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Timber Timbre aus Kanada spielten eine vorzügliche Visitenkarte im Beatpol

Timber Timbre aus Kanada spielten eine vorzügliche Visitenkarte im Beatpol

Vor allem bleiben zwei große Fragen, ja, Mysterien nach dem montäglichen Dresden-Auftritt der kanadischen Timber Timbre. Da wäre die Unbegreiflichkeit des Vorprogramms, das - schon gewusst? - nur in den seltensten Fällen vom örtlichen Veranstalter kommt.

Zumeist stellen es die überregionalen Agenturen, das Label oder die Haupt-Band selbst zusammen. Dass es dabei immer wieder echte Entdeckungen gibt wie Totalausfälle, ist gängig. Diesmal aber dominierte beißende Ratlosigkeit.

Timber Timbre hatten ihr "Zuvor" selbst gewählt. Adam Byczkowski lebt in Berlin und firmiert unter Better Person - was an sich schon eine sportliche Namenswahl ist. Mit quäkigen Synthi-Konserven ist er in seiner Halbplayback-Disko-Attitüde nicht nur meilenweit von dem entfernt, was Timber Timbre künstlerisch ausmachen, er ist auch noch grottig und wird trinkend-singend als eine Art Kai aus der Kiste in die Annalen eingehen. So, als hätte er sich seit den Achtzigern irgendwo in den Beatpol-Hinterräumen versteckt gehalten und sei nun zufällig beim Aufräumen entdeckt worden. Für wache Zuhörer war der Ausweg nur der Fluchtweg.

Sollte Timber-Kopf Taylor Kirk geplant haben, durch Better Person den Fokus allein auf sein Projekt zu richten - Chapeau! Rätselhaft aber ist das schon. Rätselhaft auch, wie konsequent Kirk mit der Optik umspringt. Eine Art Grundnebel weicht über die gesamte Länge des Abends nicht von der Bühne, das Licht kommt - angewiesen - konsequent von hinten und oben und so, dass die Band bestenfalls als Silhouette wahrzunehmen ist. Gesichter? Gesten? Nur Ahnungen davon!

Dazu passt, dass Taylor Kirk zunächst freundlich, dann zunehmend giftig sein Fotografier-Verbot im Publikum durchsetzt. Anderswo standen Konzerte wegen unpässlichem Geknipse schon vor dem Abbruch. Passt alles zum 2015er Tourplakat, das Kirk im Stile einer "Most Wanted"-Fahndung zeigt. Gesucht wird... die Antwort.

Noch rätselhafter als zuvor

Wunderbar, dass es sie nicht gegeben hat. Timber Timbre bleiben musikalisch "spooky", geheimnisvoll, cineastisch wie von Tarantino entdeckt, ohne flüchtige Chance, ihren Code zu knacken. Alles, was im Vorfeld auch an dieser Stelle über die Band geschrieben wurde, stimmt. Und ist dann doch noch ein wenig spannender als erhofft.

Nach Dresden kamen sie letztlich zu fünft. 2015 ist das eben so. In Kürze oder Länge könnte es anders aussehen. Dann wieder mit Geigerin, Sitzgitarrist oder Hütchenspieler. Grandios ist, wie Kirk dem Konzert (s)eine innere und äußere Dynamik verleiht, wie er ein Knistern ins Programm bringt, das sich wechselseitig aus dem Material an sich und der jeweiligen Umsetzung ergibt.

"Hot Dreams", das bislang letzte Album, ist dabei Fundament und Motto. Zu merken ist, dass auch diese Platte schon wieder über ein Jahr gärt und reift. Timber Timbre sind fokussiert darauf, ihren Status quo zu spielen. Das, was war, zählt kaum, das, was sein wird, überhaupt nicht. Diese Montagsstunde zerfiel nicht in ihre Teile, obwohl sie mehrere Teile offerierte.

Zunächst regiert Klarheit im Song, gibt es nur die Ahnung davon, wohin die Lieder ausbrechen könnten. Basis sind wunderbare Orgeltöne, fuzzy Gitarren, all die Atemwege, die sich seit den Fünfzigern in der Populärmusik kreuzen. Dort, wo sich der Rockabilly selbst ausbremst, wo er Psychedelics aufnimmt, vor allem aber dort, wo in Jahrzehnten auf höchst individuelle Weise gesungen wurde. Taylor Kirk ist ein großer Bariton, doch selbst hierbei sorgt der gewöhnungsbedürftige Monitormix zunächst für Fremdeln. Positiv gestimmt, muss man sagen, dass Taylors Stimme nicht ausgestellt wird, eher integriert. Böse Zungen sagen "versuppt" dazu. Ist auch das Teil eines Mysteriums? Sollen die Visionen vergleichbarer Sänger/Bands nicht zu sehr drängen? Nicht die Nick-Cave-Momente, die, in denen Timber Timbre uns die Wovenhand reichen. Oder den Tinderstick. Dead Western? Freilich, auch den! Als das Quintett nach der Hälfte des Auftritts komplett ist, sich ein zunächst charmantes, schnell bärbissiges Tenor-Sax in die Stücke bohrt und Timber Timbre genau daran wachsen, ausgespielter, freier sind und einige Ahnungen vom Beginn Gewissheit werden dürfen, zieht Unverwechselbarkeit ein.

Timber Timbre aus Toronto/Kanada werden noch mal rätselhafter, als sie es vorab von Platte und live bis dahin schon waren. Jetzt kann Taylor Kirk sogar mit dem prächtig gefüllten Beatpol jonglieren. "Run From Me", diese Hommage an frühe Edel-Crooner im Rock'n'Roll, bekommt Pausen, die provozieren. Man muss das aushalten. Man hält es aus.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.07.2015

Andreas Körner

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