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Und doch keine Bilder: Sebastian Plano und Origamibiro in der Scheune

Und doch keine Bilder: Sebastian Plano und Origamibiro in der Scheune

Unter der Musik liegt zwangsläufig auch eine Metaebene. Ein Subtext, der sie kommentiert, in Beziehung setzt, der ihr hilft und sie oft genug auch behindert. So direkt sie Emotionen ansprechen mag, was durch oder mit Musik transportiert wird, macht aus Tönen - wenn es gut geht - komplexe Wunder.

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Nimmt "vom Rock'n'Roll behaune Clubs wie andere feines Samtgestühl": Sebastian Plano in der Scheune.

Quelle: Dietrich Flechtner

Instrumentale Klänge, denen man per se eine cineastische Komponente zuschreibt, sind besonders tückisch. Was, wenn die Interpreten sogar parallel auf der Bühne mit Filmen arbeiten? Was, wenn sie plötzlich fehlen? Origamibiro, das sind eigentlich drei Briten. Andy Tytherleigh, Tom Hill und Jim Boxall alias The Joy Of Box. Letzterer ist Mann der Visualität im Projekt. Am Freitag in der Scheune zur vierten Ausgabe der überaus inspirierenden Reihe "Denovali Residency" fehlte Boxall aus Gründen eines nicht näher erklärten Notfalls. Der erste Teil des Abends geriet plötzlich nackt. Hat er dadurch eingebüßt? Nun, er wäre sicherlich anders verlaufen, hätte Jim Boxall seine Filme zeigen können, hätte er live ins rein akustische Geschehen eingreifen können. Reize wären anders gesetzt worden, sie hätten aber durchaus auch überfluten können, das ist stets die Gefahr dabei.

So aber konnte man Andy Tytherleigh und Tom Hill im Fast-Dunkel bei der Arbeit zusehen. Wie sie an ihren kleinen Tischen turnten, schraubten, zogen, drehten, schoben, drückten. Ihr elektronisches Equipment bedienten, Laptops, Modulatoren, Loop-Stationen. Und mehr, denn beide verbinden in ihrer stimmungszaubernden Musik mit dem großen "E" zudem Instrumente wie Standbass und Gitarre, Charango und das alles noch einmal mit Geräuschen von live zerknülltem Papier, gerubbelter Tüte und gehackter Schreibmaschine. Tytherleigh und Hill ließen ihre sechs- bis zehnminütigen Stücke über das Schichten von Soundspuren wachsen. Deutlich sind sie vom Minimal beeinflusst, haben ihre Kelle Steve Reich längst genommen. Stärken entwickeln beide, wenn sie rhythmisch vielgestaltiger werden, wechselwilliger, drängender. Auch auf die Gefahr hin, dass der Strom seinen Dienst verweigert. Trotzdem: Origamibiro, gern noch mal zu dritt!

Der Argentinier Sebastian Plano ist auf der Bühne allein, will allein sein und ist allein wirklich stark. Eingangs erwähnte Metaebene liegt bei ihm in erster Linie in der Tatsache, dass er sich einreiht in die Riege junger Künstler, die aus der Klassik kommen, sich aber jeder Schwere verweigern. Die nie in die Versuchung gekommen sind, sich in einen Frack zu zwängen, die kleine, vom Rock'n'Roll längst behauene Clubs nehmen wie andere feines Samtgestühl. Damit öffnen sie Tore, statt sie zu verstellen. Ihre Zuhörer sind so jung wie sie oder älter, weil es letzteren Besuchern weniger um Statement oder Anrecht geht, sondern um Entdeckung. Botschaft muss man das, was hinter Sebastian Plano oder seinen "Verwandten" wie Nils Frahm, Hauschka und Ólafur Arnalds steckt, nicht gleich nennen. Die Scheu-Schere im Kopf vor klassischer Musik zu entfernen, dazu aber sind sie allemal in der Lage. Und die Veranstalter großer Orchester und kleiner Besetzungen sollten besser nicht so tun, als hätten sie für die Generationsfragen im Publikum schon die Antwort.

Sebastian Plano "tanzt" um sein und mit seinem Cello. Es ist ein wohlpräpariertes Instrument, mit Touch-Pads vorn und hinten am Korpus, die Plano zum Ansteuern dienen, Loops auf die Reise schicken, Sounds und Verfremdungen ermöglichen, Instrumente addieren, Beats setzen. Zusätzlich arbeitet Sebastian Plano mit dem Klavier und auch dort mit dem gesamten Korpus, einschließlich dort positionierter Apparaturen. Was nach Überfrachtung klingt, entfernt sich bei Plano jedoch selten vom Bekenntnis zu klar gestrichenen Cello-Linien und transparentem Tastenklang. Selbst seine Vorliebe für eher melancholische, weiche Töne bekommt durch den Rest des Equipments keinen Schaden. Denn gerade im Vergleich zu "Impetus", seiner starken zweiten Studioproduktion, kann er live auch verzichten: keine Stimme, kein Akkordeon. Die CD macht den Konzertbesucher zum Weiterhörer.

Das geht auch in Sachen Denovali: Neu beim Bochumer Label erschienen sind dieser Tage Werke von Fogh Depot ("Fogh Depot", eine dunkle russische Trio-Jazz-Variation) und Sankt Otten ("Engtanz Depression", unwiderstehlicher Krautrock aus Osnabrück, seit 1999 mit unpeinlicher Can-Verehrung).

Die nächste Ausgabe der Denovali Residency Konzertreihe gibt es am 24. März in der Scheune, dann mit Piano Interrupted und Franz Kirmann aus Großbritannien.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.02.2015

Andreas Körner

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