52 stehen verlassene Industriebauten leer. Die Gebäude sind marode, aber das kann eine Gruppe so unentwegter wie ex- perimentierfreudiger Dresdner Künstlerinnen und Künstler nicht davon abhalten, sich hier einzumieten und Ideen zu entwickeln, die spannenden Räume samt Hof für ihre genreüberschreitenden kreativen Ideen zu nutzen.

Nicole Meier, Maik Blaum und Ulf Naumann gehören hier zu den Kunstpionieren der ersten Stunde. Kunst und Leben, Arbeit und Kommunikation, eine sublimierte Art von Luxus, fernab gängiger materieller Klischees, lockt Freunde, Bekannte, Künstler, Handwerker und Techniker an. Bald funktioniert hier ein soziales Netzwerk, künstlerisch grundiert, ergänzt von Architekten, einer Dolmetscherin, einer Psychologin oder einer Soziologin, die sich dem Film verschrieben hat. Es funktioniert.

Der Dresdner Friedrichstadtpalast

Die Euphorie, gepaart mit Ironie, führt dazu, dass man sich nach einem Palast der Kunst des Vergnügens an der Berliner Friedrichstraße benennt, was aber den hauptstädtischen Palastoberen nicht gefällt. Fortan gibt es, wie es sich gehört, keinen Palast mehr in der Dresdner Friedrichstadt, sollen die Berliner mit dem ihren allein glücklich werden. In der Dresdner Friedrichstadt heißt es nun: "friedrichstadtZentral e. V." lädt ein. Etwa seit nunmehr acht Jahren im Frühjahr, im Rahmen der Tanzwoche, zur "Sicht | Beton | Ung". Musik, Theater, Tanz, Malerei, Performance, Kommunikation, die ganze Breite eines Künstlerfestes lockt regelmäßig Gäste in die Friedrichstraße.

Man schätzt den ganz eigenen Charme des Ortes, der Menschen, die ihn neu belebt haben, die Improvisation in Verbindung mit künstlerischen, professionellen Ansprüchen. Aber die Leichtigkeit, der Mut zum Risiko und immer stärker das internationale Flair machen diesen Ort mit seinen Angeboten zu einer speziellen Oase der Dresdner Freien Kunst in vielen Facetten. Reich werden kann hier keiner und reich muss man auch nicht sein, um den Obolus zu entrichten, hier zu essen und zu trinken, die Veranstaltungen in ganz unterschiedlichen Formaten im Verlauf eines Jahres zu besuchen.

Paten für Parkplätze

Natürlich sehen die Mitglieder des Vorstandes des friedrichstadtZentral e. V., Barbara Lubich, Elisabeth Werther und Nikolaus Woernle, nach acht Jahren in der Rückschau nicht nur eine Erfolgsgeschichte, warum auch, aber Grund zur stolzen Rückschau haben sie auf jeden Fall. "Kouturia" etwa, die erste Dresdner Tanz-Mode-Performance "Incredible 10", das Festival für experimentelle Musik, oder der witzige Einfall namens "KuPaPa - Kulturplatzpaten". Plötzlich war der Hof nicht mehr nutzbar, Parkplätze wurden angelegt und vermietet. Also mietete der Verein mit einigen privaten Unterstützern und mit Hilfe einer Projektförderung sieben Parkplätze, die ein Jahr lang kreativ und künstlerisch "zweckentfremdet" wurden.

Inzwischen leben an die 30 Menschen im Alter von 0 bis 50 Jahren auf der alternativen Kulturinsel in der Dresdner Friedrichstadt. Und jetzt soll das alles in naher Zukunft vorbei sein? Das Areal ist verkauft, kein Gespräch mit den Mietern, alle Versuche, selbst als Käufer berücksichtigt zu werden, ignoriert. Die neuen Eigentümer, eine Gruppe von Immobilienspezialisten, haben andere Pläne im Hinblick auf die demnächst zentrumsnah boomende Friedrichstadt.

Lösung an der "Löbtauer"?

Für die Mitglieder des friedrichstadtZentral e. V. sind aber noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgereizt. Eines ist im Hinblick auf mögliche Zukunftspläne klar, eine Zwischennutzung in neuen Räumen zur Miete kommt nicht wieder in Frage. Also machten sie sich auf die Suche. In der Friedrichstadt, auf der Löbtauer Straße, steht ein geeignetes Gebäude, eine nicht mehr zu nutzende Sozialeinrichtung, leer. Es gehört der Stadt, ist unsaniert, steht unter Denkmalschutz und war zum Verkauf ausgeschrieben. Der Verein hat eigentlich gute Karten, ein Nutzungskonzept liegt vor, die Kreditzusage einer Bank ebenfalls und die gemeinnützige Stiftung trias für Boden, Ökologie und Wohnen bietet logistische Unterstützung.

Aber jetzt hält sich das Liegenschaftsamt der Landeshauptstadt bedeckt, in einigen Jahren könnte die Situation in Dresden so sein, dass man neue Schulen braucht, dann wäre das nämliche Gebäude geeignet. Dafür hat der Verein Verständnis, nur nicht dafür, dass es bislang auch vergeblich auf eine Antwort wartet, wie denn die Chancen stehen, im Hinblick auf das wenige Meter weiter leer stehende, ehemalige Schulgebäude, in dem man sich auch eine Fortsetzung des Projektes, nicht zuletzt zum Wohle der geplanten Neubelebung der Friedrichstadt vorstellen könnte.

Zuwachs vom Stahlorchester

Inzwischen hat sich der Verein friedrichstadtZentral vergrößert. Jan Heinke mit seinem Stahlorchester - weltweit einzig nur in Dresden - ist hinzu gekommen, auch er muss seinen Probenraum auf der Hamburger Straße aufgeben. Seine Kunst- und Lebensart passt ins Konzept der Friedrichstraße 52. Gemeinsam braucht man eine Lobby. Es stünde doch einer Stadt wie Dresden gut an, Räume zu erhalten, in denen Menschen mit künstlerischen und sozialen Ansprüchen unter Verzicht auf Bequemlichkeit und jede Art von Profit basisorientierte Signale für kreative Lebens- und Arbeitsformen setzen können. Es geht hier nicht um eine Randgruppe, hier mischen sich Vertreter etablierter und freier Kultur in frei gewählten Daseinsformen.

Während es für die Leute auf der Friedrichstraße noch keinen endgültigen Termin für den Auszug gibt, ist für Jan Heinke am 31. Oktober definitiv Schluss gewesen. Wäre das auch der Schluss für das Dresdner Stahlorchester, wer könnte das ernsthaft wollen? Was tun? Es gilt Verbündete zu suchen und zu finden, das Gespräch mit Verantwortlichen der Stadt. Ab und an eine Antwort zu bekommen, wäre nicht schlecht. Es gilt solange es möglich ist, Veranstaltungen anzubieten, Einblicke zu ermöglichen in ein kreatives Konzept, in dem Menschen arbeiten wollen unter Verzicht jeder Aussicht auf persönlichen Reichtum, um aber mit ihren kulturellen Angeboten genau jenen Reichtum, auf den eine Stadt wie Dresden so stolz ist, zu mehren.

Hier, sehr verehrte Damen und Herren vom Kulturausschuss im Stadtrat der Landeshauptstadt, geht es auch nicht um 1,5 Millionen Euro, hier ginge es erst mal darum, ein offenes Ohr zu haben und dann den Kollegen vom Liegenschaftsamt einen freundlichen Wink zu geben. Nur weil Freundlichkeit nichts kostet, heißt es noch lange nicht, dass sie nichts wert ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.11.2012

Boris Michael Gruhl

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