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Timm Thaler als halbmusikalische Show am Theater Junge Generation

Timm Thaler als halbmusikalische Show am Theater Junge Generation

"Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" Im Grunde hat James Krüss 1962 um dieses Bibelwort aus dem Matthäusevangelium herum seine Geschichte von Timm Thaler geschrieben.

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Quelle: Skira

Von dem Jungen, der sein bezauberndes Lachen an einen Typen verkauft, der alles zu haben scheint und die ganze Welt kaufen kann und doch im wahrsten Wortsinn ein armer Teufel ist, weil er nicht einmal zu lachen vermag. Timm hingegen begreift erst nach seinem aus materieller Not geschlossenen Pakt mit dem ominösen Baron Lefouet, wie sehr ihm sein Lachen fehlt. Und dass es ihm jene "innere Freiheit" von allen Fährnissen des Lebens verschafft, um die ihn der Teufel-Lefouet offensichtlich beneidet. "Teach me laughter, save my soul!" zitiert Krüss ein englisches Sprichwort.

Solche philosophischen Sentenzen vor allem aus dem zweiten Buch kommen ein bisschen kurz weg in einer ansonsten bewundernswert stringenten Bühnenfassung, die der renommierte Regisseur Dominik Günther aus den 200 Buchseiten selbst erstellt hat. Wie zuletzt bei Goethes Werther peppt Günther den Stoff pop-gemäß für ein junges Publikum von heute auf. "Ab 12" empfiehlt der Spielplan, aber die Premiere am Sonnabend im Theater Junge Generation (tjg) zeigte, dass auch Zehnjährige ohne Buchkenntnis leidenschaftlich folgen können. Das spricht für die Inszenierung, die sich anders als beim Werther nie in bloßer Anmache verliert und stets wesentlich bleibt. Krüss-Originaltöne mit Tiefgang passen erstaunlich gut hinein.

Wie schon die Fernsehverfilmungen erlaubt sich auch Günther einige Modifikationen und Zutaten. Die wichtigste ist die Musik, die die Inszenierung wie schon beim Werther in die Nähe eines Musicals rückt. Das von Günther offenbar bevorzugte Duo "Testsieger" holt mit High-Tech zwar erneut nichts sonderlich Originelles aus der elektronischen Kramkiste. Aber die Sounds bringen einigen Drive in die ohnehin aktionsreichen zwei Spielstunden, und hörspielartige Geräuschuntermalungen sind ein Gewinn.

In diesem von der Musik bestimmten Konzept wandeln sich auch die Schauspieler zu Entertainern und offenbaren stimmliche, instrumentale und tänzerischere Qualitäten. Marc Simon Delfs als Timm klimpert schon während des Einlasses auf der Bühne Gitarrenakkorde. Den Vertrag mit Lefouet probiert er gleich mit einem Nr.1-Hit "Ich will immer weitergehen" aus, aber eigentlich fällt ihm da wie den seelenlosen Schlagermachern schon nichts mehr ein. Reedereichef Rickert kommt uns in Gestalt von Ulrich Wenzke als ein jugendlicher Leichtfuß entgegen, dem zum Lagerfeuer-Gitarristen der Sechziger und Siebziger nur noch die langen Haare fehlen. Sein Potpourri heute noch mehr oder weniger bekannter Hits aus dieser Zeit ist der bejubelte Auftritt des Stücks schlechthin. "You are looking to my big brown eyes", beginnt auch Kreschimir zu singen. Der erscheint im Theater an der Meißner Landstraße als der lässig-sympathische farbige Kumpeltyp aus dem Kiez, Charles Ndong trifft ihn genau.

Selbstverständlich singen und tanzen auch Lefouet und sein Gehilfe Anatole. Letzterer ist eine passende Regie-Erfindung, in Person von Gregor Wolf einerseits der servile Butler, andererseits auch der Teufel light, wo er selber beißen darf. An seinen Herrn im Dracula-Outfit reicht er freilich nicht heran. Erik Brünner genießt wie schon im "Werwolf" beim tjg offenbar ein Abo aufs Diabolische. Gezeichnet wird er aber nicht nur als der platte Bösewicht, nein, seine Ränke und seine vermeintliche Allmacht haben auch etwas Faszinierendes. Beinahe neu erfunden hat Dominik Günther auch den exotischen Sektenführer Selek Bei.

Die Gender-Perspektive steht kopf, aus dem Greis im Original wird ein apartes, ja fast schon laszives Vollweib. Sara Klapp als Domina, die Gutes tut, die heimliche Kommunistin - auch dieser Regiezug geht auf. Bleibt noch Ulrike Sperberg als die geldgierige, zickige, hysterische und letztlich so armselige Stiefmutter. Eine Gestalt, die wiederum eng dem Buch entlehnt scheint.

Drei Etagen hat Heike Vollmer auf die Bühne gebaut, und sie lassen sich ziemlich gut den sozialen Klassifizierungen dieses Schon-fast-nicht-mehr-Kinderbuches zuordnen. Wer unten agiert, muss kriechen und den Kopf einziehen. Ganz oben die Superreichen. "Sie müssen sich das niedere Volk vom Leibe halten", fordert Lefouet Timm auf. Aber wer ist eigentlich reich und wer arm? Die Zuschauer an der Schwelle zur Pubertät kapieren schnell, dass Geld allein nicht glücklich macht. Was an Timms Figur ein bisschen fehlte, war dessen Emanzipationsprozess, seine erlernte Fähigkeit, in diesem lächerlichen Zirkus der Welt der Bosse zum Schein mitzuspielen und auf seine Chance zum Ausstieg zu warten. Bis er mit einem einfachen Trick das Wichtigste zurückgewinnt: sein mächtiges Lachen.

inächste Aufführungen: heute 19.30, 27. & 28.2., 1.3. jeweils 10 Uhr, 3.3. 16 Uhr

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.02.2013

Bartsch, Michael

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