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Tragisch, komisch - und radikal: Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" am Dresdner Staatsschauspiel

Tragisch, komisch - und radikal: Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" am Dresdner Staatsschauspiel

Wenn man nach der Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" in der Regie von Susanne Lietzow die Augen schließt, projiziert die Erinnerung Variationen eines Motivs.

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Rosa Enskat (Frau John) im Bühnenraum von Aurel Lenfert, einem langen Dachboden mit hohen Türen und Feuchtigkeitsflecken an Wänden und Decke.

Quelle: Matthias Horn

Die schmale Frau John, wie sie einen Kinderwagen fest umklammert, ihr erkauftes Mutterglück verteidigt, wie sie vor Angst vibriert, wie sie mit schnoddriger Berliner Schnauze zetert und lügt und mit ihren Augen fiebrig die Umgebung nach Feinden abtastet. Dieser Abend im Schauspielhaus wird von Rosa Enskat geprägt, die Frau John im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert. So sehr verkörpert, dass es weh tut, wie sie hetzt und gehetzt wird, als die Wahrheit um das fremde Kind herauskommt, das sie als Ersatz für ihr nur mit acht Tagen gestorbenes "Adalbertchen" haben wollte. Irgendwann ahnt man es: Diese Frau stürzt sich am Ende nicht aus dem Fenster, wie es Hauptmann vorgesehen hatte. Diese Frau reißt andere mit in den Tod: ihren Mann (Thomas Eisen), der sie zu einem zweiten Kind gedrängt hat und nun verlassen will, die kleine "Petze" Selma (Lea Ruckpaul), den ach so geistvollen Herrn Hassenreuter (Albrecht Goette). Beim eigenwilligen, aber nachvollziehbaren Schluss der Inszenierung sieht man die ersten Opfer dieses Amoklaufs, dann wird es dunkel, Schreie sind zu hören, das Munitionsfeuer einer Pistole flackert mehrmals auf, das letzte Mal von der Stelle, wo Frau John gestanden hat. Solche Radikalität verträgt die Inszenierung mühelos, weil Susanne Lietzow konsequent eine dunkle Geschichte mit vielen Facetten erzählt.

Die Regie vertraut zurecht den Schauspielern und Hauptmanns präziser Milieustudie

Auf dem Dachboden einer Berliner Mietskaserne überlagern sich zwei Welten. Die bürgerliche Welt wird vom ehemaligen Theaterdirektor Hassenreuter dominiert. Er hat hier einen Kostümfundus, wo er eine junge Geliebte (Cathleen Baumann) trifft oder pathetischen Theaterunterricht gibt. Hier oben hat Tochter Walburga (Annika Schilling) ein Rendezvous mit dem Pastorensohn Erich (Thomas Braungardt), der Schauspieler werden will. Die ärmliche Welt ist die Welt von Frau John, deren Mann sich in Altona als Maurerpolier verdingt. Hierher gehört auch das Dienstmädchen Pauline Piperkarcka (eindringlich gespielt und gesungen von der tschechischen Sängerin Marie Smolka), die schwanger sitzengelassen wurde und nun mit dem Ertränken des "Würmchens" droht. Frau John bietet Pauline 123 Mark für das Kind und gibt es dann als ihr eigenes aus.

Im Elendsquartier haust auch die drogensüchtige Frau Knobbe (Antje Trautmann), die ein unterernährtes Kind hat, das später mit Paulines verwechselt wird. Die Tochter von Frau Knobbe schließlich, Selma, löst als Augenzeugin der heimlichen Geburt von Pauline und der Übergabe des Kindes an Frau John das Rätsel, nachdem das Dienstmädchen tot aufgefunden und Frau Johns Bruder Bruno als Mörder gejagt wird. Die Inszenierung spiegelt die Tragik dieser Situation geschickt wider - quasi als Nebenstrang - in der Figur des Maurerpoliers John. Anfangs posiert John mit Frau und Kinderwagen mit angeblichem eigenen Kind selbstbewusst wie fürs Familienalbum, dann spielt ihn Thomas Eisen immer hilfloser und unsicherer - einer, der sich nicht davonstehlen will, aber keine andere Wahl hat.

Die Regie vertraut zurecht den Schauspielern und Hauptmanns präziser Milieustudie. Es muss hier optisch nicht aktualisiert werden. Die Kostüme von Marie Luise Lichtenthal suggerieren eine Epoche, die sich als "Blütezeit" der Mietskasernen beschreiben ließe, und erlauben es mit zurückhaltender Schlichtheit, zwischen unteren und oberen sozialen Schichten zu unterscheiden. Zeitlos elend wirkt der Bühnenraum von Aurel Lenfert - ein langer, riesiger Dachboden mit mehr als einem Dutzend überdimensional hohen Türen, mit Schimmel- und Feuchtigkeitsflecken an Wänden und Decke. Ein Paradies für Ratten.

Ein düsterer Ort, der in einer durch Musik untermalten Szene wie eine Geisterwelt wirkt, wenn sich von alleine die Türen öffnen, Kinder- und Einkaufswagen mit Lumpen quer durch den Raum bewegen. Durch eine Videoprojektion wird der Raum verlängert - so wirkt er noch trostloser. Für einen kurzen Moment zieht Freude ein. Dann dreht sich per Video ein Karussell an der Rückwand - ein kurzes Vergnügen für das Dienstmädchen Pauline, bevor es von Bruno im Waschbecken ertränkt und bis zum völligen Verschwinden hineingestopft wird. Theatertechnisch sieht diese Aktion in der Tat etwas ulkig aus, so dass es zur Premiere Lacher gab - man vergisst sie aber schnell (nicht zuletzt dank der schauspielerischen Intensität von Jonas Friedrich Leonhardi als Bruno), und der Tötungsakt wird nicht lächerlich.

Doch auch die komische Seite dieser Tragikomödie kommt in der Inszenierung nicht zu kurz. Thomas Braungardt als aufmüpfiger Pastorensohn und Möchtegern-Schauspieler führt durch Clownerie die verlogene Theatralik von Hassenreuter ad absurdum, ist ein unbeholfener Liebhaber von Hassenreuters Tochter Walburga. Dazu passt die zurückhaltende, etwas linkische Bohemien-Art, mit der Albrecht Goette Hassenreuter spielt. Christine Hoppe gelingt es mit nur zwei Auftritten, Therese Hassenreuter als in Konventionen gefangenes Frauenzimmer zu charakterisieren - sie wiederholt ständig ihre Standardsprüche, wie bei einer alten Schallplatte mit Rissen. Kleine heitere Akzente setzen auch Hanns-Jörn Weber als gegen den Sittenverfall polternder Pastor Spitta, während sich hinter seinem Rücken die zwei Männer, die Schauspielunterricht bei Hassenreuter nehmen, küssen (Sascha Göpel und Jonas Friedrich Leonhardi). Dass der Hausmeister (Jan Maak) in verschiedenen Kostümen aus dem Fundus herauskommt, ist ein bisschen albern. Auch wirkt die durchaus tragische Figur der Frau Knobbe mit übertriebener Schminke und aufgerissenen Augen wie eine Karikatur vom Stanislawski-Naturalismus. Ja, und Berlinerisch liegt wohl nicht jedem Schauspieler.

Trotz kleiner Schwächen berührt die von einem starken Ensemble getragene Inszenierung und bekam verdient zur Premiere kräftigen Beifall.

Aufführungen: heute; 4., 13. und 21.6.; 3.7., Schauspielhaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.05.2013

Bistra Klunker

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