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Tom Quaas auf dem Theaterkahn in Dresden

Experte in Sachen Liebe Tom Quaas auf dem Theaterkahn in Dresden

Das Repertoire des Dresdner Theaterkahns wurde zuletzt vorzugsweise durch heiter-ironische Stücke in kleiner Besetzung bereichert – nun folgte, als Uraufführung, wieder einmal ein Soloabend in guter alter Brettl-Manier.

Tom Quaas als zerstreuter Psychiatrieprofessor

Quelle: Carsten Nüssler

Dresden.

Hat dies der geneigte Leser möglicherweise halbwegs verinnerlicht, erscheint Tom Quaas gewissermaßen als himself mit Fünftagebart und stets griffbereiter Brille, um nach vermeintlicher Irritation in einem weitschweifig zu werden drohenden Vorspiel zu erklären, worum es im Folgenden – nicht – gehen sollte oder könnte.

Also eigentlich nicht um das Eisenbahnwesen oder um Kreuzblütler, sondern, wie bestellt, um die Liebe. Ja, auch um eine ihrer besonderen Formen – den Narzissmus nämlich, zu dem sich diese vielfach promovierte Person, zu der sich der im übrigen mindestens hochanständig schauspielernde, singende und tanzende Protagonist für heute hochgestapelt hat. „Ich bin so schön, ich kann gar nicht hinseh’n“, singt er, sich von seinem Spiegelbild abwendend. Dazu braucht es außer dem entsprechenden Ausstattungsstück einen Dichter wie Friedhelm Kändler, dessen manchmal leicht antiquiert wirkende, dennoch sehr auf Höhe der Zeit befindliche Chanson- oder Couplettexte für die Band und ihren Komponisten ein inspirierendes Futter und folglich für den singenden Schauspieler echte Herausforderungen sind.

Die Spanne reicht da so ziemlich von Arie bis Rock’n’Roll, und bei aller Musikalität, Hingabe und zusätzlich verfügbarer Selbstironie, wünschte man Quaas gelegentlich noch etwas mehr Stimme. Aber da ist es letztlich auch wie in der Liebe: Jeder muss am Ende mit dem auskommen, was er hat. Oder ewig „Ramoounaa“ nachtrauern.

Die Liebe also, als Geisteszustand, der als Psychose beginnt, um später in eine Neurose überzugehen. Der Professor ist weder getrennt noch genesen, seine Konzentrationsschwächen bekämpft er mit köstlichen Pastillen, die ihm seine Hannelore, „ein Engel“, in einem Blechschächtelchen mitgegeben hat. Wie sich die Beziehung zu diesem Engel darstellt, führt er höchst anschaulich und mit teils gemein schriller Stimme vor, um dann unversehens wieder in die vermeintliche Sachlichkeit des Vortrags überzugehen, sich als musikalischer Entertainer zu verausgaben oder „ein Gedankenexperiment“ anzustellen. Was geschieht beispielsweise, wenn man sich auf den ersten Blick in jemanden verliebt, etwa in diese Frau in der ersten Reihe?

Die vorgeführte Verklärung des Professors war recht beeindruckend. Allerdings ward die solcherart über etliche lange Augenblicke Angehimmelte nach der Pause nicht mehr gesehen. Kaum jemand wird anstößig gefunden haben, wie Quaas die Auflösung des „nicht zu erklärenden“ Widerspruchs zwischen Liebe und Sexualität mit Hilfe eines Ausziehtischs und einigen kleinen – ebenfalls imaginären – Utensilien betrieb. „Weniger ist mehr“, so lautet der Schluss, und technischer Fortschritt tötet Gefühle. Was wäre geschehen, wenn Rotkäppchen Eisenbahn gefahren wäre? Die Antwort muss ebenso wenig verraten werden wie die genauen Umstände, unter denen Quaas in einem Krieg der Möbel als schöner Wank-Schrank aus dem Jahr 1914 dran glauben muss.

Die Beispiele sollen nur als Beleg dienen, dass er sich tatsächlich doch zwischen Kreuzblütlern und Kändler, Liebe und Eisenbahn, (gar nicht verunglückten) Texten von Regisseur Holger Böhme und dem eigenen Ego zwischen Sinn und Un-Sinn durchhangelt, bis ihn die Vergangenheit gleich mehrfach einzuholen droht. Man kann geradezu von einem schräg-intelligent-unterhaltsamen Kurs in Sachen Überlebenskunst sprechen, auch wenn die Perspektive „senil am Nil“ nicht jedermanns Geschmack sein dürfte. Auch in diesem Sinne wird, wer Quaas mag, den Abend mögen. Der Premierenbeifall jedenfalls prasselte ordentlich.

nächste Vorstellungen 10. und 11. September, jeweils 20 Uhr, Theaterkahn

Von Tomas Petzold

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