Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 11 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Timm Rautert schenkt Dresden 30 Fotografien - und eine Ausstellung mit neun seiner Schüler

Timm Rautert schenkt Dresden 30 Fotografien - und eine Ausstellung mit neun seiner Schüler

Wirklichkeit, Lüge, Realität, Inszenierung - die Fotografie kann vieles abbilden. Sie ist als Kunstform natürlich aber auch mit Metaebenen verflochten, auf denen unter anderem die Befragung ihrer selbst erfolgt.

Etwas, dem Timm Rautert, einer der wichtigsten deutschen Fotografen und knapp 15 Jahre lang auch Professor an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, von Beginn seiner Arbeit an ebenso viel Aufmerksamkeit schenkte wie der klassischen Suche nach Sujets.

Teile dieser Selbstanalyse der Fotografie sind auch in der Ausstellung "Eine Klasse für sich" im Dresdner Lipsiusbau zu finden, die ab heute zugänglich ist. Sie spiegelt Rauterts Arbeiten an denen von neun seiner ehemaligen Schüler, die mittlerweile ebenfalls starke Handschriften für ihre Fotos gefunden haben. "Ich war sehr überrascht, wie sich alles verwebt und verquickt", sagte Rautert gestern zum Pressetermin unmittelbar vor der Eröffnung der Schau. Und fügte anerkennend hinzu: "Es ist auch eine einigermaßen komplizierte Ausstellung."

Ein erster Gang durch die Räume bestätigt diesen Eindruck. Manchmal stellt sich die Korrespondenz von Rauterts Fotografien mit denen seiner Schüler rasch her, manchmal bekommt sie der Betrachter aber nicht ohne weiteres geliefert. Kopfarbeit ist gefragt. Oder wie Rautert formulierte: "Wir brauchen den emanzipierten Betrachter."

Der Künstler, Jahrgang 1941, hat in seinen Arbeitsjahren an Themenfeldern so ziemlich alles durchschritten, was die Fotografie zu bieten hat: Porträts und Reportagebilder, die auch in großen Zeitungen erschienen, sozial engagierte Arbeiten, Abbilder von Künstlerkollegen - bis hin zu abstrakten Farbfolgen, wie er sie beispielsweise 1971 schuf, und zwar ganz ohne Kamera, indem er einfache Fotopapiere direkt und unterschiedlich lang belichtete. Im Lipsiusbau stehen diesen Abstufungen von hellgrau bis schwarz nun Adrian Sauers Arbeiten gegenüber. Sein großflächiges Werk "16.777.216 Farben" von 2010, das aus ebenso vielen winzigen Pixel-Quadraten besteht und als abstraktes Farbfeld wirkt, erscheint wie die folgerichtige Fortsetzung dessen, was Rauterts Belichtungsexperimenten innewohnt: die Auslotung der Möglichkeiten von Fotografie als Kunst, weit über die Motivsuche hinaus.

Das kann wohl auch als Kurzbeschreibung dessen gelten, was Rautert selbst als seinen "bildanalytischen Werkblock" bezeichnet. Dieses Konvolut aus 54 Arbeiten, die wiederum etwa 380 Fotos umfassen, hat nun in Dresden seine Heimat, konnte von den Staatlichen Kunstsammlungen erworben werden, wie Generaldirektor Hartwig Fischer gestern wissen ließ. Dazu kommt eine Schenkung von 30 Fotografien, die Rautert dem hiesigen Kupferstich-Kabinett gemacht hat. Sie seien ein Querschnitt aus seinem Gesamtwerk, sagte der Künstler. Fischer kündigte an, Rauterts bildanalytische Arbeiten erstmals vollständig zu publizieren und sie zum Forschungsgegenstand im Haus zu machen. Das alles werde den Bildbestand auch im internationalen Maßstab aufwerten, meinte Kurator Michael Hering. "Das hätten wir uns nicht träumen lassen."

Der Lipsiusbau wird zur Bühne für einige starke Bilddialoge. Rauterts "Selbst, im Spiegel", das den Fotografen nur als hellen Fleck zeigt (es gehört zum besagten bildanalytischen Werk), wird von Claudia Angelmaiers "Frau", einem schemenhaften Kopf wie hinter zerkratztem Glas, gekontert.

Ricarda Roggan zeigt ihre inszenierten Keller-Bilder, die in eigentümlichem Kontrast zu den Rautert-Fotos der Serie "Obdachlos durch Wohnungsnot" stehen, die wiederum vor mehr als 40 Jahren entstanden sind. Was damals Sozialstudien waren, wird bei Roggan zu einer Soziologie des Raums, der ohne menschliche Anwesenheit auskommt.

Der Österreicher Bernhard Fuchs wiederum porträtiert Menschen aus seiner Heimat, in dieser Ausstellung fast ein Alleinstellungsmerkmal. Der offene Blick der Aufgenommenen steht für die Empathie des Fotografen. Demgegenüber finden sich große, gespaltene Bildkompositionen Rauterts, die den Menschen aus seiner Umwelt endgültig herausgelöst, fast verstoßen haben. Ähnlich liegen die Dinge bei Sven Johnes Serie "Following the Circus", das als einziges Abbild von Heimatlosigkeit gelesen werden kann, als ein Manifest von Leerstellen.

Wo liegen die Koordinaten zeitgenössischer künstlerischer Fotografie? Diese Frage stellt sich beim Durchschreiten der Ausstellung. Gleichzeitig gibt sie Antworten darauf. Also nicht nur ein Dialog zwischen Künstlern, sondern auch einer mit Blick auf die Selbstverortung einer Kunstform. Dass "Eine Klasse für sich" dabei teilweise verstört, ist eine Zwangsläufigkeit.

bis 18. Mai, Lipsiusbau, geöffnet Di-So 10-18 Uhr, Eintritt 5 Euro (ermäßigt 4 Euro)

www.skd.museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.02.2014

Torsten Klaus

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr