Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Über kleine Verhältnisse: Wulf Kirsten stellte Gedichte und Lyrikanthologie in Dresden vor

Über kleine Verhältnisse: Wulf Kirsten stellte Gedichte und Lyrikanthologie in Dresden vor

Fülle heißt die Lust des Sammlers, Beschränkung seine Not. Ginge es nach ihm, könnte der Dichter Wulf Kirsten bis in die Nacht hinein Gedichte vortragen und die Geschichten ihrer Verfasser erzählen.

Voriger Artikel
Russische Exponate für Dresdner Stalingradausstellung eingetroffen
Nächster Artikel
Peter Kube und Tom Quaas spielen Barlows "Messias" auf dem Theaterkahn in Dresden

Allein, er muss immer wieder weglassen an diesem Leseabend in der Villa Augustin. "Ich kann nur Proben von Proben geben", entschuldigt er sich ein ums andere Mal, in der ziegelsteindicken Anthologie "Beständig ist das leicht Verletzliche" blätternd. Diese, wie Moderator Norbert Weiß sie nennt, "monumentale" Auswahl, im Untertitel "Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan", hat Wulf Kirsten 2010 beim Ammann-Verlag herausgegeben. Seit dessen Auflösung vertreibt sie S. Fischer (1120 S., 79,95 Euro).

Das Besondere daran: Wir finden nicht nur die bekannten Namen. Wulf Kirsten will einen "Zeitspiegel" geben, wie er sagt. "Es ist der Versuch, die Genesis der Moderne darzustellen." Texte sind für ihn ausschlaggebend; was einer an Stoffen, Motiven, an Sprache beigetragen hat. Prominenz der Person spielt keine Rolle. Alle sind sie gleich vor dem Auge dieses Sammlers. An ihren Versen sollen wir sie erkennen. Eine beeindruckende Unbeirrbarkeit, die diese Anthologie auszeichnet. Lyrik ist für diesen Sammler ein Feld der Entdeckungen. Sein Staunen über Gelungenes teilt sich mit. Keine Scheu vor der zweiten oder dritten Reihe, vor den Unbekannten. Selbst wenn sie nur einen einzigen Gedichtband veröffentlichten, manches nur in Zeitschriften. Ein gültiger Text reicht fürs Bewahrtwerden.

Inspiration bezieht Wulf Kirsten mehr aus dem Blick nach außen denn nach innen. In der Sprache seiner eigenen Lyrik ganz besonders. "Finden ist wichtiger als Erfinden", meint er. In seinem neuen Band "fliehende ansicht" (S. Fischer, 80 S., 16,99 Euro), den er im zweiten Teil des Abends vorstellte, widmet er ein ganzes Gedicht zwei Worten, die ihm an einem Morgen nach Heiligabend einfallen: "trübetimpelig" und "bedript". Diese "morgeneingebung" ist keine Wortneuschöpfung, sondern Entdeckung von Vergessenem: In Wörterbüchern findet man sie - so oder so ähnlich.

"Die deutsche Sprache ist so reich, das wissen die meisten nur nicht", bemerkt er. Durch Sprachreichtum bestechen auch diese neuen Gedichte, entstanden in den Jahren 2005 bis 2011. Als Leser sieht man sich durch eine Fülle an Bildassoziationen bereichert. Überrascht durch Spiele mit dem Klang von Worten, die Kunstfertigkeit, dabei sehr viel aufs äußerste komprimiert zu sagen. Über Dorfbewohner beispielsweise: "grundständig, aber bodenlos abgründig".

Stets nehmen uns diese Gedichte nach draußen mit, in Landschaften, Dörfer. Verschaffen uns Begegnungen mit ihren unscheinbaren Bewohnern, deren Leben spurlos zu vergehen pflegen: "gutgläubige / habenichtse". Eines der Gedichte trägt den bezeichnenden Titel "kleine verhältnisse". In einem anderen sehen wir einen namenlosen Hausmeister, arbeitslos, Laub kehren "um der arbeit willen". Von dessen Beschreibung gelangt der Dichter zu den großen Fragen: "irgendwas stimmt nicht / in dieser weltordnung". "gerechtigkeit" gehört zu seinen Grundvokabeln. Er reflektiert über Eigentum und Eigentümer. Dies verleiht seiner Lyrik philosophisches, politisches Gewicht.

Häufig vergegenwärtigt er die Welt seiner Kindheit. Und sieht, was verschwindet, Häuser zum Beispiel. Wie das die Landschaft, Dorfansichten verändert. Im letzten Gedicht des Bandes variiert er eindrucksvoll düster ein berühmtes Eichendorff-Gedicht. Wenig verheißungsvoll entlässt er uns mit den Schlusszeilen: "es war, als hätt der himmel / die menschheit endgelagert".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2012

Tomas Gärtner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr