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Tonlagen: Wenig erhellendes "Diskurskonzert" über das Außergewöhnliche

Tonlagen: Wenig erhellendes "Diskurskonzert" über das Außergewöhnliche

Titel und Format weckten Erwartungen. Außergewöhnlichkeit sei das Thema, konnte man der Ankündigung von Außergewöhnlichem im Rahmen des Tonlagen-Festivals entnehmen.

Und ein "Diskurskonzert" ist auch für hartnäckige Hellerau-Fans etwas Außergewöhnliches. Von diesen fanden am Samstagabend allerdings nur etwa 70 Gäste die Konzeptkunst des Schweizers Patrick Frank noch außergewöhnlicher als das selbstverständlich außergewöhnliche sonstige Dresdner Kulturangebot. In diese Richtung hätte es vielleicht gehen können, grübelte man schon vorab, Betrachtungen über Masse und Individuum vielleicht, die Legitimation des Gewöhnlichen, wenn es in dieser von Verkaufskultur geprägten Welt nur noch einander überschreiende angebliche Außergewöhnlichkeiten gibt.

Das Thema kam aber nur im Einstiegsvideo vor, das die vermeintlich tausend außergewöhnlichsten Personen der Weltgeschichte im Hochgeschwindigkeitsschnitt symbolisch entwertete. Dann bestenfalls noch indirekt im ersten Diskurs, in dem der Berliner Kulturphilosoph Harry Lehmann seinen Partner Kurt Biedenkopf auf die Irrationalität der Bilderpreise im Kunstmarkt festzunageln versuchte. Die These der Verdrängung von Qualität durch Quantität deutete immerhin an, dass der massenhafte abendländische Narzissmus auch alle Bewertungskriterien über den Haufen geworfen haben könnte.

Der ehemalige sächsische Ministerpräsident folgerte denn auch, dass der Markt nur das Vakuum fülle, das durch den Verlust verlässlicher Maßstäbe in der Kunst entstanden sei. Als die Sanduhr für die Gesprächsrunde schon fast abgelaufen war, fiel dann tatsächlich noch der Hinweis, dass Bilder möglicherweise zu spekulativen Zwecken aufgekauft würden. Nein so etwas aber auch! Der DDR-Zoni lernte übrigens schon in der Schule die dialektische These vom Umschlagen der Quantität in eine neue Qualität. Aber so tiefgründig mochte an diesem Abend niemand philosophieren.

Es hätte sich auch kaum mit dem Rahmen des Frank-Konzeptes vertragen. Musikalisch bestand der aus der schrittweisen Dekonstruktion eines Schumann-Liedes aus der "Dichterliebe" mit dem Sänger Daniel Bentz und der Pianistin Judit Polgar. Beide hatten noch einen großen Auftritt beim Unterthema "Populismus", das durch ein Potpourri der Ohrwürmer von Klassik bis Pop illustriert und zugleich parodiert werden sollte. Und die Pianistin durfte am Schluss mit einem Chopin-Nocturne ihren Tiefgang beweisen. Ein Nocturne, das aber von permanenten Ankündigungen und Kommentaren zum Werk übertönt wurde. Da endlich hatte man nach den vorausgegangenen, meist nur angedeuteten gesellschaftskritischen Rundumschlägen eine Ahnung, was gemeint sein könnte: Werbung, Ankündigung und Vermarktung sind wichtiger geworden als das primäre Kunstwerk.

Ein Häppchen Illustration, ein Häppchen Provokation, ein Häppchen Diskurs. Bei Konzeptkunst ist nicht wichtig, was hinten rauskommt. Einem Juristen wie Kurt Biedenkopf schon. Den unverändert klaren analytischen Verstand und die Schlagfertigkeit des 84-Jährigen kann man nur bewundern. Allerdings guckt auch der Professor unverändert hervor. Sein Gegenüber hatte keine Ahnung, wie genau er auf Begriffs- und Thesenwahl achten muss, wie diesem Großhirn beizukommen wäre. Biedenkopf merkte man denn auch den Ärger über manche Plattheit, auch über einige Sentenzen Patrick Franks an. Dabei waren manche seiner Monologe immer noch subversiver als das, was im Untertitel "Subversion" an Kryptischem zu hören war. Seine Lieblingsthemen wie Wachstumsbegrenzung oder der notwendige Eingriff in Besitzstände zugunsten nachhaltiger Veränderungen blieben allerdings auch an diesem Abend auf den akademischen Gedankenraum beschränkt und tun keinem wirklich weh. Das galt nicht nur für ihn.

Es blieb angesichts dieser Collage von Fragmenten der Eindruck einer bemühten, intellektualistischen Gesellschaftskritik, die aber weder mit künstlerischen noch mit philosophischen oder rationalen Mitteln Phänomene plausibler machen konnte. Es kann vielleicht ein Mittel sein, dem Chaos mit dem Chaos zu begegnen. Dann aber ist das kritische Kunstwerk nur Teil jener Erscheinungswelt, die es selber kritisieren will.

Insofern hatte es etwas Erlösendes, als sich nach zwei Stunden die Türen zu einem Seitensaal öffneten, wo Wein, Brot und Käse zu einem tatsächlichen Basisdiskurs einluden. Einige mussten sich regelrecht losreißen, um das nächtliche Konzert des ungarischen Trios Rosinflux nebenan nicht zu versäumen. Sinnliche Entspannung, ein assoziatives Klangbad. Unwichtig, ob man "The Animals' Angle" nun der Weltmusik zuordnen will. Dafür brauchten sie ein bisschen zu viel Elektronik, um aus selbstgebauten Bordun-ähnlichen Instrumenten ihren Sound zu erzeugen. Verfremdungen eingeschlossen, wenn eine Papierbahn wie eine Pauke klingt. Die überirdische Stimme von Gaya Arutyunyan entließ jedenfalls versöhnt in die Mitternacht.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.10.2014

Michael Bartsch

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