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Tschüss, ihr Kackbratzen! - Kurt Krömer im Alten Schlachthof in Dresden

Tschüss, ihr Kackbratzen! - Kurt Krömer im Alten Schlachthof in Dresden

War's dit jetz'? Kommt nun tatsächlich nüscht mehr? Bei Krömer, der derzeit mit dem Programm "Abschied! Die Tournee" durch die Provinz (ist aus Berliner Sicht ja alles andere uff der Welt) tingelt, weiß man ja nie.

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Kurt Krömer im "Schnuffelpulli" - was sagt Kleidung denn schon über den Charakter aus?

Fällt tatsächlich das Mikrofon aus oder handelt es sich um eine "Panne", damit er eine arme Sau von Techniker hinter dem Bühnenvorhang effektvoll mit einer Knarre, die sich "rein zufällig" im Schreibtisch fand, abballern kann?

Det Markenzeichen det Berliners ist die Kodderschnauze, det selbstjefällige Uffrejen über allet, wat ihm irgendwie zuwider ist. Es trifft die Bahn, die Bildzeitung oder auch Markus Lanz, nicht mehr die FDP, denn da hat er erreicht, was er wollte. Sie ist weg vom Fenster. Pöbeln, motzen, sich aufführen wie ein Kotzbrocken, das ist schwer trendy geworden. Die Trainer Streich, Lieberknecht und Klopp rasten nicht nur zum Entsetzen ihrer distinguierten holländischen Kollegen an der Seitenlinie aus, sind aber hierzulande ebenso Kult wie die Comedians Egersdörfer und Krömer, die das auf der Bühne und im Fernsehen zelebrieren. Die Contenance wahren? Höflich bleiben? Ist nicht mehr angesagt im Land der Stichler und Stänker.

Bei Krömer jedenfalls ist definitiv nicht entscheidend, was er sagt, sondern wie er es sagt. An sich missachtet der Mann nicht nur jegliche Gebote des guten Geschmacks, sondern auch jegliche Grundsätze der Comedy. Frei nach dem Motto "Höflichkeit ist eine Zier, doch es geht auch ohne ihr" beleidigt er nicht nur die üblichen Verdächtigen, aber Abwesenden (was an sich ziemlich feige ist, weil die Lacher einfach viel zu billig erzielt sind), sondern explizit auch sein Publikum, nicht nur die (angeblich) "bezahlten Claqueure" in der "Ekelecke". Mit Wonne führt der schlagfertige Komiker sein Publikum ein ums andere Mal vor, ihm hier und da aber auch den eigenen Masochismus und Devotismus des Fantums vor den Spiegel haltend. Unter die Humor-Rubrik "Billige Schadenfreude" fällt mit Sicherheit Krömers Anruf bei der Auskunft, was an sich eine Uralt-Nummer, aber auch nicht völlig altbacken ist und trotz aller Längen gut ausgespielt wird. Der Hut ist eher vor der Callcenter-Mitarbeiterin in Mecklenburg-Vorpommern zu ziehen, die die Ruhe weg hatte bei diesem Kunden, der die Chuzpe besaß, sich auch noch als Kai Pflaume auszugeben.

Der sich mit Wonne über dies schnöde Wirklichkeit der Welt entrüstende Hauptstadtkasper Krömer ist vorzugsweise bei jenen Kult, die ein heimliches Verlangen nach den groben wie einfachen Pipi-Kacka-Witzchen der Kindheit haben, die es genießen, mal wieder ungestraft im dunklen Saal über Respektlosigkeiten grinsen zu dürfen, die politisch nicht korrekt sind. Wenn einer die Kunst beherrscht, einen in diesem Bedürfnis abzuholen und umstandslos mitzunehmen, dann ist es der respektlose Komiker, der erst mal "im Schnuffelpulli" auf der Bühne steht. Denn was sage Kleidung schon über Persönlichkeit aus? "Arschloch bleibt Arschloch" (ob ein solches nun feinen Zwirn trägt oder nicht), lästert Krömer, der gern Klamotten trägt, die diese Überzeugung im Rest der Welt bestätigen, dass die Deutschen nicht nur keinen Humor, sondern auch keinen Geschmack haben. Immerhin sorgt sich der um die Sprache. So malt er sich aus, wie das wohl ist, wenn eines nicht allzu fernen Tages ein Typ am Bankschalter nach einem Blick auf Krömers Kontostand sagt: "Ey Alter, du bist voll Dispo, du Opfer, du Dispo-Opfer-Knecht!"

Richtig gruselig wird es gegen Ende des nicht gerade abendfüllenden Programms (Teil 1 vor der Pause dauerte gerade mal 45 Minuten). Da zieht Krömers übers SAT-Programm her, unterschreitet dann aber selbst teilweise noch RTL2-Niveau, etwa als er, nachdem eine Zuschauerin für einen "Freundin-Witz" ihm ein rohes Ei am Kopf zerschlagen durfte, im mit Dotter verschmierten Hemd verkündet: "Ich habe onaniert. Ist auch Eiter bei!" Aber gut, letztlich erging es einem zugegebenermaßen beim Gros der Witze wie Bolle - der sich, wie ein populäres Lied bezeugt, trotz aller Widrigkeiten auch ganz prächtig amüsierte, als er jüngst zu Pfingsten nach Pankow reiste.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.04.2014

Christian Ruf

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