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Trümmer und Landschaften: Porträt des Kunstpreisträgers Volker Braun

Trümmer und Landschaften: Porträt des Kunstpreisträgers Volker Braun

"Alle verließen wir, nassen Augs, die Heimat der Dichter / Um im preußischen Sand in dem Getriebe zu sein." So lautet, im klassischen Versmaß des Distichons, das erste von Volker Brauns Berlinischen Epigrammen.

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Zwei Künstlergenerationen, zwei Genres, eine Ehrung: Volker Braun (r.) und Jacob Korn.

Quelle: Dietrich Flechtner

Seit 1965 lebt der Lyriker, Prosaautor, Dramatiker und Essayist in Berlin. Seit Helene Weigel den Verfasser des Gedichtbandes "Provokation für mich" und des Produktionsstückes "Die Kipper" als Dramaturg ans "Berliner Ensemble" holte. Da hatte er gerade sein Philosophiestudium an der Karl-Marx-Universität Leipzig abgeschlossen.

Braun und Dresden - das ist weit mehr als das, was einen Schriftsteller mit seinem Geburtsort verbindet. Brauns Kunst - der Dichter Renatus Deckert hat das sehr genau in einer Studie dargelegt - ist ohne seine Heimatstadt nicht zu denken. In dem Essay "Dresdens Andenken" bekannte Volker Braun: "Dresden ist meine Heimat, der heim- liche Grund, der überwachsene Abgrund."

Auf dem ist er am 7. Mai 1939 geboren worden. Aufgewachsen mit Mutter und vier Brüdern, der Vater fiel in den letzten Kriegstagen 1945. Oben, auf der Rochwitzer Höhe stand ihr Haus, "an der grünlichen Grenze zwischen Stadt und Land". Von dort hat der noch nicht ganz Sechsjährige den Angriff erlebt, als Beobachter. Dass es sie nicht selbst erwischte, verdanken sie einem Zufall: Die Flak hinterm Haus hatte die Stellung vorher geräumt. Fortan hat sich Braun als Davongekommener verstanden: "Ich bin an einem Sonntag geboren und verfolgt vom Glück: / Nicht zerborsten unter den Bomben, nicht ausgezehrt / Von den verschiedenen Hungern", dichtete er in Brechtscher Manier in den 1960ern. Aus dem Luftschutzkeller kommend, hat er den glutroten Himmel, den Sandsturm und schwarze Flocken ans Fenster taumeln sehen. Wenig später die Ausgebombten mit entsetzten verrußten Gesichtern.

Die Stadt als Trümmerwüste hat sich ihm eingebrannt. Sie ist ihm zum Symbol von Gegensätzen geworden, die sein Denken, seine Art der Weltbetrachtung seither durchziehen. "Der entsetzliche Widerspruch von Grauen und Schönheit, die Wirkung von Tod und Kunst, rückte mir die Geschichte in ein scharfes Licht, als etwas Gewaltsames und Offenes, das Anteilnahme und Widerspruch fordert", heißt es in dem Essay "Dresdens Andenken" (1995). Als "ungeheure, unversöhnte Doppelgestalt" Dresdens hat er das 2006 in seiner Festrede zum Stadtjubiläum beschrieben: "Schönheit und Schrecken".

Früh hat er diesen Schrecken in seinen Gedichten bewahrt. Anfangs, 1962, mit einem Moment Hoffnung auf Neubeginn: "Elend die Steine, doch lohnend sie fortzuschaffen". Zugleich mit der Warnung vor Gedächtnisverlust beim Aufbau der Stadt: "Da wuchs die neue schnell um ihn, doch schneller war jene vergessen". Die Sinnlosigkeit jeden Militärschlages anklagend, hat er während des zweiten Golfkrieges 1991 im Gedicht "Wüstensturm" zwei Städtenamen in einem Atemzug genannt: "Und Bagdad mein Dresden verlischt". Jenen, die ihm wegen dieser heiklen Wendung antiamerikanische Gesinnung vorwarfen, entgegnete er: "Sie ist meine dresdner Haltung." Doch nicht nur das Politische in Brauns Dichtung hat sehr viel mit Dresden zu tun. Auch sein Verhältnis zur Natur. Als Tiefbauarbeiter und Maschinist im Tagebau Ende der fünfziger Jahre hat er selbst an der Zerstörung von Landschaft für die Gewinnung von Braunkohle mitgearbeitet. Der Blick hinunter ins Elbtal, als Kind und später hin und wieder als Jugendlicher, bildet den romantischen Kontrast dazu.

Braun billigt der Landschaft, in die die Stadt eingebettet liegt, angesichts der Ruinen die uralte Geduld des Schönen zu, ja eine rettende Kraft: "Von Dresden blieb: die Elbe und die Hänge. Ohne die beständige Anmut der Natur wäre es ganz untergegangen."

Wer Braun reden hört, vernimmt Spuren Dresdner Dialektfärbung. In manche seiner Gedichte hat er Brocken von Dresdner Sächsisch eingestreut. Das hat nichts Heimattümelndes, sondern charakterisiert Haltungen einfacher Menschen.

Selbst die literarischen Formen, derer sich Braun bedient, sieht er von seiner Erfahrung mit der Heimatstadt bestimmt. Zu DDR-Zeiten, erinnert er sich, habe das "dresdner Dichten", für das auch seine Kollegen B.K. Tragelehn, Heinz Czechowski oder Karl Mickel stehen, gegen den sozialistischen Mangel sein Formbewusstsein gesetzt, "den festen oder zertrümmerten Bau der Gedichte, den gestischen Vers und darunterliegend das ernste Maß der Blankzeile". Zu dieser Ästhetik gehört nicht zuletzt ein ausgeprägter Sinn für Geschichte und Tradition, der nichts Konservatives hat, Neuerungen nicht ausschließt. "Was ich lernte, war dieses Doppelte, Gerechte: die Sucht zu bewahren, und die Lust des Beginnens."

Die unverwechselbare Verknüpfung von Ästhetik, Geschichte, Politik und Ökologie in Brauns Werk - all dies fin- det man in seinem Verhältnis zu Dresden exemplarisch vorgeprägt. In seiner Festrede von 2006 hat er es auf die Formel gebracht: "Dresden heißt die Kunst zu leben." Dazu gehört ebenso sein unerbittliches Denken in Widersprüchen. Die "dresdner Denkart" nannte er es damals in seiner Festrede "ein bedingtes, notwendiges Denken, das harmlose Antworten nicht erträgt".

Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.03.2012

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