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Tür an Türmit Aliceund anderen

Tür an Türmit Aliceund anderen

In ihrem Debüt-Prosatext "Bin nebenan. Monologe für zuhause" blickt Ingrid Lausund durchs Schlüsselloch auf Parallelwelten und gibt auf tragikomische Art das wieder, was sie dort "sieht".

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Angela Schlabinger

Überspitzt skizzierte Gestalten, die mit unterschiedlichem Sprachstil häusliche Nabelschau betreiben. Im Societätstheater hatten nun die "Monologe hinter häuslichen Kulissen" unter dem kurzen Titel "Zuhause" in der Regie von Thomas Stecher Premiere. Das mit den Parallelwelten wird hier wörtlich genommen. Ein durchdachtes Schild-Farb-Ansteckkärtchen-System teilt die Zuschauer vor der Vorstellung in vier Gruppen auf. Zwei grüne A- und B-Gruppen und zwei rote (diese Farbeinteilung hat nichts mit der Wahl in Berlin zu tun). Die Zuschauer jeder Farbgruppe sehen dieselben sechs Monologe - mal zusammen, mal getrennt und zeitversetzt. Das heißt: Man kann nur die Hälfte der zwölf Monologe erleben. So gesehen handelt es sich hier auch um eine halbe Rezension - die "grüne". Monologisiert wird im ganzen Haus. Die sechs Darsteller haben sehr viel zu tun: Angela Schlabinger, Beate Laaß, Juliane Beier, Matthias Manz, Thomas Stecher und Felix C. Voigt.

Die Programmhälften haben einen gemeinsamen musikalischen Start und ein Ende im Foyer. Zum Auftakt kam Smokies Klassiker "Living next door to Alice". Den "grünen" Monolog-Start machte Angela Schlabinger mit "Badezimmer" im Großen Saal. Sie thront auf einem Hocker über Schaum und schwärmt von einem italienischen Palazzo-Bad mit Carrara-Marmor, in dem sie sich als venezianische Prinzessin im Wohlfühlhimmel sieht. Sie ist außerdem Badekugel-Junkie und redet sich ein, sie sei "ganz bei sich in der Mitte". Das Ganze klingt zu überdreht, um gut auszugehen. Und siehe da - der schwarze Mann, den sie sich als Diener oder Gebieter in Afrika-Klischee-Kulisse herangeträumt hat, steht da als Geist eines ertrunkenen Flüchtlings, und er hat noch andere schwarze Familien mitgebracht, und die versauen das ganze gemütliche Palazzo-Ambiente. Auch wenn sich die politische Korrektheit ein bisschen zu sehr aufdrängt, zeigt Schlabinger den Wahnsinn zwischen Wohlstandshysterie und schlechtem Gewissen.

Ähnlich beginnt "Esstisch", gespielt im Fahrstuhl von Beate Laaß, als zu idyllisch, um wahr zu sein. Eine Frau, die durch ihre Wohnung führt und alles schön findet: die Küche, das Wohnzimmer mit Kamin, das Schlafzimmer mit noch einem Kamin. Und der neue Esstisch kommt morgen. Doch sie packt schon ihre Tasche - da ist noch jemand in der Wohnung, ihr Freund oder Mann, aber da gibt's nichts Gemeinsames mehr, jeder in seiner Ecke, kalte Zweisamkeit. Einer der überzeugendsten Monologe des Abends. Leise, melancholische Töne schlägt Thomas Stecher in "Grundstück" an, eine Art Todessehnsucht eines überall fremd Gebliebenen, ein Leben "ohne Götter, ohne Zentrum", und ausgerechnet an einem Grab zwischen Autobahn und Tiermehlfabrik muss so eine Existenz enden. Der Mann in "Sammeltassen" hat offenbar nicht alle Tassen im Schrank. Felix C. Voigt lässt ihn unruhig im Foyer hin und her hasten und wirre Theorien faseln. Sein Leitmotiv: "Das hat sich alles sehr geändert hier." Kein Wunder, denn der Mann, offenbar ein geistig verwirrter Wissenschaftler, wähnt sich in seinem Institut, befindet sich allerdings wohl in einem Einkaufszentrum. Ein dichter Monolog, leider zu lang.

In "Accessoires" wird der Charakterzug "berechnend" ausgedrückt. Juliane Beier präsentiert Mobiliar und Nachbarn, nennt aber nicht Namen, sondern Zahlen für Preise und Finanzwerte. Im Monolog "Bett" schließlich zeigt Matthias Manz einen armseligen, etwas zurückgebliebenen Jungen, der ewig gedemütigt und verstoßen wurde und nun stolz auf seine eigene Wohnung mit eigenem Bett (darunter gehortete Vorräte für den Notfall) ist. Rührend ist diese Gestalt, doch der Monolog zieht sich auch etwas in die Länge.

Die Logistik der Inszenierung bietet hier und da kleine Zeitlücken - gut fürs Publikum. So kam unsere "grüne" Gruppe in den Genuss des "roten" Monologs "Fernseher"von Felix C. Voigt. Hier konnte im Unterschied zu den meisten anderen Monologen mit Betroffenheitsfaktor hemmungslos gelacht werden. Nahezu real ist dieser Typ in cooler Sonnenbrillen-Breitbein-Sitzhaltung. Die Freundin ist weggefahren. Er kann nun ganz bei sich sein, was auch direkt körperlich gemeint ist. Das Klischee von empfundener Männerfreiheit: essen (Holzfällersteak von der Tankstelle, garantiert vitaminfrei), rauchen, fernsehen. Doch dieses Idyll hat Grenzen - die vier Stunden vor Rückkehr der Freundin werden zur Spurenbeseitigung reserviert.

Ein geteilter, aber gelungener Abend, der Lust auf die andere Hälfte der Monologe macht. Bistra Klunker

nächste Aufführungen: 7. & 8.10.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.09.2011

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