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"Um Kopf und Kragen": Neue Ausstellung von Jürgen Schieferdecker in Dresden

"Um Kopf und Kragen": Neue Ausstellung von Jürgen Schieferdecker in Dresden

Es gibt nur wenige Künstler, die über ihr gesamtes Schaffen so vital auf Zeit- und Kunstgeschehen reagierten und reagieren wie Jürgen Schieferdecker (geb. 1937 in Meerane).

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Jürgen Schieferdecker: "Der Großmufti von Eschnapur...", Collage, 2012.

Quelle: Galerie

Das Motto seiner aktuellen Ausstellung bei Rahmen & Bild auf dem Weißen Hirsch "Um Kopf und Kragen" erscheint so keineswegs aus der Luft gegriffen. Als etwa 1973 seine Ausstellung in Ahrenshoop wegen der Eröffnungsrede von Diether Schmidt geschlossen wurde, ging es durchaus "Um Kopf und Kragen". Es war so kein Wunder, dass Schieferdecker sich nicht nur aus bestehender Verehrung für Max Ernst und Salvador Dali über Jahre der Mittel des Surrealismus und der damit möglichen Hintersinnigkeit bediente. Man denke nur an Bilder wie "Suliko oder der Diktator am Abend. Eine kleine Nachtmusik", mit dem er 1967, dem Jahr des 50. Jubiläums der Oktoberrevolution, den Stalinismus und seine Opfer thematisierte.

Zunehmende, auch internationale Erfolge, darunter 1979 der Preis des Tokioter Museums of Modern Art für das Blatt "Beuys macht Licht", schützten ihn später bis zu einem gewissen Grad. Von ähnlicher Bedeutung war, dass Schieferdecker - 1955 bis 1962 hatte er an der TU Architektur studiert - nach einem kürzeren Ausflug in diese Berufspraxis seit 1975 an der TUD lehrte (die Berufung zum Professor - 1993 bis 2003 - war nicht vorauszusehen). Damit war er nicht vom Künstlersein abhängig, wenngleich die staatliche Anerkennung als solcher 1977 manches erleichterte - für ihn, aber wohl auch im allgemeinen Interesse. Denn mit seiner Tätigkeit an der TUD ist das Wirken in deren künstlerischem Beirat verbunden. Eine von dessen herausragenden Aktivitäten war die 1984 gegen alle politischen und ökonomischen Widrigkeiten endlich möglich gewordene, markante Aufstellung von Glöckners stählernem "Mast mit zwei Faltungszonen" neben der Neuen Mensa.

Nicht weit davon findet man Jürgen Schieferdeckers Werk "Die Heimkehr des Elefanten Celebes (für Max Ernst)" von 1984, dessen zentraler Teil, dem Ort Technische Universität entsprechend, eine Ulbrichtsche Kugel ist. Einem kleineren (unverkäuflichen) Exemplar kann man nun bei Rahmen & Bild begegnen. Aber auch in anderen Arbeiten - den Collagen "Exzellent" und "Perfekt" - stellt sich die Beziehung zur einstigen Wirkungsstätte des Künstlers her. Deren Entstehung ist einem hinterfragungswürdigen Anlass der Jetztzeit zu verdanken: dem zeitweise in die Diskussion gebrachten Abriss der sanierungsbedürftigen Neuen Mensa, deren Abbild man hinter sich überlagernden und unterschiedlich angeordneten Selbstbildnissen des Künstlers auf den Blättern entdeckt. Mit dem Titel "Exzellent" reagierte er auf dieses Ansinnen und hob gleichermaßen auf den Status der TU als Exzellenz-Uni ab. Angesichts dessen, dass man sich mittlerweile zur Sanierung des Baus entschlossen hat, wird Jürgen Schieferdecker sicher nicht traurig sein, dass sich - wie auch in anderen Fällen - der Anlass der Arbeit "erledigte". Die Notwendigkeit zur Aufmüpfigkeit ist jedenfalls nicht vorbei. Ganz im Sinne einer mal "Quos ego" - ich werd's euch zeigen - genannten Collage, die hier im Gewand von "89 Ghost" (Gespenst) auftaucht.

Gleichwohl ist im Schaffen des Künstlers gegenwärtig auch mehr Platz für spielerische Ideen. So begegnet man in der Ausstellung erneut einer Erinnerung an Dali, indem Schieferdecker eine von dessen Frauenfiguren so verfremdet, dass sich auf den kleinen Blättern ihm und dem Publikum vertraute und bereits thematisierte Personen wie Marwa und Jorge Gomondai, die beiden jüngsten Dresdner Opfer rassistischer Verblendung, die Protestlerinnen von Pussy Riot, aber auch Gerhard Richter oder die Dresdner Künstlerin Moni West (Heller) "eingefunden" haben. Das "Spiel" mit Hintersinn setzt sich bei dem Trio "Exodus", "Fremdes Eigentum" und "docu east" fort. Dazu animiert hatte ihn ein Sperrmüllhaufen gegenüber seinem Wohnhaus. Schwarzer Hintergrund setzt das fotografierte "Objekt" wirkungsvoll in Szene. Als Betrachter denkt man zuerst - ganz naheliegend - an Auszug (Exodus). Dass Schieferdecker auch versteckt seine Position zur Documenta 12 ausdrückt - darauf kommt man nicht so schnell. Sinnbildhaft kleidet er dafür den Sperrmüllhaufen in einen kostbar erscheinenden Rahmen und nennt ihn "docu east". Unabhängig davon könnte man aber auch andere Interpretationen finden, etwa an "Abbau Ost" denken.

Der Betrachter ist bei den Arbeiten Schieferdeckers immer gefordert. Das ist durchaus angenehm in einer Welt des oberflächlichen Scheins, den man erst einmal in der Lage sein muss zu erkennen, damit man den Dingen auf den Grund gehen kann. Unter anderem Werke wie die gezeigten helfen, die dafür nötige Wachheit zu fördern.

Bis 21. November, Galerie Rahmen & Bild, Bautzner Landstraße 28. Di-Fr 10-13 und 15-18, Do-19 Uhr. www.arlt-bilderrahmen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.11.2014

Lisa Werner Art

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