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Umjubelte Premiere "Bernarda Albas Haus" im Dresdner Schauspielhaus

Umjubelte Premiere "Bernarda Albas Haus" im Dresdner Schauspielhaus

Der Spanier Federico García Lorca (1898-1936) ist einigen hierzulande vielleicht als Dichter der "Zigeunerromanzen" (1928) bekannt. Als Dramatiker indes findet man ihn auf unseren Bühnen selten.

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Beeindruckend: Rosa Enskat (r.) in der Titelrolle von García Lorcas Stück "Bernarda Albas Haus".

Quelle: Matthias Horn

Verständlich, betrachtet man sich den Stoff des letzten und berühmtesten Stückes seiner "Ländlichen Trilogie", "Bernarda Albas Haus", das er 1936, einen Monat vor seiner Ermordung durch Falangisten, vollendete. Es spielt in einem andalusischen Dorf mit archaischen Verhältnissen. Eine Mutter, jene Bernarda Alba, eben zum zweiten Mal Witwe geworden, verhängt eine achtjährige Trauerzeit über sich und ihre fünf Töchter. Weil das ihr Vater und Großvater schon so gehalten haben. Das Haus ist total abgeschottet, vor allem für Männer. Die Mädchen dürfen nichts weiter, als Bettzeug für ihre Aussteuer zu besticken.

Sicher, ein Stück, in dem ausschließlich Frauen agieren, mag seinen Reiz haben. Aber was soll uns das heute? Ein solches Kammerspiel, dessen finster-rigide Traditionen völlig dem entgegengesetzt sind, was für uns heute selbstverständlich ist an Freiheit in den Lebensformen? Man begibt sich also recht skeptisch ins Dresdner Schauspielhaus. Wird aber dort von Regisseur Andreas Kriegenburg eines Besseren belehrt. Mit einer Inszenierung voller überraschender und berührender Momente, die das Publikum zur Premiere bejubelte.

Wir erleben einen Abend der Gegensätze: bleischwere Melancholie, aber auch humorvolle Blitzlichter. Nicht nach Spanien, in eine ferne Vergangenheit sehen wir uns versetzt, sondern in eine zeitlose, bewusst fremd anmutende Kunstwelt. Vor uns öffnet sich eine Bühne, die der Regisseur selbst gestaltet hat: Vom Schnürboden hängen schmale weiße Tücher herab. Jene Laken, an denen die Mädchen sich abzuarbeiten verurteilt sind, werden zu Bühnenbild und Requisiten zugleich. Wieder und wieder überrascht beobachtet man, was die Darstellerinnen alles damit anstellen: Sie irren dazwischen umher, hüllen sich ein darin, benutzen sie, das Ende festhaltend, als Sitz oder Schaukel, verflechten sich hinein, fesseln andere oder schlagen sie mit den Enden.

Die Textvorlage bietet nicht viel an Geschehen. Aber man sieht, was sich zwischen den Frauen abspielt an Neid und Hass. Besonders aber, was in ihnen vorgeht - in sehr ausdrucksstarken, bisweilen extremen Gesten und Bewegungen. Sie folgen einer sehr präzise charakterisierenden Choreografie. Es entwickelt sich eine Art Tanztheater starker Emotionen, das man als Zuschauer gebannt verfolgt. Ein ästhetisch ausgefeiltes Bühnenkunstwerk, von der Hitze der Leidenschaften durchflossen. Zu einem getragenen Soundtrack, meist von Geige oder Cello, breitet es sich ganz langsam vor uns aus, versetzt uns in einen Zustand ruhiger Betrachtung.

So können wir sehr genau verfolgen, wie die Darstellerinnen auch mit dem Text spielen, ihn, an eine Oper erinnernd, im Chor sprechen, Worte und Sätze wiederholen, gelegentlich auch Schabernack damit treiben.

Was diesen Abend so beeindruckend macht: Er setzt nirgendwo auf Effekte, baut mutig auf das darstellerische Spiel, was im Großen und Ganzen ausgezeichnet gelingt. Mal erscheinen die Frauen einander gleich in ihrem Schicksal, vollführen in identischen schwarzen Kleidern die selben Bewegungen, am Anfang stürzen sie sogar übereinander zu einem schwer atmenden Knäuel.

Jede Figur erhält Gelegenheit, eigenen Charakter zu entwickeln, die eine häufiger, die andere seltener und eher ansatzweise. Besonders ausgiebig Mutter Bernarda Alba (Rosa Enskat): das graue Haar zum Zopf gestrafft, herbes, blasses Gesicht, der Mund ein Strich. Streng gegen alle, auch gegen sich selbst. Unablässig bemüht um den guten Ruf, die anständige Fassade des Hauses. Doch für Augenblicke erliegt auch sie versteckt ihrem unterdrückten Verlangen nach körperlicher Lust. Zieht ein wenig armselige Ersatzbefriedigung aus den Erzählungen ihrer Dienerin von den Orgien der Anderer da draußen. Eine gehemmte, verkrampfte, gewalttätige Frau. Doch sehen wir sie auch in Momenten verträumter Zärtlichkeit. Etwa, als sie zu Beginn des 3. Aktes ihrer Mutter das Haar kämmt. Deutlich wird ihre ständige Angst, die Herrschaft zu verlieren. Am Ende sehen wir sie wanken, eine gebrochene Frau.

Äußerster Gegenpol zu ihr: die 80-jährige verwirrte Großmutter Maria Josefa (Barbara Teuber). Sie ist die leibhaftige Anarchie in der puritanischen Heimdiktatur. Mit offenem Haar, in weißem Hemd oder flammend rotem Kleid schreit sie ihre Sehnsucht nach Liebe hemmungslos heraus. Ein Vulkan des emotionalen Chaos, der die straffe Ordnung zu sprengen droht.

Sympathisch burschikos, erdverbunden, manchmal grob kommt die Magd La Poncia daher. In Liebesdingen wirkt sie abgeklärt, hat reichlich schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht. Sie versucht den Töchtern die Illusionen auszutreiben, die sie selber längst verloren hat. Allerdings erscheint einem Nele Rosetz für so viel Lebensweisheit etwas zu jung.

Tochter Angustias (Antje Trautmann) tritt verhuscht auf. Mäßig froh des dürftigen Glücks, als einzige Aussicht auf Pepe el Romano als Verlobten zu haben. Doch zeigt sich bei ihr am deutlichsten das Dilemma all dieser Frauen: Eheweib zu sein, ist nur ein auf andere Art betrübliches Dasein. Als sich selbst das als großer Irrtum erweist, weil Pepe el Romano es nur auf ihre Mitgift abgesehen hat, wird sie zur anrührend tragischen Figur.

Magdalena (Sonja Beißwenger) wehrt sich mit dunklem Sarkasmus. Martirio (Schauspielstudentin Nina Gummich) hat ihre stärksten Momente im Finale. Da bricht das abgrundtief Böse aus ihr heraus, die Verzweiflung der vergeblich den selben Mann Liebenden schlägt in Hass um und macht sie zur Furie. Eiskalt kalkulierend treibt sie ihre Schwester Adela mit der Behauptung, die von der Mutter abgefeuerte Gewehrkugel habe Pepe el Romano getroffen, in den Tod.

In Adela (Schauspielstudentin Maike Schroeter), der jüngsten Tochter, sehen wir das Liebesverlangen nach diesem Pepe el Romano verzehrend brennen. Sie begehrt am radikalsten auf. Andererseits erscheint sie sehr zart. Ihr tragisches Ende, der Selbstmord wirkt daher schlüssig.

Einziger Wermutstropfen: Auch in diesem angenehm vermindertem Tempo hätte der Abend nicht drei Stunden Länge gebraucht. Verlangsamung gut und schön, doch an einigen Stellen klemmt die Handbremse. Etwa, wenn sich zu Beginn des 3. Aktes nach der Pause die Frauen synchron und fast in Zeitlupe über Zinkeimern waschen. Auch die Schlussszene dehnt sich arg. Bernarda kämpft allzu lange standhaft gegen ihren Zusammenbruch.

Eine kurze Andeutung hätte stärker gewirkt.

nächste Aufführungen: 8. & 20.4.

http://www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.04.2015

Tomas Gärtner

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