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Till Reiners kombiniert bei seinem Auftritt in der Groovestation Poetry-Slam und Kabarett

Till Reiners kombiniert bei seinem Auftritt in der Groovestation Poetry-Slam und Kabarett

Till Reiners ist 26 Jahre, hat Politikwissenschaften studiert und lebt in Berlin. Doch Berufspolitiker werden kann er nicht, das ist sein Vater schon. Auch die ausschließliche Beschäftigung mit der deutschen Sprache ist dank einer Germanistin als Mutter tabu.

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Till Reiners

Da er aber nun mal das Ergebnis dieser Elternpaarung ist, wählt er die Mitte und wird Kabarettist. Naja, er steht auf der Bühne, redet viel, regt sich auf über die Zustände, die ja immer irgendwie herrschen, und räumt damit ab.

Reiners spielt mit dem Gefühl der eigenen Hilflosigkeit, die jeder kennt, der sich nur ein wenig mit dem Weltgeschehen auseinandersetzt. Für die sich daraus ergebende Wut gibt es, sagt der Künstler, zwar immer ein Ventil, nie jedoch eine Lösung. Aber die Wahrheit braucht ja bekanntlich erst einmal einen, der sie geschickt formuliert. Ab und zu zieht er sich dafür ein lehrerbeiges Cordsakko über, dann ist er besonders aufgebracht und besonders wahr. Er erklärt, dass für uns Deutsche die Wut als einziger Treibstoff bleibt, weil wir schließlich kein Öl haben. Wir schüren unsere eigene Machtlosigkeit, indem wir nicht vorhandenes Öl ins Feuer gießen. Die Bühne der Groovestation ist dazu glutrot ausgeleuchtet, ein atmosphärischer Trick, der vermutlich niemandem weiter aufgefallen ist.

Es ist Reiners erstes Soloprogramm. Mit "Da bleibt uns nur die Wut" versucht er in anderthalb Stunden, das Bewusstsein des Publikums in die Wunden des deutschen Systems zu drücken. Dafür stigmatisiert er Personen, die Schuld tragen, weil sie gleichzeitig Ursache und Opfer sind: Zukunftsverweigerer, alte Menschen, Erfolg vorgaukelnde Rollkofferträger, unwitzige Comedians und die Murats dieser Welt, die Deutschland vor allem braucht, damit es für die Unterschicht noch Hoffnung gibt, denn "wenn eine Randgruppe noch einen Rand findet, fühlt sie sich in der Mitte der Gesellschaft". Mit schelmischem Instinkt findet er einiges, was andere vor ihm auch schon scheiße gefunden haben, äußert aber immer mal wieder einen Gedanken, über den man tatsächlich ein paar Sekunden nachdenken kann. Das ist mutig, weil Bühnenhumor nicht überfordern darf. Reiners ist nicht Barth, er muss mit seiner Show nicht bis in die dümmsten Ecken des Mediamarktes durchdringen.

Aber auch er weiß, dass Tiefsinniges möglichst wenig komplex serviert werden muss, um anzukommen. Es ist das Oxymoron des bildungsnahen Anspruchs. Dessen Überwindung ist ein Seiltanz, bei dem es hilft, öfter mal lockerzulassen, um dann kurz wieder anzuziehen. Kurz überspannt Reiners, erzählt ein paar intellektuelle Kalauer, die er dem Publikum danach erklären muss, weil niemand erst bei Wikipedia nachlesen will, um lachen zu können.

Mit seinem Programm erfindet Reiners weder das Kabarett noch die Slam-Kultur neu. Aber er nutzt von beidem die besseren Elemente, um den Abend unterhaltsam zu machen. Kein Holzhammer, kein Verlieren in den Metaebenen des eigenen Bildungshorizonts. Vielleicht schafft er es so ja doch noch in die Politik.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2012

Juliane Hanka

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