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Ulrich Schacht mit "Platon denkt ein Gedicht" und "Grimsey" im Neuen Sächsischen Kunstverein

Widerstandsreservoir Heimat Ulrich Schacht mit "Platon denkt ein Gedicht" und "Grimsey" im Neuen Sächsischen Kunstverein

Geprägt hat sich Ulrich Schachts Vorstellung von Heimat in Wismar, in Kindheit und Jugend. Die Hansestadt am Meer nennt der Schriftsteller den „Quellort meines ästhetischen Weltverhältnisses“.

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Geboren im Frauengefängnis, aufgewachsen in Wismar, wohnhaft in Schweden: Ulrich Schacht.

Quelle: Foto: Archiv

Es ist ein stilles Buch. Geprägt hat sich Ulrich Schachts Vorstellung von Heimat in Wismar, in Kindheit und Jugend. Die Hansestadt am Meer nennt der Schriftsteller den „Quellort meines ästhetischen Weltverhältnisses“. Das Frauengefängnis im sächsischen Hoheneck hingegen, wo ihn seine dort inhaftierte Mutter 1951 geboren hat, hinterließ als zufälliger Ort keine tiefere Bedeutung. Nur die, dass er früh DDR-Ideologie und Wirklichkeit unterscheiden lernte.

Im Gespräch mit Buchhändlerin Susanne Dagen in der Lesereihe des Neuen Sächsischen Kunstvereins erzählte er von Spaziergängen als Jugendlicher durchs nächtliche Wismar. Was ihn mit einer Gewissheit wappnete: Straßen, Gebäude, eine 800 Jahre alte Kirche - das hatte Geschichte und Zukunft. Die Gegenwart, die Zumutungen der Ideologie konnten ihm da nichts anhaben. "Diesen Wert müssen wir in den Städten wiederbeleben. Weil er vom totalitären Anspruch der Gegenwart dementiert wird." Der Philosoph Ernst Bloch schloss 1959 sein Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung" mit dem Hinweis auf das, was erst entstehen werde in der Welt, etwas, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat." Nein, polemisiert Schacht, umgekehrt sei es: "Heimat - da waren wir drin. Dieser Ort der Kindheit scheint ins Leben und wird zur Utopie."

Etwas davon hat er auch in Hamburg gefunden, wo er nach seiner Entlassung aus politischer Haft und aus der DDR lebte. Schließlich in Schweden, wo er seit 1998 zu Hause ist. Ein Land, durch Fäden der Historie mit Wismar verbunden.

Heimat ist für ihn konkret, elementar. Umfasst Familie, Traditionen von Stadt und Glauben. Was Dresden in dieser Hinsicht birgt, davon hat er einiges 2007, während seiner Zeit als Stadtschreiber, entdeckt. Festgehalten im Gedichtzyklus "Abend Landschaft Dresden". Den finden wir in seinem neuen Gedichtband "Platon denkt ein Gedicht": "ins Nichts / gesprengte / Stadt und wie sie / zurückkehrt ins mögliche / Leben".

Heimat - das ist für ihn heute ein "Widerstandsreservoir". Gegen eine ökonomisierte kapitalistische Moderne, die den Menschen heimatlos, unbegrenzt mobil und flexibel macht, zu einer "Produktions- und Konsumptions-Monade".

Um die Suche nach einem Ort, der existenziellen Halt bietet, geht es in seiner neuen Novelle "Grimsey". Dies ist der Name einer winzigen Insel nördlich von Island, am Polarkreis. Dorthin folgen wir einem Fotografen, der in Hamburg allein lebt mit seiner Tochter. Sein Lebensweg erinnert in vielem an Ulrich Schachts Biografie. Dieser Mann sucht Inseln hoch im Norden nach Fotomotiven ab.

Hier jedoch geschieht ihm Seltsames: Alles, was er sieht und hört, löst nie gekannte Assoziationen aus. Er sieht einen Jungen: sich selbst in seiner Kindheit. Erinnert sich, wie er der Zeit einst "Spielsphären" abtrotzte, "in denen sich ihr Fluß staute, Ruhe einkehrte, Stille". Ein Bild von damals kehrt wieder: "Eine Insel, nur von Gras überzogen, und ein Haus darauf, in das ich gehen kann oder aus dem ich komme, um vor dem Meer zu stehen." In Grimsey entdeckt er das. Es ist die Rückkehr an den Ausgangspunkt einer nie aufgegebenen Gewissheit. "Sein Traum, in den er sich eingeübt hatte, abseits der Welt der Erwachsenen, aber nahe bei den vier Elementen, hatte einen Ort in der Welt, aber er war allein ans Ziel gekommen."

Es ist ein stilles Buch. Nichts für Leser, die äußerliche Dramatik, einen knackigen Plot bevorzugen. Hier begreift man, die wahren Abenteuer spielen sich tief im Inneren ab, in der Seele. Wir begleiten einen Menschen, der stets eine Textauswahl der Vorsokratiker in der Tasche mit sich trägt, einen nachdenklichen, philosophischen Betrachter.

Es ist eine Prosa mit Szenen, die erst in der Erinnerung existenzielle Bedeutung erlangen. Poetische Beschreibungen, die uns das Staunen über eine karge Landschaft lehren. Beunruhigende Bilder schieben sich dazwischen: eine Kirche, die zu einem Friedhof toter Fliegen geworden ist, das Massaker an Walen und überall verendete Möwen.

Seine Faszination für Waffen, das Töten von Vögeln lässt den Mann vor sich selbst erschrecken. Immer waren es die Kriegsspiele, die sie als Kinder begeisterten. Zu kämpfen für ein Ziel schien leichter. "Frieden hatte kein Ziel, er war eins." Erkenntnisse eines ganzen Lebens, verdichtet auf wenige Stunden.

Ulrich Schacht: Platon denkt ein Gedicht. Edition Rugerup. 128 Seiten, 19,90 Euro. Grimsey. Aufbau. 189 Seiten, 19,95 Euro.

Tomas Gärtner

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