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Ulrich Bischoff, Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Neue Meister, scheidet nach 19 Jahren aus dem Amt

Ulrich Bischoff, Direktor der Dresdner Gemäldegalerie Neue Meister, scheidet nach 19 Jahren aus dem Amt

Nach einem zweiteiligen Werk von Gotthard Graubner hat die Galerie Neue Meister zum Abschied ihres Direktors noch ein weiteres bedeutsames Geschenk erhalten. "Ulrich Bischoff öffnete die Galerie Neue Meister richtungsweisend für die Kunst der Gegenwart", lobt Vorstand Petra von Crailsheim namens des Freundeskreises MUSEIS SAXONICIS USUI, der das Gemälde "Sommerwiese, B 11/12" von Eberhard Havekost für die Galerie erwarb.

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Ulrich Bischoff im Lipsiusbau mit dem Eberhard-Havekost-Bild "Sommerwiese B11/12", das als Geschenk in die Neuen Meister kam.

Quelle: Dietrich Flechtner

Auch bei der speziell auf das Zeitgenössische orientierten Gesellschaft für Moderne Kunst e.V., die zahlreiche Kunstwerke als Leihgaben für die Galerie erworben hat, kann sich Bischoff wohl ähnlicher Resonanz sicher sein. Und doch waren Verlauf und Ende seiner Amtszeit nicht das, was man sich als Direktor eines bedeutenden Kunstmuseums erträumt. Kritische bis ablehnende Töne verstummten auch nicht am Rande der Eröffnung für seine doch unbestreitbar gelungene Abschiedsausstellung.

Es ist vielleicht nicht ganz fair, einen Vergleich zu Harald Marx zu ziehen, aber der wurde mit einem Festakt in der Semperoper als Chef der Alten Meister verabschiedet, Abschlussausstellung und zugehöriger Katalog fielen - quantitativ - ebenfalls zwei Nummern größer aus. Dabei hatte der aus Berlin stammende Ritter der französischen Ehrenlegion fast sein gesamtes Gelehrtenleben den Staatlichen Kunstsammlungen gewidmet, doch sein um fünf Jahre jüngerer, in Bremen aufgewachsener Kollege hatte, man glaubt es kaum, sein Amt 19 Jahre und damit noch länger inne.

Den Titel für sein Finale hätte sich Bischoff abschauen können: Auch was er jetzt zeigt, sind Wunschbilder, lebt in der Spannung zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit. Doch er ist kein hintersinniger Feinironiker, kein subtiler Erforscher von Metaphern der (Kunst-)Geschichte, sondern versteht sich vielmehr als eine Art als Aufklärer. Hartnäckig ist er seinen Weg gegangen, einen Weg voller Irritationen und Missverständnisse, voller Konflikte und Probleme in und mit dem Haus, dem er vorstand. Und so steht die Überschrift seiner letzten Ausstellung passend für seine Amtszeit, auch in dem Sinne, dass da streng genommen eine "Erschütterung der Sinne" weniger stattfindet als zur jeweiligen Zeit ein Widerstreit oder Aufruhr der Gefühle, eine Erregung der Gemüter. Das englische "A shock to he senses", als "schockierende Wahrnehmung" übersetzt, trifft besser - und tatsächlich hat Bischoff mit seiner Art der Wahrnehmung immer wieder schockiert. Das Schockierende sei immer das Fremde, das (jeweils) Zeitgenössische, sagt er selbst. Doch, und das könne man besonders an den Franzosen oder bei den Romantikern lernen, die Begegnung mit fremden Kulturen sei Voraussetzung, um sich selbst (d.h. auch untereinander) besser zu verstehen.

Er selbst kam seinerzeit als Fremder, Zeitgenössischer sowie auch als Übersetzer, nämlich der westeuropäischen, speziell der amerikanischen Kunst, mit der er sich in seiner Westberliner Zeit besonders ausgiebig beschäftigt hatte. Die brachte er mit, neben einer Neugier, die sich in scharf gezogenen Grenzen hielt. Sie richtete sich auf alles Neue, nur nicht auf das, was seiner Meinung nach an den Künstlerstammtischen und in den Kunstvereinen der Dresdner Provinz en vogue war. Auch die "Brücke" habe sich hier seinerzeit gegen die Etablierten durchsetzen müssen. Freilich herrschte, als Bischoff nach Dresden kam, nicht die Agonie der Kaiserzeit, auch nicht die am Ende der DDR, sondern immer noch Auf- und Umbruchstimmung. Und was er tat, wirkte nicht selten so, als würde er einem kurz vorm Aufsteigen befindlichen Ballon den Brenner abstellen. Der unterstellenden Folgerung dieses Bildes, er habe nur heiße Luft darin gesehen, würde er allerdings vehement widersprechen.

"Um den Verteilungskampf der Kräfte vor Ort, die Anerkennung schon hatten, habe ich mich nicht geschert", konstatiert er unverblümt. Als er Arbeiten des Dekonstruktivisten Gordon Matta-Clark und der Fotografin Louise Lawler nach Dresden brachte, sah der damalige Generaldirektor Werner Schmidt, der als verdienstvoller Förderer und Bewahrer zeitgenössischer Kunst gerade erst vom ständigen Zwang zu Konspiration und diplomatischen Winkelzügen befreit war, seine Arbeit wie die Wertschätzung seiner Protagonisten in Frage gestellt, und er verfluchte den Geist, den er selbst mit gerufen hatte. Dabei war er nur einer von vielen, die das ähnlich sahen. Die sich zunächst durch eine andere Sichtweise und Ästhetik provoziert sahen, in der Folge aufgrund der veränderten Kräfteverhältnisse und Deutungshoheiten ihrer eigene Biografie und Geschichte entfremdet sahen und sehen. Beleg für diesen Konflikt waren, insbesondere seit der Wiedereröffnung des Albertinums, auch etliche Beiträge renommierter Autoren in dieser Zeitung.

Diese Überlagerung der Begriffe und Befindlichkeiten, von Fremdheit und Entfremdung ist wohl das besonders Unglückliche, ja wohl in manchem Fall Tragische der Zeit, und das hat auch mit dem Vermächtnis der Autonomen in der DDR zu tun, die mit ihrer Kunst einer Verödung und Verflachung der Lebens- und Schönheitsideale, ja der sozialen Utopie widerstanden und eigene Entwürfe wagten, die wie etwa bei A.R. Penck oft realitätsnäher waren als die eines Joseph Beuys. Freilich in einem ganz anderen Umfeld und indem zunächst an (zeitweise verpönte) Leistungen der Klassischen Moderne angeknüpft wurde, insbesondere Cezanne, van Gogh, Beckmann zu ihren Vorbildern nahmen und auf ihre Weise den Widerspruch zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion lösten - je nachdem viel weniger provokant, distanziert oder transzendent als die Kollegen im Westen. Die westlich geprägte Gesellschaft hat freilich die klassische Moderne ganz unabhängig davon in ihren ästhetischen Kanon integriert, und so besteht an einer ganz spezifischen Leistung der "Ostkunst" scheinbar kein Bedarf.

Das lässt sich gerade auch an der jüngsten Generation sehen, die derzeit im Lipsiusbau anhand von Erwerbungen des Kunstfonds vorgestellt wird. Bischoff saß selbst längere Zeit in der Jury, die sich Mitte der 90er Jahre darauf verständigte, unabhängig von Herkunft und Nationalität des Künstlers "aus dem was hier, in Dresden Leipzig und Chemnitz produziert wird, das Beste so früh wie möglich bei niedriger Preisgrenze zu erwerben". Im Ergebnis sieht er eine Ausstellung "auf höchstem Niveau, fast auf dem der deutschen Gegenwartskunst". Doch hinter der Stärke vieler einzelner Arbeiten lauert in der Gesamtheit eine Monotonie - die der um sich greifenden Angst, dass der Mensch aus der von ihm selbst eingerichteten Welt herausfällt. Der Bruch mit der regionalen Tradition scheint vollständig.

Wer Anknüpfungspunkte sucht, wird sie indes im Albertinum finden, zumal in den ehemals vom Grünen Gewölbe genutzten Räumen. Was hier offiziell unter dem Titel "Geteilt | Ungeteilt" als Sonderausstellung läuft, ist für Bischoff Teil seines permanenten Gesamtkonzepts: das Museum als Werkstatt und als Bühne, auf der immer neue Akteure auftreten und im Grunde nur wenige Positionen ständig präsent sind. Nämlich jene, die wie Caspar David Friedrich, den Bischoff spontan zuerst nennt, für ihn ohne Zweifel Weltkunst repräsentieren. Wie auch "sicherlich Gerhard Richter, der sich ja schon seit den 60er Jahren ununterbrochen behauptet." Auf den Vorwurf der Überpräsenz reagiert er präventiv: den könne man ihm nicht machen, denn das sei wie bei Baselitz nicht seine eigene, sondern höhere Politik gewesen. "Ich hätte ja nie die Möglichkeit gehabt, diese beiden Künstler zu holen, wenn das Martin Roth nicht gemacht hätte."

Dass sich zwischen Georg Baselitz und Paula Modersohn-Becker kein Platz für eine überzeugende Inszenierung findet, sondern eine willkürlich wirkende Folge von Fragmenten, kann man Bischoff ankreiden; dass sich für den Besucher die Verbindung zu den Zeitgenossen eine Etage tiefer nicht recht herstellt, räumt er selber ein, wenn er von "einer Art Blinddarm zwischen zwei Schaudepots" spricht. Überhaupt nicht akzeptieren könne er die Ansicht, er habe mit der Gliederung in einen östlichen und einen westlichen Strang den trennenden Strich im Bewusstsein wieder verstärkt. "Ich wollte einen tollen Dialog aus der Gegenüberstellung machen", erklärt er zu der Schau, die eigentlich seine Idee für die Wiedereröffnung des Albertinums gewesen sei, und verweist besonders auf die Nähe von Graubner zu Wilhelm Müller und Karlheinz Adler. Das Uhlig-Gemälde, das er selbst für die Galerie erworben hat, sei "das Beste, das wir von ihm haben". Arbeiten von Max Uhlig und Eberhard Göschel, Peter Graf schätzt er so stark ein wie die frühe Penck-Gruppe, und das seien die "Kerne", auf die er bewusst hingearbeitet habe. Bis dahin war es ein langer Weg mit schwierigen Auseinandersetzungen, und trotzdem gilt aus seiner Sicht für sie wie für Tübke, Mattheuer, Heisig, was er für Hermann Glöckner formuliert: "Er war ein Superstar in der DDR, aber im europäischen Maßstab ist er ein regionaler Künstler. Und das ist natürlich bitter." Nein, ein besonderer Diplomat ist er nicht gewesen, und so lässt man ihn auch für die Striche büßen, die die Politik durch seine Rechnungen gemacht hat. Die Stichhaltigkeit seines Urteils darf und muss selbstverständlich, z.B. auch anhand der beiden aktuell präsentierten Bilder von Luc Tuymans, überprüft und hinterfragt werden. Als gemeinsamer Nenner bleibt die Einsicht, dass darüber langfristig die Zeit entscheiden wird. Mit dem, was nach ihm kommt, sieht er kein Problem, nicht auf seinen Nachfolger bezogen und erst recht nicht auf Generaldirektor Hartwig Fischer, der Bischoffs Abschiedsausstellung wohl nicht zufällig bescheinigte, sie sei weniger ein Abschied als vielmehr ein Anfang.

Auch insofern scheide er mit einem guten Gefühl, bekennt Bischoff, der u.a. dank einer Honorarprofessur an der TU Dresden direkte Verbindung zu seiner Arbeitsstelle behalten wird. "Dresden war für mich eine Horizonterweiterung und ich betrachte es als große Bereicherung in meinem Leben, dass ich diese alte Kulturmetropole in verschiedenen Schichtungen habe kennenlernen dürfen. Je länger die Zeit fortschreitet, um so mehr wächst der Respekt gegenüber dem, was dagewesen ist."

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.03.2013

Petzold, Tomas

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