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Tribute-Konzert zum zehnten Todestag des Singer/Songwriter Chris Whitley

In memoriam Tribute-Konzert zum zehnten Todestag des Singer/Songwriter Chris Whitley

Der vergangene Freitag bot Anlass, an mehreren Orten dieser Welt gebündelte Gedanken zuzulassen. In den USA, in Belgien und Dresden dürften Epizentren der Andacht gewesen sein. Dort und hier hatte Chris Whitley "Homebases", hier und dort hatte er sich etwas aufgebaut.

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Chris Whitleys Bastard Club um Mathias Macht und Heiko Schramm setzte die finalen Akzente.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Und es begab sich aber zu einer Zeit, da selbst im Reich der früh Gegangenen ein Wachwechsel stattfinden musste. Die toten Rock'n'Roll-Musiker oder Schauspieler, die man zitierend wach rief, hießen nicht mehr vor allem Janes Joplin, Jimi Hendrix, Jim Morrison und James Dean, sie bekamen die Namen von Jeff Buckley, Vic Chesnutt, Mark Linkous, Saint Thomas und Frank Giering. Von Chris Whitley. Das Vor-der-Zeit-Gehen hatte noch nie spezielle Generationen im Blick oder setzte plötzlich aus. Es war, ist und bleibt hartnäckiger wie schmerzvoller Begleiter des Alltäglichen. Genau wie die Erinnerungen, so hartnäckig und schmerzvoll sie auch sein mögen.

Der vergangene Freitag bot wieder Anlass, an mehreren Orten dieser Welt gebündelte Gedanken zuzulassen. In den USA, in Belgien und Dresden dürften Epizentren der Andacht gewesen sein. Dort und hier hatte Chris Whitley "Homebases", hier und dort hatte er sich etwas aufgebaut, das ihn leben und arbeiten ließ, an dem er sich stoßen konnte und verzweifeln, etwas, das ihn selig werden ließ vor Glück, auf den Boden knallen vor Schmerz. Chris hat als Mensch, Gitarrist, Sänger, Komponist berührt. 2005 starb der gebürtige Texaner 45-jährig an Lungenkrebs.

Mit Chris Whitleys Musik kam schon zu seinen Lebzeiten nicht weit, wer sie nur nach theoretischen Regeln röntgen, ihn an die Wurzeln traditioneller und populärer Genres ketten wollte. Wer seine zum Teil nackenhaarsträubenden Läufe auf Dobro und elektrischer Gitarre nur mit Vorbildern verbinden, seinen intensiven Gesang symbolisch zur Ahnengalerie von Blues und Rock'n'Roll tackern wollte. Whitleys Lieder entstanden aus der drängenden Verbindung von Persönlichkeit und Geschichte, sie wuchsen aus Lern-, Werk- und anderen Stoffen, Wohl- und Wehgefühlen. Und sie brachten ihm dieselben.

Schon am 21. November 2005 mussten und wollten Nachrufe geschrieben werden, die dann am 22. in Blättern gedruckt wurden, die Chris Whitley zumindest registriert, besser aber begleitet haben. In den DNN stand: "Seine Songs und Konzerte wuchsen immer dann, wenn er sich an Visionen klammerte, Hoffnungen manifestierte, Sehnsüchte, Ist-Zustände momentanen Glücks - Er wird zu jenen Populär-Musikern unserer Zeit gehören, die wir wirklich vermissen. Weil es einfach gut war, sie gekannt zu haben. Wie tief, wie gut, wie flüchtig auch immer. Mehr ist heute nicht zu sagen." Mit oder ohne diese Gedanken gab es nun die Option, in die Scheune zu gehen, sich als Zuhörer vor jene Bühne zu setzen, die Whitley steigen und stürzen sah. Heiko Schramm, Dresdner Bassist für seinen amerikanischen Freund, hatte Tage zuvor in einer Art Gedenkveranstaltung im Plattenladen Sweetwater wunderbar nüchtern reflektiert, dass es nicht die Stadt als solche war, die Chris angezogen hat. Es war die Liebe zu einer Frau. "Wäre es in Halle passiert", so Schramm, "säßen wir heute eben in Halle und würden über Chris reden."

Trotzdem schlichen sich natürlich immer mehr Dresdner Namen in die Danksagungen seiner CDs. Sie gingen an Menschen, die er in Clubs, Läden, Cafés traf. Hin- und hergerissen zwischen Bleiben und Gehen, Schrank und Koffer entstand 2002 in Dresden die CD "Hotel Vast Horizon", zusammen mit Schramm und Matthias Macht, in Edgar M. Röthigs Helicopter Studio. Wer gerade diese Songsammlung als Whitleys Vermächtnis betrachten mag - bitte! Alle seine zwölf Studioalben und die alternierend veröffentlichten Platten können aber Vermächtnis sein. Und inspirieren.

Wenn sich an einem Konzertabend keinesfalls nur stilistisch unterschiedlich motivierte Musiker treffen, um mit Whitley-Songs zu arbeiten, müssen die Ergebnisse zwangsläufig ein Spektrum repräsentieren. Eineinhalb Stunden wurde Material aus Chris Whitleys Früh- bis Spätphase adaptiert, vorwiegend von Dresdner oder in Dresden lebenden und/oder arbeitenden Künstlern. Musiker, die ihn sehr gut, weniger oder gar nicht gekannt haben, denen seine Lieder früh etwas bedeuteten, spät oder null - bis die Anfrage kam, bei diesem Tribute-Konzert mitzuwirken. Demgemäß fielen die künstlerischen Ergebnisse aus. Sie reichten von mutigem Zugriff hin zu braver Reanimation, von echtem Durchdringen bis zum gnadenlosen Scheitern.

Es soll nicht Aufgabe dieser Zeilen sein, die neun Programmpunkte zu sezieren, Raum aber müssen sie bieten, um Höhepunkte zu benennen. So entkleidete Clemens Pötzsch "Assassin Song" und "Accordingly" bis auf ihre melodische Schönheit, während sich Christopher Lübeck an "Frontier" völlig frei gerieben hat. Beide spielten solo am (leider) scheppernden Klavier - und Chris Whitley hat Klaviermusik geliebt! Adrian Röbisch, der sich selbst ausgiebig mit den Möglichkeiten der National Steel Gitarre/Dobro beschäftigt, brachte im Duett und mit Vollband zwei exzellente Variationen auf "What Love Has Done" und "Poison Girl". Letztere war dabei wie von fließendem Teer und losem Dreck umschlossen. Schließlich packte das fett-finale Instrumental "Come Home" mit dem Geist und dem Rest von Whitleys Bastard Club feat. Macht/Schramm besonders an. Mit diesem Brett wurden Besucher und Beteiligte in den Rest dieses Chris-Whitley-Tages geschickt.

Das Gedenken geht weiter: Bald wird über eine internationale Tribute-CD zu schreiben sein, die von Dresden aus unter der Federführung von Adrian Röbisch entsteht: "In The Curved Air".

Andreas Körner

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