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Unfrieden im Osten - Buch über die Debatte um die Kunst aus der DDR

Unfrieden im Osten - Buch über die Debatte um die Kunst aus der DDR

Wenn im Herbst die Kirchenglocken läuten- manche haben heute schon ein bisschen Angst davor. Wie geht die Nation um mit der Erinnerung an die bewegenden Tage vor 25 Jahren, die "Friedliche Revolution", die - verblasst und zum Geschichtsstoff geworden - im zeitgenössischen Bewusstsein oft zwischen öffentlichem Beschwörungsritual und individuellem Schulterzucken die Aktualität verfehlt.

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Quelle: Buchcover

"Erinnerungskultur" findet freilich immer statt, auch wenn uns Jahrestage ermüden, weil wir keine rechte Antwort wissen auf den gesellschaftlichen Energieverlust.

Die hier annoncierte voluminöse essayistische Dokumentation ist aus doppeltem Grund eine ideale Einführung in diesen Konflikt: Sie zeichnet mit großer Detailliertheit den "Bilderstreit" als eine der heftigsten deutschen Dauerdiskussionen der letzten zwei Jahrzehnte nach und belegt zugleich dessen Erschöpfung. Der paradoxe Kurzschluss könnte heißen: ein brillantes Buch, nur interessiert es keinen mehr. Aber so ist es gewiss nicht. Frei nach Karl Kraus: "Ich lasse mich nicht hindern zu beschreiben, was mich hindert zu beschreiben" ist die (durchaus anspruchvolle) Ausführlichkeit dieser in 16 Bilderstreit-Stationen sich ausbreitenden "Beschreibung eines Kampfes" eine überzeugende Widerstandsleistung gegen jene aktuelle Müdigkeit, die sie historisch analysiert.

Die große innerdeutsche Kontroverse um die Deutung von Geschichte und die beiden unterschiedlichen Gesellschaftswege des geteilten Landes hatte sich unerwartet und vehement - gleichsam wie auf einen Stellvertreterschauplatz - auf das Feld der bildenden Kunst verlagert. Das ist die Ausgangsthese des Buches. Sie wird in einem guten Dutzend grundlegenden Essays scharfsinnig erörtert. Neben den Herausgebern sind u.a. Eduard Beaucamp, Heinz Bude, Eckard Gillen, Sigrid Hofer, Bernd Lindner und Karin und Rüdiger Thomas beteiligt - alles Akteure und ausgezeichnete Kenner der Szene. Die altbekannten Klischees werden reflektiert: über die Ostnostalgiker und die westlichen "intellektuellen Putzkolonnen", die Deklassierung der DDR-Kunst wie ihre Gekränktheiten, Wertefragen wie Markterwartungen, Ästhetik versus Politik, und über allem die immerwährenden "nützlichen Missverständnisse". Aus der Chronologie des Streits entwickelt sich quasi eine Soziologie divergierender Kunstentwicklungen (Rehberg), aus dem Lob der Vielfalt einer deutschen Kunst in Widersprüchen eröffnet sich der Blick auf handfeste materielle Interessen als Grund für Feindseligkeiten (Beaucamp); aus der Beschreibung einer oppositionellen Boheme des Ostens als "Familienbande" ihre Vereinsamung und inneren Konflikte in den 90er Jahren (Gillen) - allein die ersten 280 Seiten des Buches sind ein analytisches Kompendium erster Ordnung (hier nicht annähernd zu beschreiben), das durch Feinnervigkeit und Unaufgeregtheit überzeugt.

In einem zweiten Kapitel wird dann in Form von Statements vorgeführt, wie gravierend die Meinungsunterschiede und Kontoversen gleichwohl bis heute sind. Hier kommen sie alle zu Wort: die Kulturpolitiker von Uwe Lehmann-Brauns bis Hans Joachim Meyer, die scharfzüngigen Kritiker von Bazon Brock bis Christoph Tannert, die Museumsleiter von Jean-Christoph Amman bis Fritz Jacobi, die Kunsthistoriker von Andreas Hüneke bis Jörg Sperling. Ganz wichtig sind auch die vielen Meinungsäußerungen engagierter Künstler: aus Dresden Lutz Dammbeck, Hubertus Giebe, Ralf Kerbach, Christine Schlegel. Die Vielfalt der Meinungen ist wohltuend, auch dort, wo sie verblüfft: etwa angesichts der gespielten Naivität von Achim Preiss, dem Kurator der umstrittenen Weimarer "Müll"-Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" von 1999 oder ob der Vehemenz von Eberhard Göschel (DDR-Kunst als Alptraum).

In einem abschließenden dritten Teil werden schließlich mit diversen Kritiken, Statements und Leserbriefen die Stationen des Bilderstreites an Hand der 16 wichtigsten Ausstellungen mit DDR-Kunst seit 1990, seit jenem legendären Arschloch-Verdikt des Malers Georg Baselitz gegen seine ostdeutschen Kollegen, umfangreich nachvollzogen. Auch dieser Dokumentationsteil (etwa 100 Texte) ist allein wegen der Vielfalt von ideellen Ansätzen aufschlussreich. Klar wird vor allem, wie tief verankert und daher "unbesänftigbar" dieser Streit der Meinungen auf vielen Feldern war und ist. Er prägt bis heute Verwerfungen und Aversionen in Museen und Galerien, in den Hochschulen und auf dem Kunstmarkt (man könnte ihnen locker das nächste Buch widmen). Alles wurzelt in der politisch wie mental, sozial wie ästhetisch so polaren Entwicklung des geteilten Deutschlands, gegen die es die tatsächlichen Gemeinsamkeiten (dazu gehört auch das Wissen um eine gesamtdeutsche Neurose) noch immer schwer haben. Insofern hat der Bilderstreit eine höchst symptomatische Bedeutung für die Geschichte unseres gemeinsamen Landes nach 1990. Das in einem grundlegenden Buch erstmals anschaulich dokumentiert zu haben, kann nicht hoch genug gelobt werden. Ein wesentlicher Beitrag zur Eigenaufklärung - aber wie gesagt: wer wird ihn annehmen. Vielleicht Material für die klügeren Enkel?

Bilderstreit und Gesellschaftsumbruch. Die Debatte um die Kunst aus der DDR im Prozess der deutschen Wiedervereinigung.

Hg. von Karl-Siegbert Rehberg und Paul Kaiser. B & S Siebenhaarverlag 2013, 476 S., reich illustriert, 49,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.08.2014

Hans-Peter Lühr

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