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Totentanz: Das Japanische Palais zeigt Arbeiten von Lutz Friedel, der einst an der HfBK in Dresden studierte

Totentanz: Das Japanische Palais zeigt Arbeiten von Lutz Friedel, der einst an der HfBK in Dresden studierte

An sich ist der Tod eine unerfreuliche Sache. So vieles fällt weg, wenn man erst mal selber wegfällt. Fußballspiele ansehen, Grillabende, Ausflüge ins Schlesische, Romane von Fontane.

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Lutz Friedel: Der Tod und der Maler, 2011. Repro: Künstler

.. Aber die Zeit kommt, und sie kommt, auch wenn man kein Abo hat, dann ist das passé. Es ist doch ohnehin so. Auch wenn gelegentlich festgestellt wird, dass uns nur der ferne, gespielte Tod geblieben sei, während der reale Tod auch in der Gesellschaft verschwunden sei, so ist doch jenseits von Aschermittwoch und Totensonntag der Tod ein Thema. Die Nachrichten sind voll vom Tod. Und auch die Kunst. Im Japanischen Palais zeigt das Landesamt im Museum für Vorgeschichte (dessen Umzug nach Chemnitz in nicht allzu ferner Zukunft erfolgt) nun die durch die Antea Bestattungen Dresden GmbH präsentierte Ausstellung "Et in Arcadia Ego. Ein Totentanz", in der ausschließlich Arbeiten von Lutz Friedel zu sehen sind.

"Et in Arcadia ego" ist eine lateinische Phrase, deren Bedeutung umstritten ist. Die sprachlich am nächsten liegende Übersetzung "Auch in Arkadien (bin) ich" wurde im Verlauf der Rezeptionsgeschichte mehr und mehr verdrängt durch die Fassung "Auch ich (war) in Arkadien". Die Phrase findet sich zum ersten Mal in dem gleichnamigen Gemälde des italienischen Barockmalers Giovanni Francesco Barbieri, gen. Guercino. Dort steht sie auf einem Mauerstück geschrieben, auf dem ein Totenkopf liegt.

Im Hof des Palais' sind erstmal Köpfe versammelt, in einer Anzahl, wie sie selbst erfolgreiche Kopfjäger der Dayak auf Borneo in einem langen Berufsleben nicht hingekriegt haben. Es ist ein Zyklus von Holzplastiken von metaphorischer Expressivität, die Friedel "Walhall der Namenlosen, der Nichtse" nennt. Mit ihren charakterstarken Gesichtszügen beanspruchen die Skulpturen - die bevorzugt aus Eichenholz gehauen, gesägt (nicht selten so, dass es Züge eines Kettensägenmassakers annahm), gebrannt und bemalt wurden, und zwar so lange, "bis das Holz eine "Seele" hat" - den ihnen gebührenden Raum.

In einigen Räumen im Erdgeschoss dann die Gemälde, die Friedel "Totentänze" nennt. Den Besucher erwartet ein Reigen des Todes, Variationen zum immer gleichen Thema. Die Malerei Friedels steht zwischen der Tradition des Totentanzes und der sehr persönlichen Todessicht der Neuzeit. Vor allem in den letzten beiden Jahren beschäftigte sich Friedel intensiv mit dem Tod, man habe es "gewissermaßen mit einer Obsession zu tun", schreibt Matthias Flügge in einem Beitrag, der auf dem umfangreichen Faltblatt zur Ausstellung nachzulesen ist. Von ungefähr kam die Totentanz-Manie nicht. Da war das Weltuntergangsszenario "Triumfo della Morte" eines unbekannten katalanischen Malers im Stadtmuseum von Palermo, das ihn faszinierte, da waren die 4000 Mumien in der dortigen Kapuzinergruft, die er während seines Sizilienaufenthaltes 1994 besuchte.

Davon angeregt schuf Friedel mehr als zweihundert Gemälde, unzählige Pastelle und Zeichnungen zu einem Thema, das die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts beherrscht, man denke nur an die Arbeiten von Horst Janssen, HAP Grieshaber oder auch Böcklins Selbstbildnis, auf dem Gevatter Tod grinsend und fiedelnd herantritt. Die Tradition, Schädel, Verwesung und Knochenmänner abzubilden, ist alt, reicht bis ins Mittelalter zurück, man denke etwa an die Totentanzallegorien. Auch Dresden hat einen Totentanz. Über zwölf Meter lang, bestehend aus zehn Sandsteinplatten von rund 1,30 Meter Höhe, geschaffen von Christoph Walther I., einem wohl in Breslau geborenen und 1546 in Dresden gestorbenen Spross der führenden schlesisch-sächsischen Bildhauerfamilie im 16. und 17. Jahrhundert. Einst zierte er das Georgentor des Dresdner Stadtschlosses, seit 1991 ist der an der östlichen Emporenwand der Dreikönigskirche angebracht.

Es sind facettenreiche bis humoristische Begegnungen mit dem Knochenmann, die die Gemälde Friedels ermöglichen. Freund Hein posiert als Wiener Geiger oder dienert vor den drei Grazien, mal betrachtet er sein eigenes Spiegelbild, dann wieder besucht den alten König (der alte Fritz?) oder eine Dame, die auch ohne Unterleib zwar vielleicht nicht die Freuden des "La petite mort" erlebt hat, sondern ihm gleich ganz erlegen ist. Der Tod umfasst eine Schwangere am Bauch - und macht auf einem anderen Bild schlicht den Unrat weg. Und so wie im Mittelalter Kaiser und Papst von Gevatter Tod nicht verschont wurden, so ist es hier ein VIP, der nicht verschont wird. Und zwar Karl Lagerfeld. Und er holt auch die, denen er sonst ihr Auskommen sichert: die Totengräber.

Die Bildfindungen liegen zwischen Trauer und Entsetzen, chargieren öfter mal auch zwischen (nie resignativer) Ironie, Sarkasmus und schwarzem Humor. "Tod und Tempo", das ist kein Bild, das vor zu hoher Geschwindigkeit warnt, wie die Plakate längs der Autobahnen. Das ist einfach ein Tod, vor dem eine Packung (Tempo-)Taschentücher liegt. Die Leinwand ist meist gut durchtränkt, die Linienzeichnung in der Regel kraftvoll.

Der "Totentanz"-Zyklus Friedels sei, schreibt die Schriftstellerin Sigrid Damm in einem Essay im Begleitkatalog (Hirmer Verlag, 192 Seiten, 104 Farbtafeln, 49 Abbildungen in Farbe und 21 in Schwarz-Weiß, 39,90 Euro), "auch Selbstbefragung, Zurückgehen in die eigene Biographie, Reflexion von Illusionen, von Begegnungen und nahen Menschen, von Enttäuschungen, ist die summa summarum von Gewinn und Verlust, Höhen und Tiefen: die Gemälde ein grandioser Tanz der Gespenster, der aus den kleinen und großen Abschieden seiner Existenz, wie auch der Existenz eines jeden von uns, hervorgehen".

Geboren wurde Friedel 1948 in Leipzig, er studierte an der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden. 1984 siedelte in die Bundesrepublik Deutschland über, zog erst nach Frankfurt am Main, ein Jahr später aber bereits nach West-Berlin. Im Jahr 2000 rich-tete er sich ein Atelier in Schönholz-Gollenberg im Havelland ein, wo schon Fontane herumwanderte und Otto Lilienthal auf dem Gollenberg erste Flugversuche unternahm.

Christian Ruf

bis 20.1.2013, geöffnet Di-So 10-18 Uhr

programm

23.10., 18 Uhr: "The Beat goes on" oder "Das Kalendarum toter Musiker"

24.10., 19 Uhr: Sigrid Damm liest aus ihrem Roman "Goethes letzte Reise", in dem sie vor allem Goethes Reise nach Ilmenau im August 1831 beschreibt, die dieser zu seinem 82.Geburtstag, ein halbes Jahr vor seinem Tod, zusammen mit zwei Enkeln unternahm.

1.11., 18 Uhr: "Totentanz - literarisch-musikalische Variationen." Jürgen Liebing, Autor für Deutschlandradio Kultur, mit Gedichten, Ausschnitten aus Romanen, Klavierstücken und Chorwerken frei nach dem Motto "der Tod ist überall"

13.11., 18 Uhr "Sich tot stellen oder sich dem Tod stellen - Malerei in medialer Konkurrenz", Michael Hametner vom Kulturradio Figaro im Gespräch mit Lutz Friedel

20.01.2013 18 Uhr Finissage "Aus- blicke", Henry Schuhmacher

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.10.2012

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