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Unentrinnbar in den Abgrund

Unentrinnbar in den Abgrund

Am Ende wird ausführlich gemordet: Orest, auf den Elektra solange warten musste, ist zurück. Klytämnestra, die Mutter, hat er schon abgeschlachtet, ebenso ihren Liebhaber Ägisth, mit dem gemeinsam sie einst Agamemnon meuchelte, als der aus dem Trojanischen Krieg zurückkehrte und im Bad Entspannung suchte.

Nun fallen die Getreuen der beiden in Scharen der blutigen Rache zum Opfer. In Leipzig, wo vor einer Woche Peter Konwitschnys alte "Elektra" Wiederaufnahme feierte, sieht man dies. Da laufen all die, die ihr Fähnlein in den neuen Wind gehängt hatten, auf offener Bühne ins knatternde Maschinen-Gewehr-Feuer. In Dresden, in dem Haus, wo dieses Schlüsselwerk des Musiktheaters im 20. Jahrhundert 1909 seine Uraufführung erlebte, sieht man nichts. Hier lässt sich Elektra von ihrer und Orests Schwester Chrysosthemis von dem Massaker berichten, das für sie die Erfüllung ihres Lebenswegs bedeutet. Den Rest erzählt die Musik. Und sie tut es eindringlicher, als jede theatralische Choreographie es je könnte.

Diese Partitur ist so monströs wie das Textbuch, das Hugo von Hofmannsthal den Komponisten Richard Strauss aus seinem "Elektra"-Drama destillieren ließ. Düster, schrundig, schartig zeichnete Strauss in Tönen die Abgründe des bereits frühe Erkenntnisse der Psychoanalyse reflektierenden Textbuches nach. Unerhört waren diese Töne damals, mindestens ebenso unerhört, wie da, was Strawinsky zeitgleich ausheckte, oder Schönbergs "Erwartung". Aber "Elektra" ist eben von Strauss. Jenem Strauss, der zwei Jahre später mit dem "Rosenkavalier" eine vermeintlich die ästhetische Kehrtwende vollzog. Und weil das Klischee diesen Strauss in die Schublade mit dem bildungsbürgerlichen Amüsier-Theater, der vordergründigen Pose, dem sentimentalen Effekt einsortiert hat, scheint vielen noch heute selbst die modernistische Wucht von "Elektra" verdächtig.

Das ist natürlich Unsinn. Was man am besten zeigt, wenn man diese ungeheuerliche Musik für sich sprechen lässt. Wie es in Leipzig Ulf Schirmer tut, der mit dem Gewandhausorchester in analytischer Schärfe die atemlose Komplexität hörbar macht, mit der Strauss seine Motive zum Sprechen bringt. Oder wie Christian Thielemann, der mit der Staatskapel le Dresden den Strudel in den Abgrund aus sich selbst heraus in Drehung versetzt, dem sinnlichen Sog, der Eigendynamik der Töne ganz direkt folgend. Dass er dabei im konkreten Falle in Dresden über ein nochmals deutlich besseres Orchester verfügen kann als sein Kollege Schirmer vor Wochenfrist in Leipzig, hebt diese Dresdner Premiere bereits in eine andere Liga als die hiesige Wiederaufnahme.

Die Staatskapelle berichtet nicht von den Beziehungen der handelnden Personen zueinander, davon, was in ihren Köpfen, ihren zerrissenen, ihren geschundenen Leibern vorgeht. Die Staatskapelle durchlebt all dies mit veristische Direktheit. Thielemann nimmt es nicht zum Anlass analytischer Betrachtungen, das struppige Motivgeflecht, das sich da über eineinviertel Stunden aus dem bitonal schillernden "Elektra"Akkord entwickelt, sich bis zum beinahe zwölftönigen Akkord auffächert, in der Szene, in der Orest und Elektra einander wiedererkennen, in trügerisch lyrische Wonnen kippt, um Elektras finalen Totentanz schließlich mit bösen Triumphklängen zu unterlegen. Thielemann macht es auch nicht zum Gegenstand sinfonischer Entwicklung. Er lässt es selbst sprechen, geifern, leiden, triumphieren. Unmittelbar, unentrinnbar. Und die Staatskapelle folgt ihm mit grandiosen Farben, mit unangefochtener Souveränität, mit beängstigender Präzision noch im hysterischsten Taumel. Eine Sternstunde.

Und gleich noch eine: Denn das Solisten-Ensemble ist vom ersten bis zum letzten Ton auf Augenhöhe unterwegs. Allen voran die grandiose Evelyn Herliltzius in der Titelpartie. Zierlich, zerbrechlich wirkt die Sopranistin auf der riesigen Bühne, ausgestoßen, ausgeliefert. Aber mit dem ersten Ton, den sie singt, beherrscht sie die Szene: Alles, was hier geschieht, vollzieht sich in ihren Gedanken. Den Hass hat sie so wach gehalten wie sie Sehnsucht nach der reinigenden Rache. All das spiegelt ihr gewaltiger und doch in jedem Ton kontrollierter Sopran. Mühelos trägt er über das gewaltige Orchester, mühelos formt er auch die Silben - so dass man nicht nur aus dem heraus versteht, wie sie, sondern auch das, was sie singt. Ein sensationelles Rollenporträt, einzigartig in seiner psychologischen Intensität und brüchigen, ja: Schönheit.

Im Grunde gilt dieser Befund vollumfänglich auch für die Klytämnestra, die die große Waltraud Meier mit Tönen vieldimensionaler Verzweiflung und Gehetztheit ausstattet, und für die gebrochene Chrysosthemis, die Anne Schwanewilms zu Herzen gehend singt. Er gilt für den erst dämonischen, dann zärtlichen, schließlich zum Äußersten entschlossenen Orest René Papes. Er gilt von Frank van Akens giftigen Ägisth bis hinunter zur Magd Nadja Mchantaf. Und er gilt für die darstellerische Kraft, mit der die Protagonisten ihre düsteren Charakterstudien ausstatten.

Er gilt eher nicht für die weitgehend belanglose Neo-Marthalerei, die Regisseurin Barbara Frey in der holzvertäfelten Neo-Viebrockerei von Bühnenbildnerin Muriel Gerstner und Kostümbildnerin Bettina Walter zeigen. Was nicht weiter stört. Weil es die Musik nicht stört. Denn musikalisch wächst diese "Elektra" noch weit über das hinaus, was all die glänzenden Namen ohnehin erwarten ließen.

Entsprechend orgiastisch fällt der stehend herausgebrüllte Jubel aus. Für Herlitzius, Thielemann, die Staatskapelle und den Rest vom Sängerfest. Fürs Inszenierungs-Team gibt's immerhin dieses oder jenes Anstands-Buh.

iElektra in der Semperoper: 22., 25., 31. Januar, 22., 29. Juni, Karten und Infos unter Tel. 0351 4911705; www.semperoper.de; in der Oper Leipzig: 4., 31. Mai, Karten und Infos unter Tel. 0341 1261261; www.oper-leipzig.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.01.2014

Peter Korfmacher

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