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Tocotronic in Dresden: Eine Rock-Offenbarung

Tocotronic in Dresden: Eine Rock-Offenbarung

Ein musikalisches Intro mit Griegschen Anleihen vor blauem Hintergrund, zu dem sich die Band aus den Kulissen schiebt. Vorn an der Rampe Sänger Dirk von Lowtzow: Verbeugung, die Gitarre umgeschnallt, ab geht's.

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Tocotronic-Frontsänger Dirk von Lowtzow im Alten Schlachthof.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. "Wir beginnen wie immer mit dem Prolog", sagt der unumstrittene Kopf der Band, dann wechselt das Licht auch sofort ins Grellrote - und "Prolog" klingt an, erstes Stück auf dem jüngsten, dem unbetitelten Roten Album von Tocotronic. Ihr Weg hat sie 2015 auch wieder nach Dresden geführt, und obwohl das Konzert tatsächlich nicht ausverkauft war, blieb der Eindruck: Der Alte Schlachthof war voll genug.

Vor den Hauptact aber hatten die Götter Sarah and Julian gesetzt. Ein Duo, auf der Bühne zum Trio ausgeweitet, mit vertropftem englischen Songwriting. Ihnen bleibt nur eine halbe Stunde, in der die Beats glücklicherweise zunehmen, dann aber alles sehr balladesk endet. Was das Warten auf Tocotronic noch einmal befeuert.

Was hat man über die Hamburger um Lowtzow nicht schon alles gehört, gelesen, gesagt, geschrieben. Über ihren Stil und seine Änderungen, über die Verquickung von Politischem und Privatem in den Texten, über die Rolle der Band im deutschen Musikkosmos, ihre Einflüsse und ihr Engagement. Auch Erwartungen sind ein oft gewälztes Thema bei Tocotronic. Was wünscht man sich vom neuen Album? Was vom daran gekoppelten Konzert? Wie auch immer diese Fragen individuell Antworten finden mögen - auf genereller Ebene haben es Tocotronic geschafft, sowohl mit dem Album als auch mit dem Konzert Erwartungshaltungen zu umschiffen, sie sogar auszukontern. Doppelt anders.

Ihr elftes Album, eine vielfältige Hommage an die Liebe, ist zweifellos Pop geworden. Guter, wohlgemerkt. Natürlich immer mit Gesellschaftsbezug, das geht bei besagtem "Prolog" schon los: "-Du spürst die Gifte im System/ Willst nur den Abend überstehen-". Da ist viel Ich, viel Du, viel Wir. Liebeslyrik, gehobene Klasse, mit Rhythmus und Sprachgenauigkeit. Ein Song wie "Die Erwachsenen" kriegt über die Wiederholung der Zeile "Wir sind Babys" fast den Firnis von etwas Anheimelndem. Und spätestens als Tocotronic dieses Lied im ZDF-Kulturmagazin "aspekte" im Studio spielten, im April kurz vor der Veröffentlichung des Albums, war die Frage naheliegend: Sind die jetzt völlig Pop? Das bekannte Grinsen Lowtzows hätte damals aber schon solche Ängste kalt sterben lassen müssen.

Denn Pop ist nur eine Variante des Roten Albums. Das beweist das Quartett im Schlachthof mit Vehemenz. Gleich nach dem Auftakt, nach einem fast flüchtigen Verweilen bei "Ich öffne mich", schwenken sie hinüber in die eigene Vergangenheit. "Digital ist besser" vom ebenso betitelten Debüt vor 20 Jahren, in harten Gitarrenhänden, ist eine kleine Selbstreminiszenz. "Aus meiner Festung" verweilt kurz beim gefeierten Album "Kapitulation", bevor besagte "Erwachsene" ihr Fett abbekommen. Dann wieder mit Höchstgeschwindigkeit weit zurück. "Aber hier leben nein danke" von 2005 (natürlich mit einem imaginären Mittelfinger in Richtung Pegida) vereint die Masse erstmals beim hörbaren Mitsingen (wie auch anders bei diesem Refrain), "Samstag ist Selbstmord" von 1995 setzt all jene in Verzücken, die Tocotronic damals schon vergötterten. Dieses Schwingen zwischen aktuellen Songs und älterem Material ist das Eine, das Andere ist die Heftigkeit, mit der so ziemlich jedes Lied vom Roten Album eine klare Rock-Attitüde übergestülpt bekommt, bis hin ins Punkige. Als wolle man sich da vorn selbst und auch dem Publikum versichern: So poppig wird's nie wieder (wenn es denn je so war).

Wer sich die Frage gestellt hatte, ob der Widerstandsgeist von Lowtzow und Co mit dem Roten Album den Weg alles Irdischen gegangen ist, dem dürfte die Antwort noch am Morgen danach heftig in den Ohren geklingelt haben. Und wem das zu viel war: Ab nach Berlin. Dort ist auf der Volksbühne gerade René Polleschs Inszenierung "Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte" zu sehen - und zu hören. Eine moderne Oper. Musik: Dirk von Lowtzow.

Doch für den Moment noch einmal zurück in den Schlachthof. Dort bleibt der Abend ein weiteres Wogen. Lowtzow erhält bei der Bandvorstellung den passenden Beinamen "Auge des Orkans Tocotronic" von seinem Bassisten Jan Müller. Das Ende des offiziellen Sets kommt dann nach 70 Minuten fast etwas abrupt, die ersten Zugaben enthalten "Let there be rock" und, als finales Licht-Sound-Nebel-Experiment, "Explosion". Es wäre für Tocotronic-Verhältnisse und ihrer dem Publikum etwas abfordernden Attitüde ein angemessenes Ende gewesen. Dass sie trotzdem noch einmal zurückkehren und "Pure Vernunft darf niemals siegen" als Schlusspunkt setzen, passte aber auch. Nur eben wieder anders.

Torsten Klaus

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