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Totentanz zum Jubiläum in Dresden - ncp feiert 20-jähriges Bestehen

Totentanz zum Jubiläum in Dresden - ncp feiert 20-jähriges Bestehen

Im Festspielhaus Hellerau stehen im letzten Monat des Jahres 2013 gleich zwei Jubiläen an, die in engstem Bezug zu Wiederbelebung und aktuellem Profil des künstlerischen Ortes stehen, zwischen denen es viele Parallelen, aber keine Vernetzung und kaum direkte Anknüpfungspunkte gibt: noch ehe das aus Leningrad bzw.

St. Petersburg Derevo-Theater kurz vor Weihnachten an 20 Jahre in Dresden erinnert, haben sich die beiden vermeintlichen Ur-Dresdner Harriet und Peter Meinung mit ihrem Team im großen Saal eingenistet, um hier am kommenden Wochenende mit dem Abschluss des auf drei Jahre angelegten Projekts "X Gebote" zugleich 20 Jahre künstlerische Zusammenarbeit zu feiern.

Diese Zusammenarbeit - sie als Bühnenbildnerin noch unter dem Namen Harriet Böge, er als Schauspieler - begann eben in Hellerau auf dem noch ruinösen Gelände bei der inzwischen legendären Inszenierung von Wladimir Sorokins Obelisk, setzte sich bald darauf in eigenen Projekten fort, die ab 1995 unter dem Label norton.commander.productions firmierten. Die Namensadaption des für die DOS-Zeit genialen Dateimanagers spielte auf die multimediale Produktionsweise, die direkte, essentielle Verbindung realer und virtueller Ebenen an, implizierte aber darüber hinaus womöglich ein Missverständnis: Die Meinings sind keine Computerfreaks. Ihre Inszenierungen - vom spektakulären "Genetic Woyzeck" (1997), wo Lars Rudolf in der Titelrolle mit per Video präsenten Stars der Medienwelt agierte, bis zu den auch live in großer Besetzung und ganz unterschiedlichen Spielarten aufgeführten Vorgängern der Gebote-Serie - wollen sich in keine Schublade einordnen. Aber sie gehören jedenfalls nicht auf die CynetArt, denn die neuen Möglichkeiten von Technik und Kommunikation sind hier Mittel zum Zweck und mit ihren Wirkungen von Interesse, aber nicht selbst Gegenstand der Untersuchung.

Nachdem man zunächst - wie übrigens auch Derevo - im projekttheater Unterschlupf fand, war nc.productions bald maßgeblich daran beteiligt, dass in der freien Szene, also außerhalb des etablierten Stadttheaters eine eigene Struktur entstand mit vergleichbarem Anspruch, als Herausforderung und, wie die Zeit zeigen sollte, spürbarem Einfluss auf das herkömmliche Sprechtheater und gelegentlicher Kooperation. Gruppen wie She She Pop oder Rimini-Protokoll haben inzwischen auch ihre Spuren in Dresden hinterlassen - ihre mit den Meinings gemeinsame Basis sind Spielstätten wie das HaU in Berlin, der Mousonturm in Frankfurt und etliche weitere Bühnen im deutschsprachigen Raum, auf die sich, im Unterschied zur weltweit tourenden Derevo-Gruppe, der Wirkungskreis im Wesentlichen beschränkt. Was beide - bei anscheinend völliger Unvereinbarkeit der Mittel - eint: eine unbeirrbar intellektuelle und kritische Sicht auf den Menschen und die Gesellschaft, in der er lebt, auf Traditionen und Prägungen neuerer Zeit. Den Meinings ist allerdings weniger eine skurrile Poesie eigen als ein schräger, bissiger Humor, der manchmal etwas versöhnend Kindliches oder Verspieltes haben kann, aber zunehmend zum Sarkastischen und Makabren tendiert, ohne dass dabei jedoch der Boden einer sachlich fundierten Analyse und ernsthaften Diskussion verloren geht.

Peter Meining bekennt sich zu einem anthropologischen Ansatz und gesteht zugleich, dass ihm die Beschäftigung mit gesellschaftlichen Utopien derzeit recht fern liege. Offenbar geht es Harriet und ihm vielmehr um die Ambivalenz von Entwicklungsperspektiven, um die heutige Ausprägung von Doppelmoral, auch auf dem Theater: "Da finden sich zunehmend nur noch beliebig wechselnde Posen, aber keine Haltungen mehr." Das vermeintlich religiöse Thema könnte auf eine falsche Fährte Locken, aber für die Meinings "hat es immer nur mit einer Wertediskussion zu tun". Eine solche finde ernsthaft kaum noch statt, Theater und die Schauspieler seien selber Teil der dargestellten Konflikte, aber keiner mache sich mit aller Konsequenz daran, nach Lösungen zu suchen. Meining kann sich selbst nicht von derlei Betrachtungen ausnehmen. Die Struktur der freien Szene, die er mit aufgebaut hat, stagniert seit langem, und wenn die Zukunftsaussichten auch nicht besonders rosig erscheinen, demnächst vielleicht hie und da wiederum zuerst an Kultur "gespart" wird, "so sind wir doch bis heute sehr stark privilegiert". Und sei es mit dem Recht und der Notwendigkeit, bis zur Selbstausbeutung an Projekten zu arbeiten, die aber immerhin materiell ermöglicht werden und ans Licht der Öffentlichkeit gelangen.

Auch abgesehen vom mittlerweile erreichten Alter erscheint da die Strategie des forschen Rundumschlags und der frechen Polemik allein kaum als geeignet, vielmehr ist Distanz gefragt, bei aller Fantasie und Suche nach immer neuen Darbietungsformen auch die Fähigkeit zur sachlichen Betrachtung und kühlen Reflektion - selbstverständlich mit einem gehörigen Maß an Doppelbödigkeit. Es gilt, glaubwürdig zu bleiben gerade auch durch Unberechenbarkeit, Verzicht auf vordergründige Agitation - jedoch nicht auf engagierte, klar strukturierte Debatten, deren Fazit am Ende jeder Zuschauer selbst für sich ziehen muss. Insbesondere in Bezug auf die Proklamation eines Elften Gebots, das da doch wieder etwas kryptisch lautet: "Tanz den Tod".

"Uns geht es dabei vor allem um drei Fragen", erläutert Peter Meining. "Wollen wir ewig leben - am Ende unser Bewusstsein als Software in Computer transferieren? Wird sich der Mensch als letzte Ressource selbst abschaffen - nach dem Muster, das sich einst auf den Osterinseln abgespielt hat? Und als Konsequenz aus Vision oder Dilemma: Welche moralischen Kriterien legen wir unseren Entscheidungen in Zukunft zu Grunde - beginnend beim Thema Organspende?" Verpackt ist die Auseinandersetzung mit diesen Fragen in das Grimmsche Märchen vom Gevatter Tod, der in Gestalt von Tom Quaas auf der Leinwand erscheint und dabei, soviel darf verraten werden, zu ähnlicher Form aufläuft wie zuletzt in der "Totmacher"-Adaption der Meinings, die unlängst im Societaetstheater zu erleben war. Sein Protegé und Gegenspieler ist leibhaftig der Wiener Performer Otmar Wagner, der den Sensenmann in letzter Minute noch zu einem Schachspiel auffordert, von dem er dann in einem mit skurrilem elektromechanischen Spielzeug belebten Bühnenbild und u.a. im Diskurs mit medialen Partnern weidlich abzulenken sucht. Doch...

Das Zeitliche zu segnen, bleibt nichts und niemandem erspart, auch nicht dem nc.production-Internet-Auftritt. Da steht nun eine neue Homepage von Harriet und Peter Meining, die zwar weniger nach statistischen Kriterien, aber umso opulenter per Foto und Video über alle wichtigen gemeinsamen künstlerischen Unternehmungen und die Vielzahl von Partnern Auskunft gibt, bis hin zu ein paar Andeutungen dessen, was das Publikum ab heute im etwas intimeren Rahmen der Festspielhaus-Hinterbühne erwartet.

iPremiere heute, 20 Uhr im Festspielhaus Hellerau

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.12.2013

Tomas Petzold

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