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Tzveta Sofronieva im Hygiene-Museum Dresden: Vom unabgesicherten und vom glücklichen Verweilen

Tzveta Sofronieva im Hygiene-Museum Dresden: Vom unabgesicherten und vom glücklichen Verweilen

Menschen, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, wissen, dass Wörter keine Ziegelsteine sind, unabänderlich in die Welt gebrannt. Nichts Abgeschottetes, sondern Sinn und Klangmaterial, die einander berühren.

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Tzveta Sofronieva ist viel rumgekommen. Heute lebt sie in Berlin.

Quelle: Boris Tzankov

"Meine Ohren", heißt es einmal bei Tzveta Sofronieva, "unterscheiden nicht zwischen O und Oe, Ä von E und A von Ah". Sprache ist wandelbar, und das Bezeichnete kann in jeder Sprache anders, manchmal sogar irritierend anders klingen.

Mit diesem Wissen der Unabgesicherheit von Sprache ist die 1963 in Sofia geborene Wissenschaftlerin und Dichterin Tzveta Sofronieva, die, nach Aufenthalten in den USA, Kanada und England, heute in Berlin lebt, groß geworden. Es ist in ihr literarisches Werk eingeschrieben. Und in ihr Leben nicht minder: "Wir mieten von der Welt ein Sofa, eine Tür, / ein Kissen, einen Obstbaum, Flügel und ein Boot, / nennen es Zuhause." Gedanken, die sie in ihrem Gedicht "Taufe" notiert. Mit jedem Ortswechsel, heißt es dort, stehen wir "vor einer neuen Taufe. / Und viele Arten Wasser warten auf uns. Und jedes Mal/ erschreckt uns die Berührung mit dem Taufbecken."

Mit einem Gespräch mit dem Nobelpreisträger Joseph Brodsky, den sie selbst kennenlernte und dem sie die Frage in den Mund legt, was eine Frau "nach Achmatova" überhaupt noch sagen könne, beginnt ihr Band "Landschaften, Ufer" (Carl Hanser Verlag). Und mit einer der "vielen Arten" Wassers, dem des Ionischen Meeres, der Kühle der Wellen dort, die ans Ufer von Ithaka schlagen, die Felsen der Insel "wie Blätterteig gefaltet". Eine "Bibliothek von Epen" sieht sie an diesem Ort aufgehoben, und: "keiner wartet auf mich in Ithaka". Ihre Kindheit hat die Dichterin in Bulgarien verbracht, ein Kapitel ihres Buches erzählt von diesen "Spiegelungen einer Kindheit" und von dem Ort Rustschuk an der Donau, den Wochen "glücklichen Verweilens", die mit Besuchen in der Heimat einhergehen. Dann erfüllt die Dichterin das Gefühl, endlich Worte zu haben: "meine Sprache und mein Tag haben zusammengefunden".

"Worte suchen sich die Nachbarn aus, / Menschen nur den Ort", schreibt sie. Sofronieva ist den Worten auf der Spur, in mehreren Sprachen (sie selbst spricht fünf). Manchmal fällt sie in einem Gedicht von einer Sprache in die andere, bricht die Worte zu Silben auf, die neuen Sinn ergeben.

Und dann fiel ihr auf, dass es in jeder Sprache andere Worte sind, die man, bewusst oder unbewusst, vermeidet auszusprechen. Sofronievas Netzwerk über das Gedächtnis der Worte in der Mehrsprachigkeit, das sie initiierte, entspringt dieser Entdeckung. "Verbotene Worte" heißt dieses Netzwerk, das Worte wie "Seele", "Heimat", "Trost", "Sehnsucht" und viele andere mehr als verboten markiert, Worte die, etwa durch die Ideologisierung des politischen Lebens in den späteren 60er Jahren, als belastet galten. In vielen Ländern, so die Dichterin in einem Essay, wende sich die Literatur von bestimmten Begriffen ab, die sie gern vergangenen Epochen überlassen wolle. Über das Für und Wider solcher "Verbote", die einer Art inneren Zensur gleichkommen, habe sie sprechen und einen Austausch in Gang setzen wollen. Das Netzwerk und eine Anthologie mit Texten von Autoren aus zehn europäischen Ländern sind hervorgegangen ist ("Verbotene Worte", Biblion Verlag).

Zu welchem Ergebnis kommt die Dichtkunst der Tzveta Sofronieva? Vielleicht zu dem, dass wir uns, in der modernen Welt zwischen Sprachen und Identitäten wandernd, nur selbst retten können: mit Phantasie, Poesie und unserer Fähigkeit zur Imagination: "Wir selbst sind kleine Gedichte einer Wahrnehmung / gefangen nur in den eigenen, frei erfundenen Netzen."

Über die Kraft der Dichtkunst, über verbotene Wörter und über das Leben in der Mehrsprachigkeit wird Patrick Beck mit Tzveta Sofronieva sprechen, wenn die Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, die 2010 Author-in-Residence am renommierten Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin war, am 15. April als Gast der Reihe "Literarische Alphabete" des Literaturforums Dresden zu einer Lesung ins Hygiene-Museum kommt.

Lesung und Gespräch am 15. April im Hygiene-Museum in der Reihe "Literarische Alphabete" mit Tzveta Sofronieva (auf Deutsch). Der Eintritt kostet sieben und ermäßigt drei Euro. Die Veranstaltung wird gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank und der Landeshauptstadt Dresden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.04.2015

Volker Sielaff

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