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Ungeheuerlicher Schriftsteller: John Burnside liest am 20. November im Stadtmuseum Dresden

Ungeheuerlicher Schriftsteller: John Burnside liest am 20. November im Stadtmuseum Dresden

Jedes Jahr zu Halloween, wenn das Wetter umschlägt und "das satte Grün des Spätsommers sanftem Grafit und gelegentlich wundersamem Wachtelgrau" weicht, bleibt der Ich-Erzähler dieses satten und kräftigen Romans zu Hause und denkt an die eigenen Toten, denen es nur in dieser Nacht gestattet ist, "Orte aufzusuchen, die sie einst kannten, Häuser, in denen sie gewohnt haben, Straßen, auf denen sie zur Arbeit oder zum heimlichen Stelldichein gegangen sind".

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John Burnside

Auch an seinen Vater und an die Lügen dieses Trinkers und Tyrannen denkt er, um schließlich eines Tages sich selbst in ihm zu erkennen.

So beginnt und davon handelt John Burnsides großes Buch "Lügen über meinen Vater", das in Großbritannien schnell zum Bestseller wurde und mit dem der schottische Schriftsteller auch in anderen Ländern berühmt wurde.

Der dickleibige Band ist Entwicklungsroman und Autobiografie in einem, denn erst die Entdeckung der Literatur brachte dem mit Suchtproblemen kämpfenden Erzähler (der ein Alter Ego des Autors ist) die Rettung. Erst in der Literatur fand der den Launen seines krakeelenden Vaters ausgesetzte junge Mann endlich so etwas wie eine Heimat, und sei es nur als Geborgenheit in der Sprache: "Ich kann nicht über ihn reden, ohne über mich selbst zu reden, so wie ich nie in den Spiegel sehen kann, ohne sein Gesicht zu sehen", schreibt Burnside, den der österreichische Autor Thomas Glavinic unlängst respektvoll "einen der ungeheuerlichsten Schriftsteller der Welt" nannte.

Auch Burnsides neuestes Buch, "In hellen Sommernächten", wird einhellig von der Kritik gefeiert: als "literarisches Kunstwerk", als "poetisch-böser Sommernachtstraum" und als "Werk von großer sinnlicher Präsenz".

Und ja, im Traum, da fühlt Burnside sich zu Hause. Einer seiner Lieblingssätze, so bekannte er in seiner Dankesrede zur Verleihung des Petrarca-Preises im vergangenen Jahr, sei die Bemerkung Franz Kafkas: "Bitte betrachten Sie mich als einen Traum." Großartige Bilder der nordischen Landschaft entfaltet John Burnside in seinen Romanen: In "Glister", dem ersten von ihm auf Deutsch erschienenen Roman, geht es um einige halbwüchsige Jungen, die auf rätselhafte Weise verschwinden. In seinem neuen Buch ertrinken ebenfalls zwei Jungen nachts im Fjord, verschwinden zwei Männer und gerät ein Mädchen in Verdacht, ein "Huldra", eine Männer betörende böse Waldfee, zu sein.

Einen Antithriller nannte eine große deutsche Wochenzeitung das Buch, in dem es, wie in vielen Romanen Burnsides, um einen "Riss in der Wirklichkeit" geht.

Es ist nicht nur in Burnsides Romanen so, dass Zeit und Ort sich beinahe aufzulösen beginnen und die Welt in einen eigenartigen Schwebezustand zwischen den Tag- und Nachtseiten des Lebens gerät. Auch die wundervollen Gedichte dieses Autors, die soeben auf Deutsch unter dem Titel "Versuch über das Licht" im Carl-Hanser-Verlag erschienen sind (Übersetzung: Iain Galbraith), erzählen von solchen Gratwanderungen zwischen Leben und Tod, Leere und Erfüllung. Es scheint fast so, als wären die Geister für Burnside etwas Reales, wenn sie in ihrem "Flatter- und Gleitflug" uns Lebende umkreisen: "Was ist / schließlich / das Geräusch / von einer Hand, die klatscht?", heißt es in einem Gedicht, und in einem anderen gedenkt das lyrische Ich der "vielen Vermißten, von denen ich als Kind erfuhr" und zählt sie sogleich alle auf: als eine Summe zahlloser Abwesenheiten. Nichts sei so "unwichtig, wie gesehen zu werden", lautet die überraschende Pointe des Gedichts.

Aber in einem dem Maler Edward Munch gewidmeten Text korrigiert sich Burnside gleich selbst, indem er gegen die Abwesenheiten den ewigen "Tanz des Lebens" setzt: "Das ist der bewohnbare Ort / den wir nicht / aus Tod / oder Abwesenheit erschaffen / sondern daraus / wie sich die Tänzer miteinander bewegen / um sich in diese / Verschwundenen zu verwandeln."

Als Gast des Literaturforums kommt John Burnside am 20. November für eine Lesung auch nach Dresden. In der renommierten Reihe "Literarische Alphabete" wird er seinen neuen Roman vorstellen, aus seinem Gedichtband lesen und mit Patrick Beck über das nordische Licht und vieles andere mehr sprechen. Volker Sielaff

Literarische Alphabete mit John Burnside. Am Dienstag, den 20. November, 20 Uhr im Stadtmuseum / Städtische Galerie. Zweisprachige Lesung. Gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank und der Stadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz. Eintritt: 6 Euro (ermäßigt 4 Euro).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.11.2012

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