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Tüftler mit Liebe zum Detail: Frank Kunerts "Wunderland" in der Galerie art+form

Tüftler mit Liebe zum Detail: Frank Kunerts "Wunderland" in der Galerie art+form

Hobby-Theologen haben es schon immer geahnt: Gott ist auch nur ein Mensch! Den fotografischen Beweis dazu erbringt Frank Kunert, dessen Ausstellung "Wunderland" derzeit in der Galerie art+form in der Dresdner Neustadt zu bewundern ist.

Kunerts inszeniertes Bild bietet einen kleinen Blick in die Werkstatt des Allmächtigen, in der es aussieht wie in Papas Hobby-Keller: Ein Globus scheint als Arbeitsvorlage auf dem Tisch platziert, Skizzenblock und Werkzeug liegen ebenso in Reichweite wie ein Kasten Bier, und der Schöpfer des Universums ist in einen Do-It-Yourself-Ratgeber vertieft, den er auch noch falschrum hält. Das erklärt einiges!

Kunerts Bilder, deren Programm er selbst mit sympathischem Understatement als "Gestaltung und Fotografie kleiner Welten" umschreibt, suggerieren, dass seine kleine Gotteshommage vielleicht eine Art Selbstporträt ist. Hier wie da ist ein sympathischer Tüftler am Werk, der einer graugedeckten Wirklichkeit skurrile Beobachtungen abluchst und sie zugleich mit schelmischem Blick invertiert. Seine Modelle - von denen ebenfalls einige in der Galerie ausgestellt sind - erstellt Kunert in akribischer Kleinarbeit mit Säge, Schere, Farbe und Leim, die Analogkamera findet dann den richtigen Winkel, um eine ebenso absurde wie poetische Miniatur festzuhalten: einen Adventskalender, der im Dezember geschlossen hat, oder eine Vision vom Jenseits als Bahnhof mit Wartesaal, wo es zunächst gilt, sich für die große Fahrt ins Blaue am Ticketschalter anzustellen.

Der Betrachter fühlt sich an die fantasievollen Verfremdungen eines Boris Vian erinnert, das Kokettieren mit Verniedlichungseffekten im Verbund mit einer ernsten Botschaft teilt er mit dem australischen Animationsgenie Adam Elliot ("Mary & Max", 2009). Wie bei letzterem täuscht auch bei Kunert das Handgemachte, vermeintlich Putzige auf den ersten Blick darüber hinweg, dass hier Utopie und Dystopie nah beieinander sind: Dass im Bild "Außendienst" inmitten einer schneebedeckten Einöde ein Schreibtisch mit allen Utensilien für einen möglichst drögen Tag im Büro (Leitzordner, Drehstuhl, schmuckloses Lämpchen) auf einem Hochsitz zu finden ist, stiftet nur im ersten Moment Landlust-Trost - auf den zweiten Blick bedauert man den Menschen, der hier seine Verbeamtung absitzen muss und auch wohl sonst ohne soziale Kontakte bleiben dürfte - über ein Telefon verfügt der Arbeitsplatz jedenfalls nicht. Da tröstet den Betrachter beinahe schon die Abwesenheit des Arbeiters selbst, denn Menschen treten auf diesen Bildern nur höchst selten in Erscheinung. Eine Rarität ist das glückliche Rotkäppchen, das sich gegen einen Besuch bei der Großmutter entschlossen hat - und nach einem Picknick im Wald selig unterm Baum döst.

Zumeist überwiegen in Kunerts Wohninseln biedermeierlicher Katalog-Charme und die sanfte Satire eines Jacques Tati, wenn auch ohne dessen Futurismus-Komplexe: Am "Dieselklavier" darf sich ein Autofahrer mit Lenker und Gaspedal austoben, in Kunerts "Live-Übertragung" paart sich muffige Stubenatmosphäre von anno dazumal mit drastischer Medienkritik, denn der Fernseher zieht sein Programm direkt aus dem Inhalt der Toilette im Stockwerk darüber.

Einige der Motive hat art+form schon geraume Zeit in Form von Postkarten im Programm, die Begegnung mit den größeren Formaten legt freilich noch mehr Finessen frei: man kann nun genau erkennen, welche Whiskey- Marken die glückliche Schafherde in der "Schottischen Fantasie" bevorzugt, und mit wie vielen schönen Details Kunert die Objektwelt auf Fantasiereise schickt - ein wenig wie die Kühe des amerikanischen Zeichners Gary Larson, die den aufrechten Gang üben und Konversation machen, sobald sie sich selbst überlassen sind und keiner hinguckt. Bei Kunert bringen Autos ein wenig Abwechslung in ihre überschaubare Erlebniswelt, indem sie sich an einer Art Kalorien-Tankstelle mit Schokolade übergießen lassen ("Sweet Dreams"), oder sie bewerben sich um "Erlösung", indem sie ins kircheneigene Parkhaus (!) einfahren - natürlich ist die Schranke unten, wenn Kunert auf den Auslöser drückt.

Ausstellung bis 27. August bei art+form, Bautzner Str. 11 www.artundform.de/frank-kunert_wunderland.html

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.08.2015

Wieland Schwanebeck

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