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Tiroler Deutschrockband Frei.Wild gab sich bei ihrem Dresden-Konzert etwas zu betont unpolitisch

Tiroler Deutschrockband Frei.Wild gab sich bei ihrem Dresden-Konzert etwas zu betont unpolitisch

Panzer rollen über die Leinwand, Tierversuche werden gezeigt, Terroranschläge bebildert, kokainverschmierte Tische abgelichtet - die Welt gerät augenscheinlich aus den Fugen, doch all das gibt es nicht in Tirol.

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Der umstrittene Frei.Wild-Frontmann Philipp Burger rockte in der Dresdner Messehalle vor der verschworenen Fangemeinde der Südtiroler Band.

Quelle: Patrick Johannsen

Dort, wo die Berge schützend ihre Schatten werfen, Menschen bodenständig Brauchtum und Kultur pflegen und konsequent ihren eigenen Stiefel machen. Ganz in diesem Geist musiziert die aus Brixen stammende Band Frei.Wild, die Band mit dem Geweih, die aus dem Volke kommt und für das Volk spielt, die Band, die ganz klar beweisen will, dass sie aus Patrioten besteht, die doch gänzlich unpolitisch sind. Spätestens an dem Punkt wird der aufmerksame Zuhörer stutzig, denn fällt diese Bemerkung immer wieder, dann stinkt doch irgendwas ganz erbärmlich.

Die Frei.Wild-Fangemeinde ist überaus homogen, kaum einer, der nicht ein bis zwei Devotionalien am Körper trägt, wenn er nicht die Tattoos mit freiem Oberkörper zur Schau stellt. Die schlichten Texte kann jeder skandieren und wer den Anschluss verpasst, bekommt das entsprechende "Hey, Hey, Hey" via Videobotschaft visuell vermittelt. Doch nicht nur das, es wird auch klar definiert, wer in der Fangemeinde ist, der ist von den Guten, gemeinsam kämpft es sich leichter gegen Staat und Kapital. "Hoch hinaus, es geht voran, weil wir zueinander stehen, weil wir zusammen und wenn es hart kommt, Seite an Seite stehen". Mehr als eine klare Ansage an all diejenigen, die nicht ganz auf Gleichschritt stehen, oder doch nur provokant gemeint? Nun, es gibt da eine nationalsozialistische Vergangenheit des Sängers Philipp Burger, aus der macht er kein Geheimnis, ebenso wenig aus der Nähe zu den Böhsen Onkelz, die sich bis zu ihrer Auflösung immer wieder von vergleichbaren Vorwürfen verfolgt sahen und weder Image noch Fans loswerden konnten - im Falle von Frei.Wild die Jugendsünde eines naiven Teenagers? Schwer nachvollziehbar, denn bis heute pflegt Burger ein anderes Image und sympathisiert mit rechtspopulistischen Parteiprogrammen, eine Erkenntnis, zu der man mit einigen Klicks im Internet schnell kommt, und die Quellen begründen dies durchaus plausibel.

Auf der Jahresabschlusstour "Die Welt brennt" spielen Frei.Wild in vier Städten in jeweils ausverkauften Hallen, um die 40 000 Menschen werden die Konzerte erleben. Spätestens jetzt hat die Band einen Status erreicht, der nichts mehr mit Newcomer oder Underground zu tun hat, das Quartett ist aus dem Schatten der Onkelz hervorgetreten und propagiert eigene Sichtweisen zum Ehrgefühl, zur Heimatverbundenheit, zum Nationalstolz und zu einem unangenehmen Wir-Verständnis, in dem Sinne: Ganz egal, was man über uns und unsere Musik sagt, niemand wird uns ändern, wir wissen, wir sind auf dem richtigen Weg, denn "Sieger stehen auf, wo Verlierer liegen bleiben".

Das Archaische in den Texten trifft einen besonderen Nerv und bekommt einen fordernden musikalischen Rahmen. Bis auf wenige Ausnahmen werden die Instrumente schroff aneinandergereiht, Platz für Experimente jenseits der harten Saitenanschläge bleibt da kaum. Stattdessen motiviert das musikalische Konstrukt zu ausgelassenem Tanz mit viel Körpereinsatz und auch aktiven Auseinandersetzungen. Prinzipiell sind die mit eingepreist beim Kauf einer entsprechenden Konzertkarte, aber in aller Regel beschränkt sich diese Art der Unterhaltung auf Menschen mit Hang zu handfesten Argumenten und geschieht im gegenseitigen Einvernehmen.

Am Donnerstagabend waren diese Gesetze außer Kraft gesetzt, und wer nicht ganz ins entsprechende Raster mit Geweih auf dem T-Shirt passte, hatte gute Chancen, sich am Kräftemessen zu beteiligen. Diese Eigenart dann wieder im Kontext mit den hymnenhaften Gesängen auf das schöne Tiroler Land zu sehen, zeugt zunächst von einer gewissen Ironie, auf den zweiten Blick allerdings lässt das Zusammenspiel aller Faktoren keinen anderen Schluss zu. Immerhin schallt es von der Bühne permanent in einem ähnlichen Jargon, lass dich nicht beirren, fühle dich stolz, kämpfe für deine richtigen Ideale, die Heimat gilt es zu verteidigen - und das wird dann auch getan. Selbst wenn auf Initiative von der Band "Nazis raus" skandiert wurde, bleibt ein herber Beigeschmack nach dem Konzert haften, denn was jetzt Marketing und Show ist, kann an dieser Stelle nicht abschließend geklärt werden. Hinter Frei.Wild steckt ein lukratives Geschäft, in dem tausende Euro umgesetzt werden, wo Imagefragen ganz konsequent diskutiert werden müssen - damit die Musik das einträgliche Geschäft bleibt.

Übergriff nach dem Konzert

Nach dem Konzert kam es an einer Dresdner Tankstelle zu einem Angriff auf eine Kenianerin. Der Polizei zufolge könnten einige Konzertbesucher daran beteiligt gewesen sein, andere wurden als Zeugen gehört. Mehr dazu auf Seite 15.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.12.2011

Richard Werner

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