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Tssst-tseng-plock! - Matmos mit Martin C. Schmidt und Drew Daniel waren im Dresdner Beatpol

Tssst-tseng-plock! - Matmos mit Martin C. Schmidt und Drew Daniel waren im Dresdner Beatpol

Auf der Bühne der Führerstand. Oder das Cockpit, ganz wie man will. Jeff Carey - ein Typ aus Baltimore, der rein äußerlich besehen ohne Mühe auch als "Metal Head" in Wacken anreisen könnte - greift zum Joystick und setzt zu einem knapp halbstündigen Rundflug im Beatpol an.

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Matmos mit Martin C. Schmidt und Drew Daniel im Beatpol.

Quelle: Dietrich Flechtner

Doch er schwingt sich nicht etwa galant um die roten Säulen, tuschiert zart den Tresen, um in die Ohren der Zuhörer zu flattern, nein, Jeff Carey fliegt Kamikaze. Sein Pult ist beweglich, er kann die darauf befindliche Konsole genauso physisch steuern wie seine Musik extrem physisch ist. Links, rechts, hoch, runter - dazu brodelt hinter ihm ein Lichtblitz-Stroboskop-Orkan, aber eben auch nur von drei Ständern. Was nach pompösem Aufwand klingt, der Auf- und Umbauten für Stunden erfordert, entpuppt sich als hochgradig effizientes Gast-Spiel. Denn als Carey agiert, sind die Podeste, die Matmos später als Tische dienen, längst da und nach nur zehn Minuten Pause voll einsatzfähig. Gut, die Live-Kamera funktioniert nicht. Verzichtbar!

Jeff Carey also. Matmos hatten ihn nicht ohne Grund dabei, denn er passt unangepasst in ihre eigene so extrem spektralfarbige Kunst. Carey macht Lärm, nervösen, fern jeder Tonalität rasiermesserschneidenden Hardcore, verweigert sich jeder noch so fernen Ahnung einer Songstruktur, obwohl er das Material mit Song betitelt. Der Grad der Improvisation geht gegen 100 Prozent, auf Overdubs verzichtet er, scheint voll auf Instinkte und Eingebungen zu setzen, die er dem Computer serviert. Das Ergebnis ist vor allem roh. Und konkret. Ob nun akustischer Krieg, Wahnsinn, Musique desaströs, enervierendes Chaos oder Tag der Befreiung entscheidet der Zuhörer allein. Und die Abendform, die er mitbringt.

Es war in dieser heißen Pfingstnacht der harte Kern, der sich dem Wagnis Matmos aussetzen wollte. Es war keine Performance angekündigt, nichts mit Tanz, Farben oder geschreinerten Möbeln. Just Matmos, die sich auf der Bühne immer wieder neu überraschen wollen. Sie spielen keine aktuellen Platten herunter, bestenfalls nehmen sie Teile daraus her, Phrasen oft, das eine oder andere Tssst-tseng-plock! im 5.1.-Klang, um es neu zu verweben. Sprache spielt aktuell wieder eine bevorzugte Rolle. Drew Daniel und Martin C. Schmidt arbeiten mit Gedichten und auf Leinwand geworfene Visualisierungen, die Interaktion versprechen oder suggerieren. Ein sprechender Kopf zum Beispiel, der sich in den Konturen verändert, verzerrt wird, verschwimmt, so wie sich Matmos an einem Gedicht des Kanadiers Cristian Bök abarbeiten, Tonlagen und Geschwindigkeiten der Silben verändern, manipulieren, ihnen Sinn geben und nehmen, zur Flöte greifen und sie neben und auf Samples und Geräusche setzen. Ähnliches offerieren sie später in einer Hommage ans Klavier. Ohne Klavier. Hier spricht zunächst nur das Metronom auf dem Stuhl, das zum "Frontmann" wird und einen eigenen Lichtspot bekommt - von Schmidts Handy -

Daniel und Schmidt verschanzen sich in ihrer Stunde nicht eingebaut und unsichtbar hinter Ritterburgen der Technik, hinter Laptops, Tasten, Stöpsel, Kabel. Sie nehmen sich ihren eigenen Spaß nicht, weil sie ihn mit dem Publikum teilen. Martin C. Schmidt - galant in weißem Hemd und Schlips - agiert dabei durchaus mit Entertainer-Quali-täten fern jeder Bierernsthaftigkeit. Der schwere Kopf ist allein beim Entstehen und Konzipieren dieser experimentellen Musik gefragt. Live dominiert eine fast schon legere Lockerheit. Ob es ein wenig mehr "artsy" sein soll, fragt Schmidt. "Ihr könnt durchaus auch gehen, wenn ihr mögt. Ihr seid frei!" Was folgt, ist die Karikatur einer Dancefloor-Nummer.

Matmos' Songs - ja, auch sie nennen ihre Stücke so - verändern sich mit jedem neuen Rahmen, in den sie gehängt werden. In einer Galerie klingen Matmos anders als in einem schnieken Konzertsaal, in der Werkstatt anders als im Beatpol. Sie gehen mit der Zeit. Und vor allem mit sich selbst.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.06.2014

Andreas Körner

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